Robert von Rimscha
Millionen ZDF-Zuschauer haben Ende 2003 Willy Brandt zu einem der drei größten Deutschen aller Zeiten gewählt. Am 17. Dezember 2003, am Vorabend von Brandts neunzigsten Geburtstag, feierte auch die SPD-Führung ihren langjährigen Vorsitzenden und Ex-Kanzler in der Berliner Parteizentrale. Die Veranstaltung war aufschlussreich für die geistige Befindlichkeit der Republik und die Selbstverortung der deutschen
Linken. Denn während das Wort »Moskau« in den Reden von Gerhard Schröder, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Egon Bahr nicht ein einziges Mal auftauchte, fand der Begriff »Washington« zigfache Erwähnung.
»Wir machen den Krieg im Irak nicht mit: Das ist Politik in der Nachfolge Willy Brandts!«, rief Bahr. Brandt habe sich in Konflikte jenseits deutscher Grenzen einfühlen können und sich eben nie zu den einfältigen
»Sprüchen des einen oder anderen in den USA« hinreißen lassen, meinte
Wieczorek-Zeul. Brandts Erbe, so der Kanzler, seine Ministerin und der Spiritus Rector der Ostpolitik, bestehe in einer Friedenspolitik, die sich praktisch als Opposition gegen die USA manifestiere.
Das deutsche Amerika-Bild des Jahres 2003 wurde überschattet vom Krieg im Irak. Die Regierung von George W. Bush wurde primär als außenpolitischer Akteur wahrgenommen. Und Europa bezog eindeutig Stellung. Wie immer sich die Regierungen auch verhielten, die Mehrheiten der Bevölkerung lehnten den zweiten US-Feldzug gegen Saddam Hussein ab. Doch der Applaus, den Bundeskanzler Gerhard Schröder seit dem
Wahlkampf 2002 erhielt, wenn immer er amerikanische »Abenteuer« ablehnte, war nur die eine Seite der Medaille. Nicht minder bejubelt wurde die zweite Festlegung des Kanzlers: Dass es nämlich trotz aller Reformnotwendigkeit in der Bundesrepublik dabei bleibe, dass »amerikanische Verhältnisse« nicht erwünscht seien.
Der Sozialreformer Bert Rürup hat noch nach der Einigung des Vermittlungsausschusses am Morgen des 15. Dezember 2003 beteuert, Deutschland bleibe »weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt«. Nun hat die Reformdebatte das Innenleben Deutschlands 2003 mindestens ebenso geprägt wie der Irak die internationale Politik. Und so stellt sich die Frage nach den Querverbindungen. Könnte hinter der scharfen Ablehnung des Waffengangs gegen Saddam mehr stecken? Verbirgt die Ablehnung des Irak-Krieges eine andere, eine tiefergehende
Furcht vor Bush und allem, wofür er steht?
In einem Positionspapier der Parlamentarischen Linken innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion vom 5. November 2003 wird diese Verbindung gezogen, aber von der deutschen Debatte ausgehend. Im Kern gehe es im Streit über die Agenda 2010 des Bundeskanzlers gar nicht um den Aufbruch von Verfestigungen in den bundesrepublikanischen
Strukturen, sondern um viel Grundsätzlicheres, schreiben die Autoren, darunter die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Michael Müller und Gernot Erler: »Von daher geht es heute nicht nur um Reformen für
unser Land, sondern auch um eine viel weitergehende
›Systemauseinandersetzung‹ zwischen liberalem Kapitalismus und der Erneuerung des Modells der sozialen Demokratie.«
Liberaler Kapitalismus: Damit meinen die Autoren die USA. Was also ihrer Analyse nach eigentlich an Amerika abzulehnen ist, bezieht sich weniger auf das außenpolitische Handeln Washingtons als auf die innere Verfasstheit Amerikas. Nicht was die USA tun, wird abgelehnt, sondern das, was Amerika ist. Michael Müller hat diesen Gedankengang am 17. November 2003 beim SPDBundesparteitag in Bochum erneut aufgegriffen:
»Wir können auch nicht leben mit einem amerikanischen Modell, das auf die Verschuldung der ganzen Welt setzt und damit letztlich auf einen neuen Kolonialismus.«
Im Klartext bedeutet dies, dass Müller, Erler und andere behaupten, ein reformiertes Deutschland nach der völligen Umsetzung der Agenda 2010 sei noch immer etwas grundlegend anderes als Amerika. Dass ihnen diese Einschätzung selbst ein wenig peinlich zu sein scheint, kann man vielleicht an den Gänsefüßchen rund um das Wort
»Systemauseinandersetzung« ablesen, immerhin dem Leitbegriff aus dem Kalten Krieg. Diese Systemauseinandersetzung wird heute eher behauptet, als dass es sie noch gibt. Sie muss aber behauptet werden,
weil man sich an sie klammert.
Warum? Weil in einer unübersichtlichen Welt darauf beharrt wird, es gäbe originär europäische Werte und Standards. Weil diese in Abgrenzung zu den USA definiert werden. Weil, wer sich schon durch Reformen anpassen muss, zumindest die zivilisatorische Höherwertigkeit seines Staatssystems
behaupten möchte. Denn dies macht die nötige Veränderung erträglicher. Diese Wechselwirkung, in der ein sichtbares Element der Selbsttäuschung steckt, soll hier beleuchtet werden. Als Kern wird eine schizoide Grundhaltung sichtbar: Je mehr wir Amerika sind, desto mehr lehnen wir Amerika ab.
Amerikas Barbarei
und Europas Überlegenheit
Beim Erweiterungsgipfel der EU im Frühjahr 2003 in Athen pries Gerhard Schröder Europa. Hier sei der Wert der »sozialen Teilhabe « zentral – anders als in den USA. Wo, und solche Kriterien der sozialen Teilhabe im
Alltag sollte ein sozialdemokratischer Kanzler vielleicht mit im Blick haben, mehr Menschen selbstbestimmt und eigenverantwortlich in den eigenen vier Wänden wohnen. Wo weniger Bürger arbeitslos sind, was wohl
den gröbsten Verstoß gegen Gerechtigkeit, freie Selbstentfaltung und Teilhabe darstellt. Wo mehr Arbeiterkinder studieren.
Ein hoher Vertreter eines Schröder-Partners in der Anti-Kriegs-Allianz hatte mit Blick auf die USA für die Europäer in Anspruch genommen: »Wir sind so viel menschlicher!« Bundespräsident Johannes Rau rang sich in
seiner »Berliner Rede« vom 19. Mai 2003 zu einer vorsichtigen Bejahung der These durch, Widerstand gegen die USA sei Teil der europäischen Identitätsstiftung: Es zeuge von »richtigem Gespür«, so das Staatsoberhaupt, wenn man die »gemeinsame Haltung der Völker Europas« gegen den Irak-Krieg als »Grundstein einer europäischen Nation« betrachte.
Solche seiner Ansicht nach abwegige Gedanken griff der britische Historiker Timothy Garton Ash in der »New York Times« vom 30. Mai 2003 auf, als er schrieb: »Europa muss eine unbequeme Frage beantworten, und dies offen tun. Will es Partner oder Rivale der USA sein? (...)
Drastische Behauptungen werden über die qualitativen Unterschiede zwischen einem amerikanischen Modell einer brutal-individualistischen
›Markt-Gesellschaft‹ und einem europäischen Modell der sozialen Solidarität und des Wohlfahrtsstaates aufgestellt. Einige sind der Ansicht, man könne einen Kanon ›europäischer Werte‹ identifizieren, die sehr anders und besser als amerikanische seien. (...) Europäer räkeln sich offenbar gern in dem, was Sigmund Freud den ›Narzissmus des kleinen Unterschieds‹ nennt.«
Viele im alten Europa – hier macht die berühmt-berüchtigte Unterscheidung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld leider Sinn – sind fest davon überzeugt, dass Europa zivilisierter, besser und gerechter als Amerika sei. Johannes Rau teilt diese Überzeugung. Gerhard Schröder teilt diese Überzeugung. Natürlich spricht er sie als
Kanzler nie aus. Aber sie blitzt auch beim deutschen Regierungschef zuweilen hervor. Die gesamte bundesrepublikanische Irak-
Debatte, von der Rüge amerikanischer »Abenteuer« während des Bundestagswahlkampfs 2002 in Hannover über die Absage an eine deutsche Beteiligung im Irak unabhängig von der Entscheidung der Vereinten Nationen bis zum leicht verkaterten »Njet von Goslar«, der Ankündigung, einer Gewalt legitimierenden UN-Resolution in keinem Fall
zuzustimmen, war nur eine Übersetzung. Die Übersetzung eines tiefen Verdachts in das außenpolitische Tagesgeschäft.
Der europäische Verdacht lautet: Amerika handelt falsch, vereinfacht, überschätzt sich, ist naiv und brutal zugleich. Dem steht ein amerikanischer Verdacht gegenüber Europa im Allgemeinen und den Deutschen im Besonderen gegenüber: Das traumatisierte Deutschland zieht aus seiner Geschichte die falschen Schlüsse, setzt auf Anti-Amerikanismus zur europäischen Identitätsstiftung, verheddert sich zwischen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen einerseits und moralischem Lehrmeister-Anspruch andererseits. Da ist der Irak nur ein Indiz. Jahrzehntelange Reformdebatten sind ein weiteres.
Schröder griff seinen Gedanken aus Athen in seiner Rede auf dem Berliner SPDSonderparteitag am 1. Juni 2003 auf. »Ein starkes, und zwar sozial wie innovativ starkes Europa, ein von Sozialdemokraten gestaltetes
Europa ist heute notwendiger denn je«, sagte der Bundeskanzler. »Es wird gebraucht, weil wir Europäer – und das vor allem aufgrund unseres einzigartigen europäischen Modells der sozialen Teilhabe, des
Interessenausgleichs und der Sozialstaatlichkeit – der ganzen Welt etwas zu bieten haben. Etwas, das gegen die gefährliche Tendenz zu Konfrontation und Unilateralismus eine Alternative der gerechten Entwicklung und des geteilten Wohlstands aufzeigen kann.«
Dies war das Credo des alten Europa. Gerechtigkeit und Teilhabe statt »Konfrontation und Unilateralismus«, womit nur Bushs Amerika gemeint sein konnte, ein Staat, dessen Politik einer »gefährlichen Tendenz« gleichkam. Als »einzigartig« bezeichnete Gerhard Schröder Europas Mechanismen zum Interessenausgleich und Europas Sozialstaat.
Amerika, dessen ganzes System auf »checks and balances« aufgebaut ist,
verfügt angeblich nicht über diese Kraft zum Ausgleich. Amerika, das ein stabileres Rentensystem und höhere Gesundheitsaufwendungen hat, verfügt angeblich nicht über ein Sozialsystem. Schröder und, in präsidialzurückhaltenden Andeutungen, Rau benutzten Klischees vom brutalen Amerika zur kulturellen Höherbewertung dessen, was sie
Europa nannten, womit allerdings die kriegsfeindlichen Kontinentaleuropäer im Westteil des Kontinents gemeint waren. Beide,
Schröder und Rau, addierten in mehreren Reden jener Zeit die Friedfertigkeit zum aktiven Kern der europäischen Seele. Damit wären die Polen, Tschechen, Balten und Bulgaren wieder einmal nicht Teil des zivilisiertesten aller Welt-Teile. In der äußersten Konsequenz definierten Schröder und Rau ein Europa, das am ehemaligen eisernen Vorhang
endete – um nicht zu sagen: das die Berliner Mauer geistig neu erstehen ließ.
Der Kanzler formulierte in seinen Stellungnahmen Positionen aus, die er im Wahlkampf 2002 bereits unter das umstrittene Schlagwort vom »deutschen Weg« gestellt hatte. Teile der SPD und der Berliner Regierungsapparat waren zwar bemüht, den »deutschen Weg« als innenpolitische Leitlinie zu verkaufen. Schröder hatte seine Formel
aber ganz bewusst auf beides gemünzt, auf die Innen- wie die Außenpolitik. Einer, der die Formel aufnahm, war Egon Bahr.
»Selbstverständlich und normal« sei der »deutsche Weg«, postulierte Bahr bereits im Titel seines 2003 erschienenen Buches. »George W. Bush wird ein Kriegspräsident bleiben. (...) Ohne Emanzipation von Amerika,
das seiner hegemonialen Mission folgt, ist Deutschland auf dem Weg zur Kolonie«, schrieb Bahr.
Rau, Schröder und Bahr erhielten die Antwort auf ihre Thesen am 17. Juli 2003, als Großbritanniens Premier Tony Blair vor beiden Kammern des amerikanischen Kongresses auftrat. Blair blies zum Großangriff auf die Vorstellung von einem gaullistischen Europa als Korrektiv Amerikas: »Heute gibt es in der internationalen Politik keine gefährlichere
Theorie als jene, wir müssten die Macht Amerikas durch die Macht rivalisierender Mächte ausgleichen, durch verschiedene Pole, um die sich Nationen scharen. Eine solche Theorie wäre vielleicht im Europa des 19. Jahrhunderts sinnvoll gewesen. Heute ist sie ein Anachronismus.«
Transparenz statt Parteienmacht
Die faktische Amerikanisierung deutscher Realitäten hat viele Facetten. Es ließe sich stringent durchargumentieren, dass wir die Zwei-Drittel-Gesellschaft analog zu den USA längst haben, dass sich ein soziologisch
vergleichbarer Unterbau aus Dauerabhängigen von Transferleistungen, Migranten und Personen gebildet hat, die am Rande der Systeme entlang balancieren. In der Bildungspolitik sind Probleme und Lösungsansätze inzwischen kongruent zur Debatte in den USA: Betonung der Deutsch-Fertigkeiten statt zweisprachigen Unterrichts, Vorgabe von zentralen Leistungsstandards, Debatten über das Verfrachten von Schülern
(»busing«) zur Absenkung des Ausländeranteils in innerstädtischen Problemgegenden, die Flucht des oberen Mittelstands in Privatschulen. In der Sozialpolitik ist nicht der Status Quo, wohl aber die Entwicklungsrichtung identisch: Kapitaldeckung statt Umlagefinanzierung, Teilprivatisierung der Risiken, Wettbewerb der Anbieter. Sei es die
Uneinheitlichkeit von Erwerbsbiografien, die »patchwork«-Familie oder die Hypermobilität von Unternehmen und wohlhabenden Steuerbürgern:
Die Realitäten beidseits des Atlantiks haben sich einander angenähert. Mit
der Einführung des »Arbeitslosengeld 2« vollzieht die Bundesrepublik nach, was in den USA Bill Clintons Abschied von »welfare
as we knew it« (»Sozialhilfe, wie wir sie kannten «) war.
Systematisch allerdings herrschen gravierende Unterschiede, wenn die Reaktionsfähigkeit der Politik auf die geänderten gesellschaftlichen
Realitäten in den Blickpunkt rückt. Das Jahr 2003 hat bewiesen, dass
eine Kohabitation von SPD-dominiertem Bundestag und Unions-gelenktem Bundesrat in die Sackgasse der Dauerblockade führen kann. Die Verlockung, aus taktischen und strategischen Gründen Gesetzesvorhaben
der Gegenseite abzuschmettern, ist allgegenwärtig. Kompromisse sind möglich, auch dies belegte das Jahr 2003 mit dem Gesundheits- und dem Vermittlungs-Konsens, doch sie hängen vom »good will« der Akteure ab. Strukturell gibt es keinen Mechanismus, der die Legislative zur Verabschiedung als nötig erachteter Gesetze zwingt.
Das dahinter stehende Phänomen, die Übermacht der Parteien, ist oft kritisiert worden. Es sind im Kern nur zwei Ausprägungen der politischen Kultur in der Bundesrepublik, die hierfür verantwortlich sind: Fraktionszwang und Landeslisten. Amerika, das beides nicht kennt, erlaubt die raschere Umsetzung von Vorhaben. Denn der direkt –
und ausschließlich – seinen Wählern im Stimmbezirk verantwortliche Senator oder Repräsentant (auf Bundes- wie auf Einzelstaatsebene)
steht unter ganz anderen Rechtfertigungszwängen.
Deutschland empfindet wechselnde Mehrheiten als Bedrohung. Die US-Politik lebt mit ihnen seit zwei Jahrhunderten. Dies stärkt die Kraft des einzelnen Arguments und des einzelnen Abgeordneten. Es kann das Regieren auch schwieriger machen, dies ist fraglos einzuräumen, da beispielsweise ein republikanischer Präsident sich noch lange keine Kongress-Mehrheit gesichert hat, wenn er lediglich nach einem Gespräch
im Oval Office die republikanischen Mehrheitsführer überzeugt hat.
Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass mehrere Vorschläge zur Reform bundesrepublikanischer Politik- und Verwaltungsstrukturen auf eine Amerikanisierung hinaus laufen. Die Föderalismuskommission
strebt klarere Kompetenzabgrenzungen an. Gelingt ihr dies, hätte sie die
doppelte verschränkte Gewaltenteilung ein Stück weit aufgehoben: Jene zwischen Regierung und Bundestag, und jene zwischen Parteiinteressen auf Bundes- bzw. Landesebene. Dass gleichsam als Begleitmusik
ausgerechnet vom Vorsitzenden des Bundesverfassungsgerichts, Papier, der Vorschlag kommt, den Bundesrat durch einen direkt gewählten Senat nach US-Vorbild zu ersetzen, ist bedeutsam. Der amerikanische Senat hat nicht nur Vorteile im Hinblick auf Transparenz und Legitimation, er leistet auch soziologisch etwas, was Deutschland fehlt: Er ist die institutionelle Einbindung jener Generation der 60- bis 85-Jährigen in die Tagespolitik, auf die Deutschland verzichtet.
Wir leisten uns arme Volksvertreter, die von ihren Parteien abhängen und nur Politiker werden, weil dies allemal die bessere Alternative zu dem ist, was sie zuvor taten: im öffentlichen Dienst zu sitzen. Arnulf Baring ist einer der schärfsten Kritiker der Rekrutierungsprozesse, mit denen Deutschland seine politische Elite auswählt. Unter den Prämissen der Wissens- und Leistungsgesellschaft, der Globalisierung und des
schwindenden Abstands im Bildungsniveau zwischen europäischen und vor allem asiatischen Eliten wird es zunehmend bedenklich, in der politischen Führung auf selbstständige Charaktere zu verzichten, die nach einer erfolgreichen Karriere in der Wirtschaft in die Politik wechseln. Amerikas System leistet eben dies. Es bezahlt allerdings einen Preis,
der vielen in Europa als zu hoch erscheint: Die Abhängigkeit des Politikers von seinen Großspendern. Eine kongruente Übernahme amerikanischer Muster ist hier also weder sinnvoll noch möglich, doch ein Beharren
auf dem Status Quo ist es ebenso wenig. Es stellt sich, ganz schlicht, die Frage nach einem Mittelweg.
Die wichtigste sozialpolitische Debatte in den USA während der Jahre 1996 bis 1999 drehte sich um die allen Deutschen vertraute Frage, wie die Rente zu retten sei. Nur: Der Social Security Trust Fund erwirtschaftete
damals noch enorme Überschüsse. Es ging um künftige Defizite, denen rechtzeitig entgegen gewirkt werden sollte. Entscheidend war indes der Zeithorizont. Das Defizit der US-Rentenkasse wurde für 2032 prognostiziert. Amerikas Politik leistete mit enormem Energieaufwand die Umstrukturierung eines sozialen Sicherungssystems mit einer zeitlichen
Perspektive von drei bis vier Jahrzehnten. Hiervon ist die Bundesrepublik weit entfernt.
Die rhetorische neue Mitte
Die unerwartetste Kongruenz politischer Debatten in Deutschland und den USA bezieht sich auf jene Konzepte, die als Leitbilder gelten. Was öffentliche Bekundungen angeht, leben wir fürwahr in neuen Zeiten.
Hätte jemand »Goodbye, Lenin!«-gleich das vergangene Jahr verschlafen und erwachte er heute, so wäre er noch lange damit beschäftigt, sich den Traum aus den Augen zu wischen. Denn unwirklich wie ein Traum
müsste ihm erscheinen, was sich heute politisch abspielt. Ein Konsensvokabular aller Bundestagsfraktionen hat sich herausgebildet
und ist in Windeseile zum verbindlichen Standard geworden. »Wir brauchen vor allem Wachstum«, »dem Bürger mehr Verantwortung
geben«,»die Allmacht des Staates entschieden zurückdrängen«, »Hilfe für nur wahrhaft Hilflose «, »jede Arbeit ist zumutbar«, »Steuern senken und das System radikal vereinfachen«, »nur Eigenverantwortlichkeit und individuelles Engagement retten die Zukunft«, »das Kollektive im Denken zurückdrängen«, »dringend nötiger Mentalitätswandel« – das alles sind
Sätze, man könnte auch sagen: Phrasen, die jeder Politiker der neuen breiten Mitte im Munde führt. Agenda 2010, Hartz, Rürup, Herzog, Merz – das sind ein paar der Namen, die sich damit verbinden. Die Botschaft, die
allenorts auf das Volk hernieder prasselt, heißt Reform, Veränderung, Geschwindigkeit. Eile tut not, sonst fallen wir weiter zurück, sonst klaffen die Etatlöcher noch weiter auf, sonst überholt uns die Demographie noch
mehr.
Was die Lesbarkeit parteipolitischer Positionen für den Durchschnittsbürger angeht, trägt dies zur Verwirrung bei. Gemessen an
den konventionellen Kriterien, wonach die Verteidigung von Schutzrechten zugunsten des »kleinen Mannes« links und eine auf
Deregulierung setzende, die Marktwirtschaft marktwirtschaftlicher machende Politik rechts ist, stehen Edmund Stoiber, Norbert Blüm und Horst Seehofer heute links von Gerhard Schröder. In einer solchen Situation stellt sich die Frage, wie entwirrt, wie Klarheit geschaffen werden kann.
Durch einen Konsens ex negativo. Die im Wahlkampf 2002 rüden, in diversen Positionspapieren fast verzweifelt vorgetragenen
Absetzbewegungen gegenüber den USA sind ein Ablenkungsmanöver. Durch das stete Betonen der Differenz soll verschleiert werden, wie sehr sich die Realitäten angenähert haben. Jeder der Reformschritte des Jahres 2003 war ein Schritt hin zu amerikanischen Realitäten. Dies einzugestehen überfordert offenbar sowohl die Träger deutscher Regierungspolitik als auch weite Teile der deutschen Öffentlichkeit.
Zumindest an einer paradoxen Sichtweise wollen die Deutschen scheinbar festhalten. Wo wir schon täglich amerikanischer werden, wollen wir uns zumindest vergewissern, dass wir nicht amerikanisch sind.
Die Reformen, die aus Gerhard Schröders Bundestagsrede vom 14. März 2003 erwachsen sind, stellen zwar Schritte in die richtige Richtung dar, aber doch auch nur verspätete und zögerliche Schrittchen. Zu den großen Paradoxien der rot-grünen Bundesregierung gehört es, dass eine letztlich
gelungene Verkaufe der Reformen und damit in der Konsequenz auch ihr eigenes politisches Überleben ausgerechnet vom Funktionieren amerikanischer Verhältnisse abhängt. Davon nämlich, dass ein kräftiger
konjunktureller Aufschwung der USA im Jahr 2004 Europa mit sich zieht und damit Fakten liefert, die sich in Berlin als sichtbarer Beleg für den Erfolg der Schröderschen Reformen verkaufen lassen. Dies ist die zweite uneingestandene Nähe des rot-grünen Deutschland zum Bushschen Amerika.
Doch das dominante Motiv der politischen Kultur Deutschlands ist das andere. Je mehr Begriffe wie »soziale Gerechtigkeit «, »Umverteilung« oder »Chancengleichheit « angesichts globalisierter Realitäten an
Integrationskraft verlieren oder sich schlicht ad absurdum führen, umso mehr rückt der Anti-Amerikanismus ins Zentrum der Identitätsstiftung
primär – aber nicht ausschließlich – für die Linke. Die Ironie dabei ist, dass
damit eine Realität kompensiert wird, die täglich amerikanischer wird. So sucht Europa seine Zuflucht in einer Selbstvergewisserung, die größtenteils Selbsttäuschung ist. Die Wechselwirkung zwischen amerikanisierter Wirklichkeit und antiamerikanischer Rhetorik aber ist zum zentralen Element des politischen Diskurses in der Bundesrepublik geworden.
Robert von Rimscha - Leiter der Parlamentsredaktion des Berliner »Tagesspiegel«, war von 1996 bis 2000 USA-Korrespondent.
2003 wurde er mit dem Arthur-F.-Burns-Preis für transatlantische Kommentierung ausgezeichnet. In diesen Wochen erscheint im Campus-Verlag sein neues Buch »Die Bushs – Weltmacht als Familienerbe«
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