Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Vom Aschenputtel zur schlafenden Braut [Druckversion]




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Lateinamerika: Vom Aschenputtel zur schlafenden Braut
Lateinamerika profitiert vom Wirtschaftsboom in Asien - aber nicht nur.


Manfred Richter, Dr. Eduardo Montealegre, Dr. Diego Garcia-Sayan, Dr. Luis Alberto Lacalle Herrera, Dr. Carlo Alberto Montaner, Harald Klein
Die Beziehungen Lateinamerikas mit Deutschland und Europa standen im Mittelpunkt der gleichnamigen internationalen Konferenz, zu der die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und ihre Veranstaltungspartner, das GIGA Institut für Iberoamerika-Kunde und der Lateinamerikaverein, in den Überseeclub nach Hamburg geladen hatten. Im einzigen während des Krieges unzerstört gebliebenen Patrizierhaus kam es zu einem regen Austausch zwischen Vertretern der deutschen Außenpolitik, der Lateinamerikaforschung und Gästen aus Übersee, wie die traditionell guten und engen Beziehungen zwischen den beiden Kontinenten gepflegt und für beide Seiten nutzbringend vorangebracht werden könnten.

Dr. Wolfgang Gerhardt
Darauf, dass die EU es trotz zahlreicher Abkommen mit lateinamerikanischen Ländern versäumt habe, klare Prioritäten zu setzen, und mit den Partnern auf dem südamerikanischen Kontinent Strategien zu entwickeln, die die Bezeichnung „strategische Partnerschaft“ mit Leben füllten, hatte Wolfgang Gerhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung für die Freiheit schon am Vorabend in seiner Begrüßungsrede hingewiesen. „Europa braucht starke Partner und Lateinamerika ist aufgrund seiner kulturellen Nähe zu Europa und seines Jahrhunderte langen, intensiven Austauschs mit Europa ein natürlicher Partner. Ein starker Partner kann es aber nur sein, wenn es seine vielfältigen Integrationsbemühungen ernsthaft fortsetzt und sein potentielles weltpolitisches Gewicht entwickelt und einbringt.“ Den Europäern riet er, den Blick nicht nur nach Osten und Fernost zu richten.

Rolf Berndt
Rolf Berndt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung für die Freiheit, betonte, das Superwahljahr 2006 in Lateinamerika habe gezeigt, wie sich demokratische Mechanismen in vielen Ländern durchsetzten. Dass die Freiheit durch einen anti-amerikanischen, linken Nationalismus in einigen lateinamerikanischen Staaten stark bedroht sei, müsse man auch als Folge fehlender Bürgerbeteiligung und wenig gefestigter Institutionen werten. An einigen Beispielen verdeutlichte er, wie sich die Stiftung mit ihren Partnern diesen Herausforderungen stellt.

Sünden am Welthandel

Prof. Dr. Detlef Nolte bei seiner Begrüßungsrede
Insbesondere hinsichtlich außenpolitischer und wirtschaftlicher Aspekte beschrieb Prof. Detlef Nolte vom GIGA Institut für Iberoamerikakunde den südamerikanischen Kontinent als ein zur schlafenden Braut gewordenes Aschenputtel, um das mittlerweile mehrere Prinzen werben. Insbesondere China spiele mit seinem zunehmend entwickelten Produktionssektor und enormen Bedarf an Rohstoffen eine immer gewichtigere Rolle in der Region, auf die sich Europa einstellen müsse. Peter Trommer, Referatsleiter im Auswärtigen Amt, kam nach eingehender Betrachtung der asiatischen Wettbewerber allerdings zu dem Schluss, dass Deutschland gar nicht so schlecht aufgestellt sei, sich aber künftig vermehrt seiner Stärken besinnen solle.




Über 80 Teilnehmer füllten den Überseeclub in Hamburg
Peter Rösler vom Lateinamerikaverein, empfahl eine kritische Auseinandersetzung mit den Sünden, die sowohl von der EU als auch von einigen lateinamerikanischen Ländern am Welthandel begangen würden. „Der Kerngedanke der globalen Handelsliberalisierung ist die Annahme, dass sich die Preise für Waren und Dienstleistungen weltweit reduzieren, wenn jedes Land seine komparativen Kostenvorteile einbringen kann, ohne durch Handelsschranken und Subventionen daran gehindert zu werden. In diesem Sinne ist Freihandel die beste Entwicklungshilfe.“ Karl Buck, Leiter der Abteilung Lateinamerika beim EU-Ministerrat, sah in den Instrumenten Dialog und Kooperation sowie in dem fehlenden militärischen Bedrohungspotential klare Vorteile beim Wettbewerber EU, die schließlich noch immer der größte Importeur von Agrarprodukten sei und vergleichsweise niedrige bis keine Handelshemmnisse für diese Produkte aufstelle. Zur Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu China betonte er, dass die lateinamerikanischen Länder stärkeres Gewicht auf die Ausbildung ihrer Menschen und insbesondere auf Förderung der Bereiche Wissenschaft und Forschung legen sollten. „Anwälte und Notare als einzige ausgebildete Akademiker sind auf Dauer tödlich“.

