Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Sein Leben, sein Werk, seine Wirkung. [Druckversion]




Sein Leben, sein Werk, seine Wirkung.
Dr. Barthold C. Witte


Friedrich Naumann um 1911
Friedrich Naumann um 1911
Am 24. August 1919 starb in Travemünde an der Ostsee Friedrich Naumann, Vorsitzender der ein knappes Jahr zuvor gegründeten Deutschen Demokratischen Partei, Abgeordneter der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar, Herausgeber der Zeitschrift "Die Hilfe" und erfolgreicher Autor politischer Sachbücher. Er wurde nur 59 Jahre alt. In Berlin liegt er begraben, dort, wo er zwei Jahrzehnte lang politisch und publizistisch gewirkt hatte.




Friedrich Naumann 1911
Friedrich Naumann 1911
Am 24. August 1919 starb in Travemünde an der Ostsee Friedrich Naumann, Vorsitzender der ein knappes Jahr zuvor gegründeten Deutschen Demokratischen Partei, Abgeordneter der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar, Herausgeber der Zeitschrift "Die Hilfe" und erfolgreicher Autor politischer Sachbücher. Er wurde nur 59 Jahre alt. In Berlin liegt er begraben, dort, wo er zwei Jahrzehnte lang politisch und publizistisch gewirkt hatte.

Was eigentlich hebt Friedrich Naumann aus der großen Zahl der zumeist längst vergessenen Politiker heraus, die während des deutschen Kaiserreiches wirkten? An der politischen Macht hatte er, auch als Reichtagsabgeordneter, kaum Anteil. Kein großes Gesetzgebungswerk trägt seinen Namen. Der von ihm mitbegründeten linksliberalen Partei stand er gerade einen Monat vor, und überdies hielt ihr anfänglicher Wahlerfolg am Beginn der Weimarer Republik nicht an, sondern ging bald in Niedergang, schließlich schon vor Hitlers Machtergreifung in Agonie über. Wer nur in Kategorien der Macht denkt, für den ist Friedrich Naumann bestenfalls ein glänzender Redner und erfolgreicher Bücherschreiber aus einer längst vergessenen Zeit. Wenn wir heute seiner gedenken, und dies unter dem Dach der Stiftung, die seinen Namen trägt, so muss das andere Gründe haben. Wir wollen ihnen nachgehen, Person und Lebenswerk uns vergegenwärtigen und schließlich fragen, was Friedrich Naumann uns heute für morgen zu sagen hat.

Der junge Theologe.

Wie der Dichter Lessing, wie der Philosoph Nietzsche stammte Friedrich Naumann aus einem sächsischen Pfarrhaus. In Störmthal bei Leipzig, einem wohlhabend gewesenen und in unserer Zeit beinahe von Braunkohle aufgefressenen Dorf, steht noch heute das Haus, in dem er am 23. März 1860 geboren wurde. Vater und Großvater Theologen - was Wunder, dass sich auch ihr Spross der Gotteswissenschaft zuwandte, freilich nach inneren Kämpfen und Bedenken. Zu beidem, Bedenken und Entschluss, trug gewiss die Fürstenschule St. Afra zu Meißen bei, in die der junge Friedrich als Obersekundaner eintrat.

Kirche im Störmthal, Geburtsort von Friedrich Naumann
Kirche im Störmthal, Geburtsort von Friedrich Naumann
Er hatte es dort nicht leicht, nicht bloß der strengen Ordnung wegen, die er in späterer Rückschau sogar lobte als Teil des "erziehenden Gesamtgeists" von St. Afra, der frei von pädagogischen Sentimentalitäten gewesen sei, vielmehr "herb und derb und voll Kämpfen und allerlei Romantik". Aber er war kein guter Turner, ein schlechter Sänger und in den Sprachen gerade mittelmäßig. Auch dauerte es seine Zeit, bis die Kameraden den Spätkömmling akzeptiert hatten. Und doch liebte er seine Schule lebenslang so sehr, dass er meinte, wenn er einen Sohn hätte, der gesund und stark wäre, so müsse er dieselbe Schule durchmachen. Mathematik war sein Lieblingsfach, das er zunächst studieren wollte, bis dann die von Elternhaus und Schule herkommende Ergriffenheit von den Glaubensfragen doch obsiegte. Wenn der spätere Politiker am liebsten mit historischen Bezügen und statistischen Vergleichen operierte, so blieb das die dauerhafte Frucht von St. Afra. Darum konnte Friedrichs Bruder Johannes, auch er Afraner, nach Naumanns Tod zu Recht sagen, St. Afra habe einen ihrer treuen Söhne verloren, "der an seinem Volke gelohnt hat, was sie ihm für das Leben mitgab".

