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Sein Leben, sein Werk, seine Wirkung.

Dr. Barthold C. Witte

Friedrich Naumann 1911
Friedrich Naumann 1911
Am 24. August 1919 starb in Travemünde an der Ostsee Friedrich Naumann, Vorsitzender der ein knappes Jahr zuvor gegründeten Deutschen Demokratischen Partei, Abgeordneter der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar, Herausgeber der Zeitschrift "Die Hilfe" und erfolgreicher Autor politischer Sachbücher. Er wurde nur 59 Jahre alt. In Berlin liegt er begraben, dort, wo er zwei Jahrzehnte lang politisch und publizistisch gewirkt hatte.

Was eigentlich hebt Friedrich Naumann aus der großen Zahl der zumeist längst vergessenen Politiker heraus, die während des deutschen Kaiserreiches wirkten? An der politischen Macht hatte er, auch als Reichtagsabgeordneter, kaum Anteil. Kein großes Gesetzgebungswerk trägt seinen Namen. Der von ihm mitbegründeten linksliberalen Partei stand er gerade einen Monat vor, und überdies hielt ihr anfänglicher Wahlerfolg am Beginn der Weimarer Republik nicht an, sondern ging bald in Niedergang, schließlich schon vor Hitlers Machtergreifung in Agonie über. Wer nur in Kategorien der Macht denkt, für den ist Friedrich Naumann bestenfalls ein glänzender Redner und erfolgreicher Bücherschreiber aus einer längst vergessenen Zeit. Wenn wir heute seiner gedenken, und dies unter dem Dach der Stiftung, die seinen Namen trägt, so muss das andere Gründe haben. Wir wollen ihnen nachgehen, Person und Lebenswerk uns vergegenwärtigen und schließlich fragen, was Friedrich Naumann uns heute für morgen zu sagen hat.

Der junge Theologe.

Wie der Dichter Lessing, wie der Philosoph Nietzsche stammte Friedrich Naumann aus einem sächsischen Pfarrhaus. In Störmthal bei Leipzig, einem wohlhabend gewesenen und in unserer Zeit beinahe von Braunkohle aufgefressenen Dorf, steht noch heute das Haus, in dem er am 23. März 1860 geboren wurde. Vater und Großvater Theologen - was Wunder, dass sich auch ihr Spross der Gotteswissenschaft zuwandte, freilich nach inneren Kämpfen und Bedenken. Zu beidem, Bedenken und Entschluss, trug gewiss die Fürstenschule St. Afra zu Meißen bei, in die der junge Friedrich als Obersekundaner eintrat.

Kirche im Störmthal, Geburtsort von Friedrich Naumann
Kirche im Störmthal, Geburtsort von Friedrich Naumann
Er hatte es dort nicht leicht, nicht bloß der strengen Ordnung wegen, die er in späterer Rückschau sogar lobte als Teil des "erziehenden Gesamtgeists" von St. Afra, der frei von pädagogischen Sentimentalitäten gewesen sei, vielmehr "herb und derb und voll Kämpfen und allerlei Romantik". Aber er war kein guter Turner, ein schlechter Sänger und in den Sprachen gerade mittelmäßig. Auch dauerte es seine Zeit, bis die Kameraden den Spätkömmling akzeptiert hatten. Und doch liebte er seine Schule lebenslang so sehr, dass er meinte, wenn er einen Sohn hätte, der gesund und stark wäre, so müsse er dieselbe Schule durchmachen. Mathematik war sein Lieblingsfach, das er zunächst studieren wollte, bis dann die von Elternhaus und Schule herkommende Ergriffenheit von den Glaubensfragen doch obsiegte. Wenn der spätere Politiker am liebsten mit historischen Bezügen und statistischen Vergleichen operierte, so blieb das die dauerhafte Frucht von St. Afra. Darum konnte Friedrichs Bruder Johannes, auch er Afraner, nach Naumanns Tod zu Recht sagen, St. Afra habe einen ihrer treuen Söhne verloren, "der an seinem Volke gelohnt hat, was sie ihm für das Leben mitgab".

Dieses Leben war bunt genug. Nach dem Theologiestudium in Leipzig und Erlangen diente er zwei Jahre lang als Oberhelfer im Hamburger Rauhen Haus, der berühmten Gründung des evangelischen Sozialethikers und Sozialpraktikers Johann Hinrich Wichern.

Öffentliches Wirken

Dieser Einführung in die Gegenwartsprobleme des Industriezeitalters folgten vier Jahre Pfarramt im sächsischen Langenberg, einem Arbeiterdorf, und erste Schriften, beginnend mit einem Arbeiterkatechismus - sodann die Rückkehr zur Inneren Mission, der Gründung Wicherns, als geistlicher Betreuer sozialer Einrichtungen in Frankfurt am Main. In diese Zeit fiel der Beginn von Naumanns politischer Tätigkeit in der damaligen christlich-sozialen Bewegung und intensiver publizistischer Tätigkeit in deren Sinn als einer ihrer Sprecher. Aber bald wagte der junge Pfarrer den Sprung auf die eigenen Füße: 1895 gründete er, mit wenig Geld und viel Mut, seine eigene Wochenschrift "Die Hilfe". Schon im Jahr darauf kam das zweite, noch größere Wagnis, nämlich die Gründung des Nationalsozialen Vereins als politische Partei, beides gefolgt von dem Ausscheiden aus dem Pfarramt und der Übersiedlung in das politische Zentrum Berlins.

Grabstätte von Friedrich Naumann in Berlin-Schöneberg
Grabstätte von Friedrich Naumann in Berlin-Schöneberg
Seither bis zu seinem Tode blieb Friedrich Naumann Publizist und Politiker von Beruf und aus Berufung, freilich mit Erfolgen und Niederlagen gleichermaßen. Seine Zeitschrift war bald einflussreich, doch scheiterte eine Zeitungsgründung. Seine politischen Bücher waren allesamt Bestseller, allen voran die Programmschrift "Mitteleuropa" von 1915, indessen blieb der Nationalsoziale Verein in zwei Reichstagswahlen ganz erfolglos. Nach dessen Auflösung und dem Übertritt Naumanns mit der Mehrzahl seiner Gesinnungsgenossen zur linksliberalen Freisinnigen Vereinigung im Jahre 1903 schaffte er 1907 die Wahl in den Reichstag - nicht zuletzt übrigens dank seines jungen Wahlkampfleiters Theodor Heuss, in dessen Heimatstadt Heilbronn er kandidierte. Aber im Parlament blieb er Außenseiter, und erst 1919 gelang mit der Wahl zum ersten Vorsitzenden der Deutschen Demokratischen Partei der Sprung zur politischen Spitze. Da ereilte den durch Kriegshunger Geschwächten ein plötzlicher und einsamer Tod.

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