Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Friedrich Naumann - von Sachsen zur liberalen Weltpolitik [Druckversion]
Friedrich Naumann - von Sachsen zur liberalen Weltpolitik
Rede von Ina Albowitz, MdB zur Eröffnung der Ausstellung "Friedrich Naumann - Von Sachsen zur liberalen Weltpolitik" am 19.05.2001 in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach.
Seit ihrer Gründung vor mehr als 40 Jahren verfolgt die Friedrich-Naumann-Stiftung das Ziel, auf der Grundlage des Liberalismus, politische Erwachsenen-Bildung in Deutschland zu vermitteln und damit die aktive Mitwirkung des Bürgers am politischen Geschehen zu fördern.
Die Anliegen der Friedrich Naumann Stiftung sind, politisch Interessierten, insbesondere der heranwachsenden Generation, Wissen im Sinne der liberalen und sozialen Ziele Friedrich Naumanns, also ihres Namenspatrons, näher zu bringen, Persönlichkeitswerte lebendig zu halten und moralische Grundlagen in der Politik zu festigen.
Immerwährende Aufgabe der Friedrich Naumann Stiftung ist es aber auch, der Geschichtsvergessenheit entgegenzuwirken. Denn nur ein Bewusstsein für die geschichtlichen Veränderungsprozesse macht überhaupt Mut zur politischen Gestaltung.
Einen solchen Beitrag, politische Geschichte und geschichtliche Figuren in das Bewusstsein der Menschen zu rufen, leistet die Ausstellung: "Friedrich-Naumann - Von Sachsen zur liberalen Weltpolitik", denn die Ziele, die der evangelische Pastor, Schriftsteller und liberale Politiker, der Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann, verfolgte, sind es auch heute noch Wert, dass sich Liberale ihrer erinnern und sie hinterfragen.
Blicken wir also gemeinsam in Ausschnitten auf Persönlichkeit und Werk dieses großen Liberalen zurück!
Friedrich Naumann wurde am 25. März 1860 als ältestes von 8 Geschwistern in Strömthal, einem kleinen Ort in der Nähe von Leipzig geboren. Dort steht auch heute noch sein Geburtshaus.
Der Vater, Friedrich Hugo Naumann, ist dort und anschließend in Lichtenstein (Sachsen) als lutherischer Pfarrer tätig. Seine Mutter Agatha Ahlfeld ist die Tochter des Leipziger Pfarrers Friedrich Ahlfeld.
Er besucht die Volksschule in seiner Geburtsstadt. Nach der Volksschulzeit wechselt er zunächst auf das Nikolai-Gymnasium in Leipzig und schließlich ab 1876 auf die bedeutende Fürstenschule St. Afra in Meißen, wo er 1879 sein Abitur ablegt.
Bedingt durch seinen familiären Hintergrund und von seinem Vater unterstützt, entscheidet sich Friedrich Naumann, obwohl er auch an einem Mathematikstudium interessiert ist, für ein Theologiestudium in Leipzig und Erlangen.
Nachdem er 1883 den ersten Teil des theologischen Examens in Leipzig abgelegt hat, beginnt er noch im selben Jahr als Oberhelfer - heute vergleichbar mit der Tätigkeit eines Sozialarbeiters - im "Rauhen Hause" in Horn bei Hamburg.
Das "Rauhe Haus" - eine Erziehungseinrichtung der Inneren Mission - , war ein Heim für verwaiste oder verwahrloste Kinder.
Dort wird Naumann mit der sozialen Wirklichkeit der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums konfrontiert. Seine Tätigkeit geht einher mit seinem unmittelbaren erzieherischen und sozialfürsorglichen Engagement.
Naumann kommt zu der Erkenntnis, dass die einfachen Begriffe des täglichen Lebens wie Schuld und Strafe, Sühne und Heiligung, Beistand Schutz und Trost ohne System ebenso sicher sind als mit dem System der Kirchenlehre.
Dieser Blick für die Wirklichkeit und Realität prägt ihn fortan.
Nachdem er 1885 in Leipzig sein 2. theologisches Examen abgelegt hat, arbeitet er ab 1886 4 Jahre im Pfarramt im sächsischen Langendorf, einem damals typischen Arbeiterdorf. Auch hier erfordern die lokalen Gegebenheiten sein starkes soziales Engagement.
Er sucht den Kontakt zu den kleinen Leuten und versucht ständig diesen noch weiter zu intensivieren: Durch Gottesdienste unter freiem Himmel - den sogenannten Waldgottesdiensten - gelingt es ihm ,bis zu 2000 Menschen zu versammeln.