Dieses Leben war bunt genug. Nach dem Theologiestudium in Leipzig und Erlangen diente er zwei Jahre lang als Oberhelfer im Hamburger Rauhen Haus, der berühmten Gründung des evangelischen Sozialethikers und Sozialpraktikers Johann Hinrich Wichern.

Öffentliches Wirken

Dieser Einführung in die Gegenwartsprobleme des Industriezeitalters folgten vier Jahre Pfarramt im sächsischen Langenberg, einem Arbeiterdorf, und erste Schriften, beginnend mit einem Arbeiterkatechismus - sodann die Rückkehr zur Inneren Mission, der Gründung Wicherns, als geistlicher Betreuer sozialer Einrichtungen in Frankfurt am Main. In diese Zeit fiel der Beginn von Naumanns politischer Tätigkeit in der damaligen christlich-sozialen Bewegung und intensiver publizistischer Tätigkeit in deren Sinn als einer ihrer Sprecher. Aber bald wagte der junge Pfarrer den Sprung auf die eigenen Füße: 1895 gründete er, mit wenig Geld und viel Mut, seine eigene Wochenschrift "Die Hilfe". Schon im Jahr darauf kam das zweite, noch größere Wagnis, nämlich die Gründung des Nationalsozialen Vereins als politische Partei, beides gefolgt von dem Ausscheiden aus dem Pfarramt und der Übersiedlung in das politische Zentrum Berlins.

Grabstätte von Friedrich Naumann in Berlin-Schöneberg
Grabstätte von Friedrich Naumann in Berlin-Schöneberg
Seither bis zu seinem Tode blieb Friedrich Naumann Publizist und Politiker von Beruf und aus Berufung, freilich mit Erfolgen und Niederlagen gleichermaßen. Seine Zeitschrift war bald einflussreich, doch scheiterte eine Zeitungsgründung. Seine politischen Bücher waren allesamt Bestseller, allen voran die Programmschrift "Mitteleuropa" von 1915, indessen blieb der Nationalsoziale Verein in zwei Reichstagswahlen ganz erfolglos. Nach dessen Auflösung und dem Übertritt Naumanns mit der Mehrzahl seiner Gesinnungsgenossen zur linksliberalen Freisinnigen Vereinigung im Jahre 1903 schaffte er 1907 die Wahl in den Reichstag - nicht zuletzt übrigens dank seines jungen Wahlkampfleiters Theodor Heuss, in dessen Heimatstadt Heilbronn er kandidierte. Aber im Parlament blieb er Außenseiter, und erst 1919 gelang mit der Wahl zum ersten Vorsitzenden der Deutschen Demokratischen Partei der Sprung zur politischen Spitze. Da ereilte den durch Kriegshunger Geschwächten ein plötzlicher und einsamer Tod.




