Sein Leben, sein Werk, seine Wirkung.
Dr. Barthold C. Witte
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| Studenten in Leipzig 1880. |
So blieb ihm die wirklich große politische Wirkung versagt. Und doch war er als Redner und Schriftsteller einer der wirkungsmächtigsten Männer des öffentlichen Lebens seiner Zeit. In diesem Leben erregte er erste Aufmerksamkeit als Redner auf einem Kongress für Innere Mission in Kassel anno 1888, gerade 28 Jahre alt. Das war also im Dreikaiserjahr, als der uralte erste Kaiser Wilhelm starb, sein todkranker Sohn Friedrich, die Hoffnung der Liberalen, nur hundert Tage regierte und diesem sein ehrgeiziger, intelligenter und unsteter Sohn Wilhelm II. nachfolgte. Wichtigstes Problem deutscher Innenpolitik war die Arbeiterfrage, und ihr wandte sich der junge Kaiser entschieden zu. Wer wie der junge Naumann sich als einer der Matadore der christlich-sozialen Bewegung dann versuchte, Christentum und Sozialismus, Arbeiter und Kirche miteinander zu versöhnen und so Karl Marx und die "glaubenslose Sozialdemokratie" zu besiegen, der war der Mann der Stunde. So schien es jedenfalls, indessen nur für wenige Jahre, bis Wilhelm II. auf konservativen Gegenkurs ging und die evangelische Kirche ihm gehorsam folgte.
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| Studienbericht vom 27.05.1882 aus Erlangen an die Brüder des Theologischen Vereins in Leipzig. Naumann übt Kritik an den Leipziger Professoren und spricht mit Begeisterung von dem Erlanger Professor Frank. |
Naumann musste erkennen, dass für den von ihm erstrebten "christlichen Sozialismus" kein Raum war. Eins blieb: Der junge Rebell hatte die Öffentlichkeit auf sich und seine Botschaft aufmerksam gemacht. Sein Buch "Jesus als Volksmann", 1894 erschienen, erreichte viele tausend Leser.
Nicht nur aus diesen äußeren, auch aus inneren Gründen brach nun aber Naumann mit dem christlich-sozialen Versuch. Als gewichtiger Mitstreiter im Kampf um soziale Reformen waren ihm auf den Tagungen des von ihm in diesen Jahren mitbegründeten Evangelisch-sozialen Kongresses Rudolf Sohm und Max Weber begegnet, Staatsrechtler der eine, Nationalökonom der andere. Sohm vermittelte ihm die schmerzhafte Erkenntnis, dass aus dem Christentum, zum Beispiel der Bergpredigt, keine politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Tagesrezepte zu gewinnen seien.
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| Kirche und vermutlich das Pfarrhaus in Langenberg. |
Eine spezifisch christliche Politik konnte es also nicht geben. Max Weber wiederum, auch eine junge Berühmtheit, lehrte Naumann die Macht erkennen und schätzen. Das war für ihn das Ende der Ideenpolitik.
Macht verkörpert sich im Staat, für Naumann und seine Zeitgenossen also im Deutschen Reich. Dem Staat Bismarcks hatte Max Weber in seiner rasch berühmt und später berüchtigt gewordenen Freiburger Rede von 1895 bescheinigt, seine Gründung sei bloß ein kostspieliger Jugendstreich der alten deutschen Nation, "wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte".
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| Der Student Friedrich Naumann. |
So sprach der Imperialismus der Zeit, nicht bloß in Deutschland; wir hören heute solche Sätze mit Schrecken. Naumann und viele andere folgten indes diesem Geist der Zeit. Kolonial- und Flottenpolitik, Wettbewerb mit England, Krieg gegen das fast wehrlose China, ja selbst gegen die Hottentotten - das galt ihnen als legitime Weltpolitik. Diese nach innen abzustützen wurde nun der Sinn der sozialen Reform, und umgekehrt galt die deutsche Weltmacht als Voraussetzung allen sozialen Fortschritts. In Naumanns Programmschriften für seinen Nationalsozialen Verein kann man das im Einzelnen unter der Überschrift "Nationaler Sozialismus" nachlesen.