In Langendorf verfasst Naumann auch seine ersten Schriften, beginnend mit einem Arbeiterkatechismus.
Dieses frühe Werk demonstriert nicht nur Naumanns Bemühen um die Rechte der Arbeiter, soziale Freiheit und Gleichheit, sondern reflektiert auch seine sozialfürsorgenden Erfahrungen.
1889 heiratet er Magdalene Zimmermann. Sie stammt ebenfalls aus einer Pfarrfamilie in Sachsen.
1890 folgt die Rückkehr zur Inneren Mission als geistlicher Betreuer sozialer Einrichtungen in Frankfurt.
Ab hier beginnt auch Naumanns politische und seine intensive publizistische Tätigkeit.
1895 begründet Friedrich Naumann seine eigene Wochenzeitschrift "Die Hilfe".
Erste Probenummern erscheinen schon Anfang Dezember 1894.
Zu den Redaktionsmitgliedern gehören u.a. auch Theodor Heuss und Gertrud Bäumer.
"Die Hilfe" wurde ein Jahr später gewissermaßen das Sprachrohr des 1896 als politische Partei gegründeten Nationalsozialen Vereins. Wichtige Programmpunkte waren:
- die Reform des Wahlrechts auf Kommunal- und Länderebene
- und die Stärkung der Rechte der Frauen.
Im Jahr 1900 veröffentlicht Naumann sein Buch "Demokratie und Kaisertum", eines seiner erfolgreichsten Werke. Darin erhebt er eine Bestandsaufnahme des deutschen Parteiensystems.
Naumann kommt zu dem Schluss, dass die alte Elite ihren Anspruch auf die politische Führung verwirkt habe, aber eine regierungsfähige neue Elite noch nicht bereit stehe. Er hofft daher, dass Kaiser Wilhelm II sich künftig auf die Mehrheit des Volkes stützen und sich an die Spitze des "Ringens um Fortschritt und Modernisierung" stellen wird.
1901 gründet Friedrich Naumann eine Wochenzeitschrift mit dem Namen "die Zeit", nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen 1897 mit einem Fiasko noch im Erscheinungsjahr endenden Tageszeitung:
Diese hatte nie mehr als 6.000 Abonnenten - wurde also bald wieder eingestellt. Beide stehen allerdings in keinem Zusammenhang mit der uns heute bekannten Wochenzeitschrift "Die Zeit".
Sein vielfältiges herausgeberisches und journalistisches Engagement verweist auf sein aufgeschlossenes Interesse an kultureller Deutung, Begleitung und Einflussnahme. Die meisten seiner politischen Bücher wurden - wie man heute sagt - Bestseller.
Dem 1896 gegründeten Nationalsozialen Verein, in dem sich einerseits Wissenschaftler wie Lujo Brentano, Rudolf Sohm und Max Weber, andererseits hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker wie Gustav Stresemann, Theodor Heuss, Elly Knapp und Gertrud Bäumer zusammenfanden, war kein großer Erfolg beschieden.
Diesem politischen und publizistischen Engagement Naumanns folgte sein endgültiges Ausscheiden aus dem Pfarramt und der Umzug in das damals wie heute politische Zentrum: nach Berlin.
Die Verabschiedung aus dem Pfarrberuf erscheint gleichsam als institutionelle Dokumentation für die schon Jahre zuvor begonnene und sich immer deutlicher abzeichnende Einsicht Naumanns in die Wesensverschiedenheit von Religion und Politik.
Das Abschneiden des Nationalsozialen Vereins bei den 2 Reichstagswahlen von 1896 und 1903 gleicht aber beinahe einer vollkommenen Katastrophe: Er erhält bei den Wahlen 1903 mit 0,3 % = 30.000 Stimmen nur ein Reichtagsmandat.
Aus diesem schlechten Abschneiden zieht Naumann die Konsequenzen und betreibt federführend den Anschluss an den "Verein der Freisinnigen Vereinigung", dem linksliberalen Wahlverein von Thomas Barth. Schließlich wird der nationalsoziale Verein aufgelöst und Friedrich Naumann tritt mit der Mehrzahl seiner Gesinnungsfreunde im Jahre 1903 zur Freisinnigen Vereinigung über.
Im selben Jahr wird Naumann von der Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde der Theologie verliehen.
Von diesem Zeitpunkt an findet man ihn nicht nur ideell, sondern auch parteipolitisch unmittelbar dem liberalen Lager angeschlossen. Naumann selbst spricht in diesem Zusammenhang von dem "Hineinbegeben in die Konstruktion des deutschen Liberalismus". Sein Ziel ist es, den Liberalismus "zur führenden Macht der freiheitlichen Entwicklung" zu machen.