Studenten in Leipzig 1880.
Studenten in Leipzig 1880.
So blieb ihm die wirklich große politische Wirkung versagt. Und doch war er als Redner und Schriftsteller einer der wirkungsmächtigsten Männer des öffentlichen Lebens seiner Zeit. In diesem Leben erregte er erste Aufmerksamkeit als Redner auf einem Kongress für Innere Mission in Kassel anno 1888, gerade 28 Jahre alt. Das war also im Dreikaiserjahr, als der uralte erste Kaiser Wilhelm starb, sein todkranker Sohn Friedrich, die Hoffnung der Liberalen, nur hundert Tage regierte und diesem sein ehrgeiziger, intelligenter und unsteter Sohn Wilhelm II. nachfolgte. Wichtigstes Problem deutscher Innenpolitik war die Arbeiterfrage, und ihr wandte sich der junge Kaiser entschieden zu. Wer wie der junge Naumann sich als einer der Matadore der christlich-sozialen Bewegung dann versuchte, Christentum und Sozialismus, Arbeiter und Kirche miteinander zu versöhnen und so Karl Marx und die "glaubenslose Sozialdemokratie" zu besiegen, der war der Mann der Stunde. So schien es jedenfalls, indessen nur für wenige Jahre, bis Wilhelm II. auf konservativen Gegenkurs ging und die evangelische Kirche ihm gehorsam folgte.

Studienbericht vom 27.05.1882 aus Erlangen an die Brüder des Theologischen Vereins in Leipzig. Naumann übt Kritik an den Leipziger Professoren und spricht mit Begeisterung von dem Erlanger Professor Frank.
Studienbericht vom 27.05.1882 aus Erlangen an die Brüder des Theologischen Vereins in Leipzig. Naumann übt Kritik an den Leipziger Professoren und spricht mit Begeisterung von dem Erlanger Professor Frank.
Naumann musste erkennen, dass für den von ihm erstrebten "christlichen Sozialismus" kein Raum war. Eins blieb: Der junge Rebell hatte die Öffentlichkeit auf sich und seine Botschaft aufmerksam gemacht. Sein Buch "Jesus als Volksmann", 1894 erschienen, erreichte viele tausend Leser.
Nicht nur aus diesen äußeren, auch aus inneren Gründen brach nun aber Naumann mit dem christlich-sozialen Versuch. Als gewichtiger Mitstreiter im Kampf um soziale Reformen waren ihm auf den Tagungen des von ihm in diesen Jahren mitbegründeten Evangelisch-sozialen Kongresses Rudolf Sohm und Max Weber begegnet, Staatsrechtler der eine, Nationalökonom der andere. Sohm vermittelte ihm die schmerzhafte Erkenntnis, dass aus dem Christentum, zum Beispiel der Bergpredigt, keine politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Tagesrezepte zu gewinnen seien.
Kirche und vermutlich das Pfarrhaus in Langenberg.
Kirche und vermutlich das Pfarrhaus in Langenberg.
Eine spezifisch christliche Politik konnte es also nicht geben. Max Weber wiederum, auch eine junge Berühmtheit, lehrte Naumann die Macht erkennen und schätzen. Das war für ihn das Ende der Ideenpolitik.

Macht verkörpert sich im Staat, für Naumann und seine Zeitgenossen also im Deutschen Reich. Dem Staat Bismarcks hatte Max Weber in seiner rasch berühmt und später berüchtigt gewordenen Freiburger Rede von 1895 bescheinigt, seine Gründung sei bloß ein kostspieliger Jugendstreich der alten deutschen Nation, "wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte".
Der Student Friedrich Naumann.
Der Student Friedrich Naumann.
So sprach der Imperialismus der Zeit, nicht bloß in Deutschland; wir hören heute solche Sätze mit Schrecken. Naumann und viele andere folgten indes diesem Geist der Zeit. Kolonial- und Flottenpolitik, Wettbewerb mit England, Krieg gegen das fast wehrlose China, ja selbst gegen die Hottentotten - das galt ihnen als legitime Weltpolitik. Diese nach innen abzustützen wurde nun der Sinn der sozialen Reform, und umgekehrt galt die deutsche Weltmacht als Voraussetzung allen sozialen Fortschritts. In Naumanns Programmschriften für seinen Nationalsozialen Verein kann man das im Einzelnen unter der Überschrift "Nationaler Sozialismus" nachlesen.