Daran heute heftige Kritik zu üben ist leicht. Manche Kritiker haben Friedrich Naumann gar in die Nähe Hitlers gerückt, ihn einen Vorläufer der Nazis genannt. In der gewesenen DDR gab es dazu ein ziemlich umfängliches Buch.
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| Friedrich Naumann als junger Pfarrer um 1886. |
Das haben die Nazis selbst indessen ganz anders gesehen: Theodor Heuss durfte seine schöne, bis heute gültige Biografie Friedrich Naumanns 1937 nur veröffentlichen, nachdem er zugesichert hatte, sein Held werde keinesfalls in die Nähe der Nationalsozialisten gerückt.
Er gab diese Versicherung natürlich nur zu gern, und glaubhaft ist sie auch. Denn mag auch Hitler den Wilhelminischen Imperialismus übernommen haben, so doch zu ganz anderen Zwecken, nämlich zur Durchsetzung des Rassenwahns und seiner eigenen Herrschaft durch Gewalt in aller Welt. Davon ist Naumanns Gedankenwelt nun wahrlich weit entfernt. Dem christlichen Gebot der Nächstenliebe blieb er ebenso verpflichtet wie dem demokratischen Ziel der Volksherrschaft. Sein großes Buch von 1900 über "Demokratie und Kaisertum" zeugt dafür sowie die 1902 erschienene, "Gotteshilfe" betitelte Sammlung seiner Wochenandachten aus der "Hilfe". Und was den seit den 1880er Jahren wachsenden Antisemitismus angeht, so war dieser zwar dem jungen, von dem christlich-sozialen Adolf Stoecker beeinflussten Naumann nicht gänzlich fremd, doch trat er später demonstrativ aus dem einst von ihm mitbegründeten "Verein Deutscher Studenten" aus, als sich dieser der antijüdischen Bewegung anschloss. Nein, einen Vorläufer der Nazis kann und darf man ihn nicht nennen.
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| Antrittspredigt in Langenberg am 2. Mai 1886. |
Die eigentliche Schwäche der politischen Vorstellungen Naumanns lag woanders. Zum einen blieb, was er mit seinem Nationalsozialen Verein als Volksbewegung der Arbeiter und Bürger erträumt hatte, im deutschen Parteiensystem jämmerlich stecken. Dessen Festigkeit hatte er gröblich unterschätzt. Folgerichtig trat er in dieses System ein. Auf das Verlangen nach dem christlichen, dann dem nationalen Sozialismus, beides in deutlicher Gegnerschaft zum Marxismus, ließ Naumann jetzt die Forderung nach einem sozialen Liberalismus folgen. Dem Grundsatz, nämlich der Überwindung des Klassenkampfs durch gleichberechtigte Partnerschaft von Arbeitern und Bürgern, blieb er aber treu. Gelernt hatte er jedoch im ersten Jahrzehnt seiner öffentlichen Tätigkeit, dass nicht der vom Sozialismus erstrebte Vorrang der Gemeinschaft, sondern der Vorrang der freien Persönlichkeit das wichtigste Ziel sein müsste. Freilich stand die Festigkeit der Sozialstrukturen abermals gegen seine Ideen: die Linksliberalen des Kaiserreichs und die Demokraten der Weimarer Republik erreichten so wie der Nationalsoziale Verein nur Teile des Bürgertums, nicht die Arbeiterschaft.