Mit der Freisinnigen Vereinigung schafft Friedrich Naumann 1907 den Sprung in den Reichstag - nicht zuletzt dank seines jungen Wahlkampfleiters Theodor Heuss, in dessen Heimatstadt Heilbronn er kandidierte.
Nach der Wahl gehen die bis dahin als Splitterparteien miteinander konkurrierenden linksliberalen Organisationen - Süddeutsche Volkspartei, "Freisinnige Vereinigung" und "Freisinnige Volkspartei" - eine Fraktionsgemeinschaft ein und schließen sich 1910 zur "Fortschrittlichen Volkspartei" zusammen.
Als deren Vertreter bleibt Naumann bis zum Jahre 1918 Mitglied des Reichstages.
Dies allerdings mit einer kurzen Unterbrechung:
1912 scheitert er bei der Wiederwahl in Heilbronn. Erst ein Jahr später kehrt er bei einer Nachwahl in Waldeck-Pyrmont in die Volksvertretung zurück.
1914 brach der erste Weltkrieg aus, und Naumanns Reformideen traten in den Hintergrund.
1915 veröffentlicht er erste europäische Thesen, die aber mit den heute verfolgten europäischen Zielen nichts gemein haben. Die Programmschrift "Mitteleuropa" , in der diese Thesen veröffentlicht wurden, wurde damit sein erfolgreichstes aber auch umstrittenstes Werk.
1918 gelingt sein langgehegter Wunsch, mit finanzieller Unterstützung des Industriellen Robert Bosch, eine "Deutsche Hochschule für Politik" - eine sogenannte Staatsbürgerschule - in Berlin in die Realität umzusetzen. Heute ist diese Hochschule als Otto-Suhr-Institut Bestandteil der Freien Universität zu Berlin.
1919 wählt die neue "Deutsche Demokratische Partei" Naumann zu ihrem Vorsitzenden und zum Spitzenkandidaten für die Weimarer Nationalversammlung in Berlin. Die Liste Naumann wird bei den anstehenden Wahlen mit 75 Sitzen drittstärkste Kraft im Parlament.
Am 24. August 1919 stirbt Friedrich Naumann im Alter von 59 Jahren während eines Urlaubs in Travemünde.
Obwohl ihm die wirklich große politische Anerkennung zu Lebzeiten versagt blieb,
bewirkte Friedrich Naumann viel in seinem Leben, so dass man auch heute noch seiner gedenkt, und nicht nur, weil die FNST seinen Namen trägt.
Naumann war als Redner und Schriftsteller einer der bedeutsamsten Personen seiner Zeit.
Als seine Vermächtnisse gelten 2 entscheidende politische Initiativen und vor allem das, was Naumann für den Liberalismus getan hat und was heute noch Gültigkeit hat.
Mit seinem Namen eng verbunden ist, sein großer, vielleicht der entscheidende Anteil an der Neuregelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche in der Weimarer Reichsverfassung.
Sie war durch den Sturz der deutschen Monarchie, die zugleich das Ende der bischöflichen Stellung der Landesfürsten bedeutete, notwendig geworden - vor allem für die evangelischen Kirchen -, denn damit wurden sie vom Staat unabhängig,
aber welche Rechtsnorm sollten sie nun haben? Naumann überzeugte die traditionell kirchenferne Sozialdemokratie, dass die Kirchen am besten Körperschaften des öffentlichen Rechts würden. So geschah es und so ist es bis heute geltendes Verfassungsrecht.
Seit dem Einigungsvertrag und dem Beitritt der ehemaligen DDR wurde dies auch im Grundgesetz mit den östlichen Bundesländern beschlossen.
Das 2. Vermächtnis wurde zwar nicht Teil der Weimarer Verfassung, bleibt aber indes gleichwohl bemerkenswert: Friedrich Naumanns "Versuch volksverständlicher Grundrechte".
Er legte seinen Text dem Verfassungsausschuss der in Weimar tagenden Nationalversammlung 1919 als Antrag vor. Naumann wollte, dass die Grundrechte in Inhalt und Stil bürgernah sind. So formulierte er zum Beispiel traditionelle Formeln wie "alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich"; aber auch ganz aktuell " Schulden bezahlen ist öffentliche und private Pflicht" oder "Lohnfragen sind Daseinsfragen", ja sogar "Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen".