Gutartige Unaufmerksamkeit hilft niemandem

Carlos Alberto Montaner, Schriftsteller und Politiker, Vizepräsident von Liberal International
Positiv und gleichzeitig kritisch werteten auch die auswärtigen Gäste die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa sowie deren Perspektiven. Einerseits stellte Carlos Alberto Montaner, kubanisch-spanischer Schriftsteller und Journalist, fest, dass weniger die Verteilung der Einkommen und Erträge in den Ländern problematisch sei, sondern die fehlende Kultur eines Unternehmertums. Es gebe eine Menge guter Ideen, aber in wenigen Ländern den Rahmen und den individuellen Willen, diese Ideen auch zu verwirklichen. Während die Europäer eine starke Vorstellung des integrierten Europas entwickelt und dann auch umgesetzt hätten, seien Lateinamerikaner eher imitierend denn innovativ eingestellt. Insbesondere, da Lateinamerika im Gegensatz zu Asien ein Teil und zwar der bevölkerungsreichste und ärmste des Abendlandes sei, an dem auch die Aufklärung nicht vorbeigegangen wäre, sei es wichtig, dass Europa diesen Integrationsprozess fördere. Hierfür brauche es zunächst „das Eingeständnis, dass mit der ‚gutartigen Unaufmerksamkeit’ Lateinamerika gegenüber niemandem geholfen sein wird.“ Wichtige Integrationselemente seien hierbei die gemeinsamen Werte, so Diego Garcia-Sayan, ehemaliger Außenminister Perus und Direktor der Juristenkommission der Andenstaaten. Auf diese Werte müssen die Europäer bei der internationalen Zusammenarbeit aus seiner Sicht viel stärker pochen - und auf die gleichen Standards, die die EU an Beitrittskandidaten stelle.

In den von Jürgen D. Wickert, Friedrich-Naumann–Stiftung für die Freiheit, Peter B. Schumann, Journalist u.a. für Deutschlandradio und Rüdiger V. Graichen, Leiter des Stiftungsprojektes Argentinien moderierten Roundtables wurde über wirtschaftspolitische Themen hinaus intensiv Fragen der kulturellen und wissenschaftlichen Kooperation nachgegangen. Ungestellt schwang dabei auch die Frage mit, ob Deutschland, Europa und Lateinamerika gemeinsame Interessen oder doch Interessen gemeinsam verfolgen sollten, wobei es den einzelnen Ländern Lateinamerikas schwerer fallen dürfte, miteinander gemeinsame Interessen zu definieren als mit Europa. Denn Lateinamerika scheint je nach Themenstellung in verschiedene Teile zu zerfallen. So differenzierte der ehemalige Präsident Uruguays, Luis Alberto Lacalle Herrera, vier geographische Regionen, die sich je nach ihrer Blickrichtung auf die USA, nach Europa, nach Asien oder wegen eigener Interessen wie der vierte Teil, Brasilien, voneinander unterschieden. Politisch, so Prof. Nolte, könne man ein „neues“ Lateinamerika, das Nationalisierung wie z.B. Venezuela und Bolivien, von einem „alten“ mit politischer Ausrichtung, an die man sich gewöhnt hätte, unterscheiden.




Viele Potenziale, neue Bedrohungen

Der Lateinamerika-Beauftragte der Bundesregierung, Dr. Gerhard Enver Schrömbgens
Wichtig, so die einhellig geteilte Meinung, sei aber vor allem, dass jegliche Politik Europas die Herzen und Köpfe der Menschen Lateinamerikas erreiche und gleichzeitig einer kohärenten Strategie folge. In diesem Zusammenhang hob der Lateinamerika-Beauftragte der Bundesregierung Gerhard Enver Schrömbgens die gute und vielseitige Arbeit der Goethe-Institute auf dem lateinamerikanischen Kontinent einerseits und der Botschaften vieler Länder der Region in Deutschland andererseits hervor. Der engen kulturellen Zusammenarbeit, stünden die wirtschaftlichen Beziehungen genauso wenig nach wie die politischen. Allerdings stellte er ein Defizit der „Vermarktung“ all dieser Bemühungen und Erfolge fest, das man beheben müsse.

Der Kritik, dass Lateinamerika immer wieder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit gleite, schloss sich Marina Schuster MdB (FDP) für den deutschen Diskurs in Politik und Medien an, nahm aber gleichzeitig die FDP-Bundestagsfraktion aus. „Die Liberalen arbeiten derzeit an einem Lateinamerika-Papier, von dem weitere Impulse für die deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen im Parlament ausgehen werden.“ Ihr sei dabei ganz besonders wichtig, dass die Bundesrepublik eine über Kuba und Venezuela hinausgehende, abgestimmte Politik gegenüber den lateinamerikanischen Staaten entwickle, die den Rechtsstaat fördere, die Einhaltung der Menschenrechte garantiere und Eigentumsrechte schütze.

„Insgesamt“, so fasste Harald Klein, Leiter des Bereiches Internationale Politik der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die Diskussionen am Ende des langen Konferenztages zusammen, „sind für die Beziehungen zwischen den beiden Teilen des Okzidents viele Potentiale, aber auch neue Bedrohungen auszumachen“. Der politische Dialog sei bislang zu kurz gekommen und sollte den Handel als Instrument der Beziehungspflege in Zukunft einholen. Dazu wäre es hilfreich, wenn die Ansprechpartner auf der anderen Seite des Atlantiks eindeutig definiert wären und tatsächlich die Interessen der Menschen in ganz Lateinamerika vertreten würden. Deutschland, so betonte er, sei dabei nicht nur als Mitglied der EU angesprochen, sondern könnte dabei auch eine eigene, wichtige Rolle spielen.

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