Daran heute heftige Kritik zu üben ist leicht. Manche Kritiker haben Friedrich Naumann gar in die Nähe Hitlers gerückt, ihn einen Vorläufer der Nazis genannt. In der gewesenen DDR gab es dazu ein ziemlich umfängliches Buch.
Friedrich Naumann als junger Pfarrer um 1886.
Friedrich Naumann als junger Pfarrer um 1886.
Das haben die Nazis selbst indessen ganz anders gesehen: Theodor Heuss durfte seine schöne, bis heute gültige Biografie Friedrich Naumanns 1937 nur veröffentlichen, nachdem er zugesichert hatte, sein Held werde keinesfalls in die Nähe der Nationalsozialisten gerückt.

Er gab diese Versicherung natürlich nur zu gern, und glaubhaft ist sie auch. Denn mag auch Hitler den Wilhelminischen Imperialismus übernommen haben, so doch zu ganz anderen Zwecken, nämlich zur Durchsetzung des Rassenwahns und seiner eigenen Herrschaft durch Gewalt in aller Welt. Davon ist Naumanns Gedankenwelt nun wahrlich weit entfernt. Dem christlichen Gebot der Nächstenliebe blieb er ebenso verpflichtet wie dem demokratischen Ziel der Volksherrschaft. Sein großes Buch von 1900 über "Demokratie und Kaisertum" zeugt dafür sowie die 1902 erschienene, "Gotteshilfe" betitelte Sammlung seiner Wochenandachten aus der "Hilfe". Und was den seit den 1880er Jahren wachsenden Antisemitismus angeht, so war dieser zwar dem jungen, von dem christlich-sozialen Adolf Stoecker beeinflussten Naumann nicht gänzlich fremd, doch trat er später demonstrativ aus dem einst von ihm mitbegründeten "Verein Deutscher Studenten" aus, als sich dieser der antijüdischen Bewegung anschloss. Nein, einen Vorläufer der Nazis kann und darf man ihn nicht nennen.

Antrittspredigt in Langenberg am 2. Mai 1886.
Antrittspredigt in Langenberg am 2. Mai 1886.
Die eigentliche Schwäche der politischen Vorstellungen Naumanns lag woanders. Zum einen blieb, was er mit seinem Nationalsozialen Verein als Volksbewegung der Arbeiter und Bürger erträumt hatte, im deutschen Parteiensystem jämmerlich stecken. Dessen Festigkeit hatte er gröblich unterschätzt. Folgerichtig trat er in dieses System ein. Auf das Verlangen nach dem christlichen, dann dem nationalen Sozialismus, beides in deutlicher Gegnerschaft zum Marxismus, ließ Naumann jetzt die Forderung nach einem sozialen Liberalismus folgen. Dem Grundsatz, nämlich der Überwindung des Klassenkampfs durch gleichberechtigte Partnerschaft von Arbeitern und Bürgern, blieb er aber treu. Gelernt hatte er jedoch im ersten Jahrzehnt seiner öffentlichen Tätigkeit, dass nicht der vom Sozialismus erstrebte Vorrang der Gemeinschaft, sondern der Vorrang der freien Persönlichkeit das wichtigste Ziel sein müsste. Freilich stand die Festigkeit der Sozialstrukturen abermals gegen seine Ideen: die Linksliberalen des Kaiserreichs und die Demokraten der Weimarer Republik erreichten so wie der Nationalsoziale Verein nur Teile des Bürgertums, nicht die Arbeiterschaft.

Zum anderen tat der Kaiser nicht, was Naumann von ihm erwartete, sich nämlich mit der Demokratie zu versöhnen. Nie lud Wilhelm II. den Autor von "Demokratie und Kaisertum" auch nur zum Gespräch. Stattdessen versperrte der Monarch den Weg zur längst überfälligen Verfassungsreform, weil er starrsinnig an seiner Auffassung vom gottbegnadeten Herrscher als oberster Instanz der Macht festhielt. Was nötig war, also die Herrschaft des Parlaments, fiel diesem erst mit der Niederlage 1918 in den Schoß. Da fiel der Kaiser mit.

Reform des Liberalismus

Heirat Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann Dezember 1889.
Heirat Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann Dezember 1889.
Seine ganze Hoffnung richtete Naumann seit seiner Wendung zum Liberalismus auf dessen Erneuerung. "Neudeutsche Wirtschaftspolitik" ist der Titel seiner 1906 erschienenen Programmschrift. Sie schildert in lebhafter, bilderreicher Sprache und mit vielen Statistiken die technisch-industrielle Entwicklung "vom Holz zum Eisen", als ihre Folge die Entstehung der Großbetriebe, Kartelle, Verbände - und das durchaus optimistisch, wenn auch nicht ohne Kritik an der Gefahr, der Einzelne werde von den großen Organisationen erstickt. Das Ende des Staatssozialismus sei gekommen, heißt es, nun müsse in den Fabriken die Demokratie einziehen durch Mitwirkungsrechte von Arbeiterausschüssen.
Verlobung Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann 1889.
Verlobung Friedrich Naumanns mit Magdalene Zimmermann 1889.
Da klingt die fünf Jahrzehnte später im westlichen Deutschland eingeführte betriebliche Mitbestimmung an. Kein Wunder, dass die damaligen Sozialdemokraten sich enttäuscht von Naumann abwandten und selbst Lujo Brentano, der Münchner Doktorvater von Theodor Heuss und geistige Kopf des Nationalsozialen Vereins, mit der "Neudeutschen Wirtschaftspolitik" nichts Rechtes anzufangen wusste.
Friedrich Naumann schickte seiner Tochter Elisabeth (Lise) von überall kurze Grüße. Karte an Lise aus Berlin- Schöneberg vom 04.08.1902.
Friedrich Naumann schickte seiner Tochter Elisabeth (Lise) von überall kurze Grüße. Karte an Lise aus Berlin- Schöneberg vom 04.08.1902.
Jedenfalls wurde aber Naumanns Absicht klar, dem staatlich geförderten Kapitalismus der Zeit ein soziales Element einzufügen, und zwar nicht nur durch Sozialleistungen an die Schwachen, sondern darüber hinaus durch Beteiligung der Besitzlosen an der industriellen und über sie an der politischen Macht. Die Machtfrage so zu stellen bedeutete, den klassischen Liberalismus herauszufordern, seine besitzbürgerliche Verengung aufzubrechen und ihn zu neuen, hoffentlich wählerträchtigen Ufern zu führen.

Abermals traf Naumann damit den Nerv der Zeit, obgleich er sich doch hier auf ein Gebiet gewagt hatte, das dem gelernten Theologen und Sozialpraktiker fremd sein musste. Experte der Wirtschaftstheorie oder der Wirtschaftspolitik war und wurde er gewiss nie, erst recht kein Systematiker oder gar ein Systemgläubiger.
Friedrich Naumann malte immer wieder seine Tochter. Tochter Lise 07.08.1903.
Friedrich Naumann malte immer wieder seine Tochter. Tochter Lise 07.08.1903.
Seine Stärke war vielmehr die Zusammenschau, der frische Blick, dem sich bisher ungesehene Zusammenhänge öffnen. Und was er erkannte, wusste er als Redner wie als Schreiber so auszudrücken, dass der Gebildete wie der Mann auf der Straße es verstanden und davon Gewinn zogen. Der glänzendste Redner im Deutschen Reichstag sei er zu seiner Zeit gewesen, berichten übereinstimmend, die ihn gehört haben. Wer Naumann heute liest, bekommt davon immer noch mehr als einen Abglanz mit. Überdies war er fleißig. Als Parlamentarier stürzte er sich geradezu auf die gesetzgeberische Detailarbeit, nach seiner Wahl als erstes an dem für damals höchst fortschrittlichen Reichsgesetz über die Heimarbeit. Da kam ihm die lebendige Erfahrung aus Pfarramt und Diakonie zugute.




Weitere Begabungen.