Der Antrag wurde zwar nicht Gesetz, bemerkenswert jedoch war die Absicht, den Individualrechten, jenem unverzichtbare Erbe des klassischen Liberalismus, Individualpflichten beizugesellen.
Denn, so Naumanns Begründung, je höher das Recht des einzelnen Staatsbürgers wachse, desto höher seien auch seine Pflichten gegenüber dem Staat und der Gemeinschaft.
Das dritte und wohl wichtigste Vermächtnis Friedrich Naumanns gilt aber den Themen, die auch für die heutigen Liberalen außerordentlich wertvoll sind:
- Die Erneuerung des Liberalismus,
- der berühmte Naumann-Kreis,
- und das, was Naumann seiner Zeit zur politischen Erziehung - oder wie wir uns heute ausdrücken würden - zur politischen Bildung, sagte:
Bezüglich der Erneuerung des Liberalismus sind nicht konkrete programmatische und taktische Ziele gemeint, sondern Erkenntnisse, dass sich liberale Ziele nur dann erreichen lasen, wenn sie genügend gesellschaftliche Unterstützung und Akzeptanz finden.
Er formulierte eine von den Liberalen bis heute ungelöste Aufgabe, nämlich eine wirkliche Volkspartei zu werden und befand, dass ein allgemeiner deutscher Liberalismus von Nöten sei: Eine Volkspartei, in der Demokratie und Nationalsinn beieinander wohnen, eine Breite schaffende Mehrheitspartei. Dazu müsse sich, so Naumann, der Liberalismus als Partei besser organisieren, um den demokratischen Wettbewerb mit den anderen Parteien, den Klerikalen und den Sozialisten, gewachsen zu sein. Wenn ich den zur Zeit laufenden Dialog in meiner Partei in der Öffentlichkeit betrachte, war Naumann nie aktueller denn heute.
In diesen Zusammenhang passt auch der sogenannte "Naumann-Kreis": ein Netzwerk, dem ca. 1700 Personen angehörten und dass sich sozial gesehen vom Großbürgertum über das Bildungs- und Kleinbürgertum bis in die Arbeiterschaft erstreckte.
Aus diesem Kreis - heute würde man Netzwerk sagen - bildete sich fast die gesamte liberale Elite heraus.
Friedrich Naumann hat sich auch immer als Lehrer und Volkserzieher verstanden, der in Rede und Schrift die Mitbürger, ob jung oder alt, ob Frau oder Mann, zur Mündigkeit hinzuführen versuchte. So entwickelte er, wie bereits erwähnt, die Idee einer Staatsbürgerschule für Politik. An dieser lehrte später auch der erste Bundespräsident der BRD Theodor Heuss.
Dass die Weimarer Republik u a. daran scheiterte, weil es zu wenig überzeugende Demokraten gab, zeigt aber deutlich, dass politische Bildung eine langfristige Aufgabe ist, die heute von allen politischen Stiftungen und auch von den Schulen wahrgenommen werden muss.
Dem Ziel der politischen Erwachsenen-Bildung hat sich auch die 1958 gegründete Friedrich Naumann Stiftung verschrieben. Sie wurde in bewusster Nachfolge des politischen Erziehers Naumann gegründet und hat sich seinem Erbe verschrieben.
Seit 1958 ist sie bestrebt, dem Prinzip Freiheit in Menschenwürde in allen Bereichen der Gesellschaft Geltung zu verschaffen und im Sinne Friedrich Naumanns möglichst vielen Menschen liberale Vorstellungen näher zu bringen.
Dafür ist die FNST nicht nur im Inland sondern in aller Welt im Einsatz.
Sie fördert und unterstützt Institutionen und gesellschaftliche sowie soziale Gruppierungen in Entwicklungsländern aber auch in den Ländern des ehemaligen Ostblocks mit dem Ziel:
- einen Beitrag zur Festigung demokratischer Strukturen zu leisten;
- die Bevölkerung am politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozess stärker zu beteiligen
- und die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Partnerländer zu verbessern.
Dies geht nicht immer ohne Konflikte - wie das Engagement für Tibet gezeigt hat- , aber Liberale kämpfen für Grundrechte, wenn sie davon überzeugt sind.
Machen Sie sich nun selbst ein Bild von dem Mann, in dessen Namen die Friedrich Naumann Stiftung weltweit im Sinne seiner Lebensphilosophie tätig ist.
Ich erkläre hiermit die Ausstellung "Friedrich Naumann - Von Sachsen zur liberalen Weltpolitik" für eröffnet und wünsche ihnen zum Tag der Archive einen informativen Tag und ein erfolgreiches Miteinander.
http://www.fnst.org © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit