Dr. Barthold C. Witte
Weitere Begabungen.
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| Friedrich Naumann mit der "Hilfe" während des ersten Weltkrieges |
"Ob Luther ein Dichter war? Erst in der zweiten Hälfte seines Lebens hat er Gesänge aufgeschrieben, und diese sind fast nur liedartige Wiedergaben der Bekenntnisse seines Glaubens, kirchlich gehobene Worte im Kleide der Singbarkeit wie ´Ein feste Burg´ und ´Vom Himmel hoch´. Aber es würden sich seine Bekenntnisse nicht so ohne weiteres ins Lied hineingefügt haben, wenn sie nicht schon vorher in greifbaren Bildern und gut gegossenen Begriffen in ihm vorhanden waren.
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| Werbezettel für die Erstausgabe von "Demokratie und Kaisertum" aus dem Jahr 1900. |
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| Neujahrsgruß Naumanns zum Jahre 1896. |
So kann nur schreiben, wer selbst - fast - ein Dichter ist und sich - ein wenig - selbst beschreibt.
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| Die "Hilfe". |
Der reine Politiker auch nicht. Ein solcher reiner Politiker war Friedrich Naumann eben nie. Zwar verdiente er seit 1897 seinen Lebensunterhalt als politischer Publizist, dazu seit 1907 als Parlamentarier. Aber die den heute so genannten Berufspolitikern oft nachgesagte Einäugigkeit war ihm fremd. So wie er öffentlich über Glaubensfragen auch weiterhin sprach und schrieb, so war ihm Kunst Lebensbedürfnis. Klarheit des Stils galt ihm viel, sowohl im Wort als auch in künstlerischer Gestaltung. Deshalb wandte er, der leidenschaftliche Zeitgenosse, sich früh und scharf gegen den seine Zeit beherrschenden künstlerischen Eklektizismus, zumal in der Architektur. Den gerade neu gebauten Berliner Dom nannte er im Vergleich zu dem "wirklich majestätischen Bau" des gegenüberliegenden Schlüter-Schlosses "eine Art Dekorationsmöbel". Seine Sympathie galt der sich entwickelnden Opposition zur wilhelminischen Eklektik, den Architekten und Gestaltern, die aus der jeweiligen Funktion klare, einfache Formen entwickelten. Sie gründeten 1907 in München den "Deutschen Werkbund" - Naumann, der unermüdliche Redner und Organisator, war führend dabei. Einige Jahre später übernahm sein Adlatus Theodor Heuss, wie Naumann ein Augenmensch, die Geschäftsführung des Werkbundes für eine längere Periode. Nicht nur der Bauhaus-Stil nahm von da seinen Ausgang. Industrielle Formgebung, das Design, ist bis heute ohne den Werkbund nicht denkbar. Naumann gehört darum, wie Theodor Heuss schon in seiner Biografie gesagt hat, "der deutschen Kunstgeschichte an, wenn man diese nicht nur als Sammlung und Deutung von Künstlerpersönlichkeiten und ihren Werken sehen, sondern den geistigen Hintergrund umfassen will, vor dem schöpferische Arbeit steht". Diesen Hintergrund brachte er einem breiten Publikum
Nicht als Kunstfreund, sondern als homo politicus feierte Friedrich Naumann schließlich seinen größten und anhaltendsten Bucherfolg, den im Kaiserreich nur Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" übertrafen: "Mitteleuropa", als Schrift über die deutschen Kriegsziele 1915 erschienen. Bis heute ist dieses Buch umstritten: Als ich vor einiger Zeit in der Zeitschrift "liberal" den Versuch einer gerechten, dabei durchaus kritischen Würdigung unternahm, folgte sogleich in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" eine scharfe Replik, deren Autor darauf bestand, hier habe sich der Christ Naumann als Nationalist, ja schlimmer noch als Imperialist entlarvt.
Nun ist "Mitteleuropa" freilich alles andere als eine Aufforderung zum Pazifismus. Bertha von Suttners Ruf "Die Waffen nieder!" blieb Naumanns, an Max Webers Machtdenken geschultem Denken zeitlebens fremd. Das Buch ist zunächst einmal Produkt der deutschen Lage nach einem Kriegsjahr bei hin und her wogendem Kriegsglück. In dieser Lage hatte sich eine heftige Diskussion über die deutschen Kriegsziele entwickelt mit weit reichenden Annexionsforderungen der führenden Militärs und ihrer politisch-publizistischen Helfer: Belgien und Polen wurden da ganz selbstverständlich dem Deutschen Reich einverleibt, und ebenso selbstverständlich sollten nicht nur die schon verlorenen Kolonien wiedergewonnen, sondern weite Gebiete Afrikas ihnen zugeschlagen werden. Dagegen erhoben sich Stimmen der Vernunft, die einen Verständigungsfrieden ohne größere Annexionen anstrebten - die spätere "Friedensresolution" des Reichstags, für die sich 1917 die Linksliberalen mit Zentrum und Sozialdemokraten zusammenfanden, war ihr politisches Werk. Ihnen gab Naumann mit seinem Buch ein zukunftsorientiertes Konzept.
Es bestand im Wesentlichen darin, dass das Deutsche Reich mit dem es umgebenden Kranz kleiner Staaten, vor allem aber mit Österreich-Ungarn "Mitteleuropa" bilden sollte. Kein bloßes Militärbündnis sollte nach Naumanns Vorstellung im Herzen des Kontinents entstehen, und auch nicht nur ein Staatenbund, sondern eine feste Organisation, deren übernationales Dach für die gemeinsame Wirtschaftsordnung und eine gemeinsame Verteidigung sorgen würde. Unschwer können wir heute erkennen, dass hier die Struktur und Zielsetzung der westeuropäischen Integration unserer Tage vorgedacht wurde, freilich begrenzt auf einen geografischen Raum, in welchem dem Deutschen Reich eine Führungsrolle wie von selbst zufallen würde. So muss das Urteil über Naumanns Konzept nach zwei Weltkriegen, in deren Mittelpunkt Deutschland stand, zwiespältig ausfallen.
Auf der einen Seite steht positiv, dass Naumann das Ende des souveränen Nationalstaats und die Notwendigkeit übernationaler Integration kommen sah. Doch machte er sich auf der anderen Seite vom Hegemonieanspruch des Deutschen Reichs in der Mitte Europa nicht frei - da blieb er seiner Zeit angehörig.
Der weitere Verlauf des Krieges und endgültig dann die Niederlage von 1918 machten aus Naumanns Überlegungen Makulatur. Die Sieger zerschlugen die Habsburger Monarchie, zwangen das Deutsche Reich zu Gebietsabtretungen und sorgten dafür, dass seine kleineren Nachbarn in misstrauischem Abstand zur deutschen Politik blieben. Auch verhinderten sie den Beitritt des schwer amputierten Deutschösterreich, für den Naumann gemeinsam mit allen demokratischen Politikern in Berlin und Wien noch kurz vor seinem Tode entschieden eintrat. Wie kurzsichtig diese Siegerpolitik war, wissen wir heute nur zu gut. Naumann lehnte sich leidenschaftlich gegen sie auf. Der Versailler Friedensvertragsentwurf sei Volksmord, rief er aus, gegen den passiver Widerstand des ganzen Volkes geleistet werden müsse: "Wir zahlen nicht, wir unterschreiben nicht, bis man bereit ist, uns als Menschen zu behandeln", schrieb er in der "Hilfe". Doch schließlich entschied sich der Reichstag unter dem massiven Druck der siegreichen Kriegsgegner mit Mehrheit für die Unterzeichnung. Naumanns und seiner Freunde "Nein" konnte nur noch patriotische Geste sein.
Als dies geschah, war Friedrich Naumann schon tief erschöpft und krank, körperlich wie seelisch. In die verfassungsgebende Nationalversammlung, welche nach dem Sturz der Hohenzollern in Weimar tagte, war er als ein Hoffnungsträger gewählt worden. Es galt, unter dem Druck der militärischen Niederlage und inmitten gewaltsamer Aufstände von links und rechts die neue Republik zu bauen. Diese Aufgabe erforderte die ganze Kraft. Naumann weigerte sich darum auch nicht, als die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei, der er sich als der Nachfolgerin der bisherigen linksliberalen Gruppen angeschlossen hatte, ihn bat, ihr Vorsitzender zu werden. Die Partei hatte bei der Wahl zur Nationalversammlung mit 18,5 Prozent der Stimmen einen großen Erfolg errungen und war als drittstärkste Fraktion nach den Sozialdemokraten und dem katholischen Zentrum in das erste Nachkriegsparlament eingezogen. Diese Stellung galt es zu halten, womöglich zu verbessern. Naumann, der Anwalt des Bündnisses zwischen Bürgern und Arbeitern, der glänzende Redner und Schriftsteller, der unermüdliche Organisator, war dafür die beste Wahl. Mit Mehrheit bestellte ihn der Berliner Parteitag der DDP am 21. Juli 1919 zum Parteivorsitzenden. Es war Naumanns erstes großes politisches Amt. Fünf Wochen später ereilte ihn der Tod.
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