Zum anderen tat der Kaiser nicht, was Naumann von ihm erwartete, sich nämlich mit der Demokratie zu versöhnen. Nie lud Wilhelm II. den Autor von "Demokratie und Kaisertum" auch nur zum Gespräch. Stattdessen versperrte der Monarch den Weg zur längst überfälligen Verfassungsreform, weil er starrsinnig an seiner Auffassung vom gottbegnadeten Herrscher als oberster Instanz der Macht festhielt. Was nötig war, also die Herrschaft des Parlaments, fiel diesem erst mit der Niederlage 1918 in den Schoß. Da fiel der Kaiser mit.
Reform des Liberalismus
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| Heirat Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann Dezember 1889. |
Seine ganze Hoffnung richtete Naumann seit seiner Wendung zum Liberalismus auf dessen Erneuerung. "Neudeutsche Wirtschaftspolitik" ist der Titel seiner 1906 erschienenen Programmschrift. Sie schildert in lebhafter, bilderreicher Sprache und mit vielen Statistiken die technisch-industrielle Entwicklung "vom Holz zum Eisen", als ihre Folge die Entstehung der Großbetriebe, Kartelle, Verbände - und das durchaus optimistisch, wenn auch nicht ohne Kritik an der Gefahr, der Einzelne werde von den großen Organisationen erstickt. Das Ende des Staatssozialismus sei gekommen, heißt es, nun müsse in den Fabriken die Demokratie einziehen durch Mitwirkungsrechte von Arbeiterausschüssen.
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| Verlobung Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann 1889. |
Da klingt die fünf Jahrzehnte später im westlichen Deutschland eingeführte betriebliche Mitbestimmung an. Kein Wunder, dass die damaligen Sozialdemokraten sich enttäuscht von Naumann abwandten und selbst Lujo Brentano, der Münchner Doktorvater von Theodor Heuss und geistige Kopf des Nationalsozialen Vereins, mit der "Neudeutschen Wirtschaftspolitik" nichts Rechtes anzufangen wusste.
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| Friedrich Naumann schickte seiner Tochter Elisabeth (Lise) von überall kurze Grüße. Karte an Lise aus Berlin- Schöneberg vom 04.08.1902. |
Jedenfalls wurde aber Naumanns Absicht klar, dem staatlich geförderten Kapitalismus der Zeit ein soziales Element einzufügen, und zwar nicht nur durch Sozialleistungen an die Schwachen, sondern darüber hinaus durch Beteiligung der Besitzlosen an der industriellen und über sie an der politischen Macht. Die Machtfrage so zu stellen bedeutete, den klassischen Liberalismus herauszufordern, seine besitzbürgerliche Verengung aufzubrechen und ihn zu neuen, hoffentlich wählerträchtigen Ufern zu führen.
Abermals traf Naumann damit den Nerv der Zeit, obgleich er sich doch hier auf ein Gebiet gewagt hatte, das dem gelernten Theologen und Sozialpraktiker fremd sein musste. Experte der Wirtschaftstheorie oder der Wirtschaftspolitik war und wurde er gewiss nie, erst recht kein Systematiker oder gar ein Systemgläubiger.
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| Friedrich Naumann malte immer wieder seine Tochter. Tochter Lise 07.08.1903. |
Seine Stärke war vielmehr die Zusammenschau, der frische Blick, dem sich bisher ungesehene Zusammenhänge öffnen. Und was er erkannte, wusste er als Redner wie als Schreiber so auszudrücken, dass der Gebildete wie der Mann auf der Straße es verstanden und davon Gewinn zogen. Der glänzendste Redner im Deutschen Reichstag sei er zu seiner Zeit gewesen, berichten übereinstimmend, die ihn gehört haben. Wer Naumann heute liest, bekommt davon immer noch mehr als einen Abglanz mit. Überdies war er fleißig. Als Parlamentarier stürzte er sich geradezu auf die gesetzgeberische Detailarbeit, nach seiner Wahl als erstes an dem für damals höchst fortschrittlichen Reichsgesetz über die Heimarbeit. Da kam ihm die lebendige Erfahrung aus Pfarramt und Diakonie zugute.