Dr. Barthold C. Witte
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| Friedrich Naumann 1911 |
Was eigentlich hebt Friedrich Naumann aus der großen Zahl der zumeist längst vergessenen Politiker heraus, die während des deutschen Kaiserreiches wirkten? An der politischen Macht hatte er, auch als Reichtagsabgeordneter, kaum Anteil. Kein großes Gesetzgebungswerk trägt seinen Namen. Der von ihm mitbegründeten linksliberalen Partei stand er gerade einen Monat vor, und überdies hielt ihr anfänglicher Wahlerfolg am Beginn der Weimarer Republik nicht an, sondern ging bald in Niedergang, schließlich schon vor Hitlers Machtergreifung in Agonie über. Wer nur in Kategorien der Macht denkt, für den ist Friedrich Naumann bestenfalls ein glänzender Redner und erfolgreicher Bücherschreiber aus einer längst vergessenen Zeit. Wenn wir heute seiner gedenken, und dies unter dem Dach der Stiftung, die seinen Namen trägt, so muss das andere Gründe haben. Wir wollen ihnen nachgehen, Person und Lebenswerk uns vergegenwärtigen und schließlich fragen, was Friedrich Naumann uns heute für morgen zu sagen hat.
Der junge Theologe.
Wie der Dichter Lessing, wie der Philosoph Nietzsche stammte Friedrich Naumann aus einem sächsischen Pfarrhaus. In Störmthal bei Leipzig, einem wohlhabend gewesenen und in unserer Zeit beinahe von Braunkohle aufgefressenen Dorf, steht noch heute das Haus, in dem er am 23. März 1860 geboren wurde. Vater und Großvater Theologen - was Wunder, dass sich auch ihr Spross der Gotteswissenschaft zuwandte, freilich nach inneren Kämpfen und Bedenken. Zu beidem, Bedenken und Entschluss, trug gewiss die Fürstenschule St. Afra zu Meißen bei, in die der junge Friedrich als Obersekundaner eintrat.
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| Kirche im Störmthal, Geburtsort von Friedrich Naumann |
Dieses Leben war bunt genug. Nach dem Theologiestudium in Leipzig und Erlangen diente er zwei Jahre lang als Oberhelfer im Hamburger Rauhen Haus, der berühmten Gründung des evangelischen Sozialethikers und Sozialpraktikers Johann Hinrich Wichern.
Öffentliches Wirken
Dieser Einführung in die Gegenwartsprobleme des Industriezeitalters folgten vier Jahre Pfarramt im sächsischen Langenberg, einem Arbeiterdorf, und erste Schriften, beginnend mit einem Arbeiterkatechismus - sodann die Rückkehr zur Inneren Mission, der Gründung Wicherns, als geistlicher Betreuer sozialer Einrichtungen in Frankfurt am Main. In diese Zeit fiel der Beginn von Naumanns politischer Tätigkeit in der damaligen christlich-sozialen Bewegung und intensiver publizistischer Tätigkeit in deren Sinn als einer ihrer Sprecher. Aber bald wagte der junge Pfarrer den Sprung auf die eigenen Füße: 1895 gründete er, mit wenig Geld und viel Mut, seine eigene Wochenschrift "Die Hilfe". Schon im Jahr darauf kam das zweite, noch größere Wagnis, nämlich die Gründung des Nationalsozialen Vereins als politische Partei, beides gefolgt von dem Ausscheiden aus dem Pfarramt und der Übersiedlung in das politische Zentrum Berlins.
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| Grabstätte von Friedrich Naumann in Berlin-Schöneberg |
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