Friedrich Naumann mit der Hilfe während des ersten Weltkrieges
Friedrich Naumann mit der "Hilfe" während des ersten Weltkrieges
Wirklich breite und tiefe Wirkung war indessen nicht dem Parlamentarier, vielmehr dem Schriftsteller beschieden. So sehr er sich in die politische Arena begeben hatte, so wenig ließ er sich dabei zum politischen Fachidioten machen. Als frommer, der Amtskirche freilich recht entfernter Christ publizierte er "Briefe über Religion" schon ein Jahr nach seinem Andachtsbuch, 1911 eine Aufsatzsammlung über "Geist und Glauben", schließlich mitten im Weltkrieg zum vierhundertsten Jahrestag der Reformation einen eindrucksvollen Essay über die Freiheit Luthers. Da schrieb er über das Glaubenserlebnis des jungen Mönchs, über dessen Bibelübersetzung, die Kirchwerdung seiner Botschaft und vieles mehr, aber auch dieses:
"Ob Luther ein Dichter war? Erst in der zweiten Hälfte seines Lebens hat er Gesänge aufgeschrieben, und diese sind fast nur liedartige Wiedergaben der Bekenntnisse seines Glaubens, kirchlich gehobene Worte im Kleide der Singbarkeit wie ´Ein feste Burg´ und ´Vom Himmel hoch´. Aber es würden sich seine Bekenntnisse nicht so ohne weiteres ins Lied hineingefügt haben, wenn sie nicht schon vorher in greifbaren Bildern und gut gegossenen Begriffen in ihm vorhanden waren.

Werbezettel für die Erstausgabe von Demokratie und Kaisertum aus dem Jahr 1900.
Werbezettel für die Erstausgabe von "Demokratie und Kaisertum" aus dem Jahr 1900.
Neujahrsgruß Naumanns zum Jahre 1896.
Neujahrsgruß Naumanns zum Jahre 1896.
Es ist wunderbar, wie leicht er schwere innerliche Probleme zur Verständlichkeit gestaltet, ohne dabei flach zu werden. Alles, was er schreibt, ist, als werde es Auge in Auge gesprochen. Er verkehrt nicht mit dem Papier, das vor ihm liegt, sondern unmittelbar mit den Menschen, an die er seine Bücher wie Briefe aussendet. Mit seiner eigenen Größe wächst die Kraft seiner Sprache, und in hohen Augenblicken findet er die Ausdrücke der Freude und des Zorns, als sei er selbst eine der großen Orgeln mit zahlreichen Registern."
So kann nur schreiben, wer selbst - fast - ein Dichter ist und sich - ein wenig - selbst beschreibt.

Die Hilfe
Die "Hilfe".
Ein Künstler war Naumann allemal. Er dilettierte beachtlich als Zeichner und Aquarellist; eins seiner vielen Aquarelle, die er Freunden schenkte, ist mir ein kostbarer Besitz. Er hatte das sichere Auge, um Form und Farbe zu erkennen, und die rasche Hand, das Gesehene in Linien und Worte zu fassen. "Form und Farbe" ist der Titel einer Sammlung seiner Kunstbetrachtungen, die zumeist in der "Hilfe" erschienen und von Rembrandt bis zu Naumanns Zeitgenossen Liebermann und Böcklin reichen, meist über Malerei, wenig über Bildhauerei; einiges über Architektur, aber auch darüber, wie man Zeichnen lernt, und ganz am Schluss über die Frage, ob man durch schöne Eindrücke besser werde. Die Antwort ist typisch Naumann, nämlich eine kleine Geschichte: "Es fuhren vorhin in der Eisenbahn zwei Soldaten, ein Postschaffner, ein Kaufmann und noch jemand. Die Gegend lag in rötlichem Abendlichte, die Heidestriche auf den flachen Bergen brannten wie phönizischer Purpur, die Kiesgruben strahlten wie Goldlager, alte schwarze Bäume standen wie Reste aus dem Götzenzeitalter in der seraphischen Landschaft. Die Natur brannte so stark, dass die ganze Gesellschaft still wurde und sagte: Das ist schön! Man musste fühlen, dass hier fünf Seelen künstlerisch tätig waren. Der reine Barbar hat solche Augenblicke nicht."

Der reine Politiker auch nicht. Ein solcher reiner Politiker war Friedrich Naumann eben nie. Zwar verdiente er seit 1897 seinen Lebensunterhalt als politischer Publizist, dazu seit 1907 als Parlamentarier. Aber die den heute so genannten Berufspolitikern oft nachgesagte Einäugigkeit war ihm fremd. So wie er öffentlich über Glaubensfragen auch weiterhin sprach und schrieb, so war ihm Kunst Lebensbedürfnis. Klarheit des Stils galt ihm viel, sowohl im Wort als auch in künstlerischer Gestaltung. Deshalb wandte er, der leidenschaftliche Zeitgenosse, sich früh und scharf gegen den seine Zeit beherrschenden künstlerischen Eklektizismus, zumal in der Architektur. Den gerade neu gebauten Berliner Dom nannte er im Vergleich zu dem "wirklich majestätischen Bau" des gegenüberliegenden Schlüter-Schlosses "eine Art Dekorationsmöbel". Seine Sympathie galt der sich entwickelnden Opposition zur wilhelminischen Eklektik, den Architekten und Gestaltern, die aus der jeweiligen Funktion klare, einfache Formen entwickelten. Sie gründeten 1907 in München den "Deutschen Werkbund" - Naumann, der unermüdliche Redner und Organisator, war führend dabei. Einige Jahre später übernahm sein Adlatus Theodor Heuss, wie Naumann ein Augenmensch, die Geschäftsführung des Werkbundes für eine längere Periode. Nicht nur der Bauhaus-Stil nahm von da seinen Ausgang. Industrielle Formgebung, das Design, ist bis heute ohne den Werkbund nicht denkbar. Naumann gehört darum, wie Theodor Heuss schon in seiner Biografie gesagt hat, "der deutschen Kunstgeschichte an, wenn man diese nicht nur als Sammlung und Deutung von Künstlerpersönlichkeiten und ihren Werken sehen, sondern den geistigen Hintergrund umfassen will, vor dem schöpferische Arbeit steht". Diesen Hintergrund brachte er einem breiten Publikum

Nicht als Kunstfreund, sondern als homo politicus feierte Friedrich Naumann schließlich seinen größten und anhaltendsten Bucherfolg, den im Kaiserreich nur Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" übertrafen: "Mitteleuropa", als Schrift über die deutschen Kriegsziele 1915 erschienen. Bis heute ist dieses Buch umstritten: Als ich vor einiger Zeit in der Zeitschrift "liberal" den Versuch einer gerechten, dabei durchaus kritischen Würdigung unternahm, folgte sogleich in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" eine scharfe Replik, deren Autor darauf bestand, hier habe sich der Christ Naumann als Nationalist, ja schlimmer noch als Imperialist entlarvt.

Nun ist "Mitteleuropa" freilich alles andere als eine Aufforderung zum Pazifismus. Bertha von Suttners Ruf "Die Waffen nieder!" blieb Naumanns, an Max Webers Machtdenken geschultem Denken zeitlebens fremd. Das Buch ist zunächst einmal Produkt der deutschen Lage nach einem Kriegsjahr bei hin und her wogendem Kriegsglück. In dieser Lage hatte sich eine heftige Diskussion über die deutschen Kriegsziele entwickelt mit weit reichenden Annexionsforderungen der führenden Militärs und ihrer politisch-publizistischen Helfer: Belgien und Polen wurden da ganz selbstverständlich dem Deutschen Reich einverleibt, und ebenso selbstverständlich sollten nicht nur die schon verlorenen Kolonien wiedergewonnen, sondern weite Gebiete Afrikas ihnen zugeschlagen werden. Dagegen erhoben sich Stimmen der Vernunft, die einen Verständigungsfrieden ohne größere Annexionen anstrebten - die spätere "Friedensresolution" des Reichstags, für die sich 1917 die Linksliberalen mit Zentrum und Sozialdemokraten zusammenfanden, war ihr politisches Werk. Ihnen gab Naumann mit seinem Buch ein zukunftsorientiertes Konzept.

Es bestand im Wesentlichen darin, dass das Deutsche Reich mit dem es umgebenden Kranz kleiner Staaten, vor allem aber mit Österreich-Ungarn "Mitteleuropa" bilden sollte. Kein bloßes Militärbündnis sollte nach Naumanns Vorstellung im Herzen des Kontinents entstehen, und auch nicht nur ein Staatenbund, sondern eine feste Organisation, deren übernationales Dach für die gemeinsame Wirtschaftsordnung und eine gemeinsame Verteidigung sorgen würde. Unschwer können wir heute erkennen, dass hier die Struktur und Zielsetzung der westeuropäischen Integration unserer Tage vorgedacht wurde, freilich begrenzt auf einen geografischen Raum, in welchem dem Deutschen Reich eine Führungsrolle wie von selbst zufallen würde. So muss das Urteil über Naumanns Konzept nach zwei Weltkriegen, in deren Mittelpunkt Deutschland stand, zwiespältig ausfallen.



Auf der einen Seite steht positiv, dass Naumann das Ende des souveränen Nationalstaats und die Notwendigkeit übernationaler Integration kommen sah. Doch machte er sich auf der anderen Seite vom Hegemonieanspruch des Deutschen Reichs in der Mitte Europa nicht frei - da blieb er seiner Zeit angehörig.

Der weitere Verlauf des Krieges und endgültig dann die Niederlage von 1918 machten aus Naumanns Überlegungen Makulatur. Die Sieger zerschlugen die Habsburger Monarchie, zwangen das Deutsche Reich zu Gebietsabtretungen und sorgten dafür, dass seine kleineren Nachbarn in misstrauischem Abstand zur deutschen Politik blieben. Auch verhinderten sie den Beitritt des schwer amputierten Deutschösterreich, für den Naumann gemeinsam mit allen demokratischen Politikern in Berlin und Wien noch kurz vor seinem Tode entschieden eintrat. Wie kurzsichtig diese Siegerpolitik war, wissen wir heute nur zu gut. Naumann lehnte sich leidenschaftlich gegen sie auf. Der Versailler Friedensvertragsentwurf sei Volksmord, rief er aus, gegen den passiver Widerstand des ganzen Volkes geleistet werden müsse: "Wir zahlen nicht, wir unterschreiben nicht, bis man bereit ist, uns als Menschen zu behandeln", schrieb er in der "Hilfe". Doch schließlich entschied sich der Reichstag unter dem massiven Druck der siegreichen Kriegsgegner mit Mehrheit für die Unterzeichnung. Naumanns und seiner Freunde "Nein" konnte nur noch patriotische Geste sein.

Als dies geschah, war Friedrich Naumann schon tief erschöpft und krank, körperlich wie seelisch. In die verfassungsgebende Nationalversammlung, welche nach dem Sturz der Hohenzollern in Weimar tagte, war er als ein Hoffnungsträger gewählt worden. Es galt, unter dem Druck der militärischen Niederlage und inmitten gewaltsamer Aufstände von links und rechts die neue Republik zu bauen. Diese Aufgabe erforderte die ganze Kraft. Naumann weigerte sich darum auch nicht, als die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei, der er sich als der Nachfolgerin der bisherigen linksliberalen Gruppen angeschlossen hatte, ihn bat, ihr Vorsitzender zu werden. Die Partei hatte bei der Wahl zur Nationalversammlung mit 18,5 Prozent der Stimmen einen großen Erfolg errungen und war als drittstärkste Fraktion nach den Sozialdemokraten und dem katholischen Zentrum in das erste Nachkriegsparlament eingezogen. Diese Stellung galt es zu halten, womöglich zu verbessern. Naumann, der Anwalt des Bündnisses zwischen Bürgern und Arbeitern, der glänzende Redner und Schriftsteller, der unermüdliche Organisator, war dafür die beste Wahl. Mit Mehrheit bestellte ihn der Berliner Parteitag der DDP am 21. Juli 1919 zum Parteivorsitzenden. Es war Naumanns erstes großes politisches Amt. Fünf Wochen später ereilte ihn der Tod.




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