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Mythos oder Modell für die Zukunft?

Die Rolle der Frau in der DDR und Entwicklungen seit 1989

Die Veranstaltung war Folge einer Podiumsdiskussion vor einem Jahr zum Thema „50 Jahre Gleichberechtigung – Wo stehen wir heute?“. Die damalige Veranstaltung bezog sich auf das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau im bürgerlichen Gesetzbuch, welches 1957 verabschiedet wurde. Mit diesem Gesetz und folgenden sind ohne Zweifel große Schritte erzielt worden. Trotzdem sei Deutschland noch davon entfernt, Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen zu gewährleisten – so das Fazit der damaligen Veranstaltung.
Dort machten einige Teilnehmerinnen darauf aufmerksam, dass die Betrachtung der ehemaligen BRD zwar wichtig, aber eben nur eine Seite der Medaille sei: In der DDR hätte es Gleichberichtigung in vollem Umfang gegeben.
Diese These zu untersuchen und zu diskutieren – dazu hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit nun in die Reinhardtstraßenhöfe geladen. In einem Eingangsreferat und zwei Podien wurde diese These von verschiedenen Blickwinkeln aus diskutiert.

Frauen waren unkalkulierbar geworden

von Braun
Carola von Braun, Sprecherin der überparteilichen Fraueninitiative Berlin und ehemalige Landes- und Fraktionsvorsitzende der Berliner FDP, fasste ihre Beobachtungen und Erfahrungen vor und nach 1989 aus Sicht der ersten Berliner Frauenbeauftragten (1984-1990) und liberalen Politikerin zusammen.
Ab Mitte der 80er Jahren stellte von Braun eine stetige Entwicklung der frauenpolitischen Netzwerke mit zunehmendem Einfluss in Berlin und Hamburg fest – den beiden einzigen Großstädten mit einer Frauenbeauftragten. Politische Parteien unterstützten diese Entwicklung aus dem einfachen Grund, dass Frauen ihr Wahlverhalten allmählich änderten. Das Interesse für Frauenthemen wuchs, weibliche Vorbilder in den Parteien waren gewünscht.
Zu der Zeit war die Frauenbewegung- West stark zerstritten: Es gab die autonome Frauenbewegung, die bürgerliche Frauenbewegung, es gab Frauenbewegungen in den Parteien und den Gewerkschaften, es gab eine Gruppe von akademischen „Fachfrauen“ an Universitäten und in Verwaltungen und es existierte eine Mütterbewegung. In dieser Zerrissenheit sieht von Braun den größten strategischen Fehler der neuen Frauenbewegung.
Es kam jedoch der Punkt, an dem die Frauen feststellten, dass die Männer die Posten und die Gelder verteilten, während sie selber stritten.
Bis 1989 fand schließlich eine Annäherung der verschiedenen Frauenbewegungen statt, es wurden Netzwerke geknüpft, die auch mit politischen Erfolgen verbunden waren.

Die Frauen stritten wieder und die Männer verteilten wieder

Nach der Wende schlug das Pendel um: Zunächst gab es viele Konflikte zwischen Frauen aus Ost und West: Ostdeutsche Frauen waren nicht in Kategieren wie „bürgerlich“ oder „liberal“ einzuordnen. Während in den westlichen Frauenbewegungen feministische theoretische Überlegungen eine große Rolle spielten, hatten die ostdeutschen Frauen einen eher ideologiefernen, pragmatischen Stil.
Dieser Stil der Ostdeutschen Frauen brachte viele Frauenförderprojekte auf den Weg.
Frauenpolitisch hatten sie eine andere Sicht: Sie verteidigten die Frauen- und Familienpolitik der DDR, Westfrauen sahen dies naturgemäß anders.
Doch mit der Zeit näherte man sich an und kooperierte, da man die Synergien für andere, drängendere gesellschaftspolitische Probleme benötigte.

Heute, so von Braun, seien Frauen besser ausgebildet als Männer, sie hätten gute Berufsaussichten, bekleideten durchaus Top-Positionen. Nur in Chefetagen finde man sie noch immer kaum. Ein Problem, das damit zusammenhängt, sieht von Braun in der Distanz junger Frauen zur Politik. Es müsse der Gesellschaft und den Parteien gelingen, Frauen zu motivieren, sich parteipolitisch zu engagieren. Denn nur so hätten diese die Möglichkeit, mitzugestalten und Dinge zu ändern.
Für die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute plädierte von Braun für einen sachlichen, unideologischen Blick, um sinnvolle Einrichtungen aus dem Osten zu übernehmen, so z.B. die Polyklinik, Ganztageseinrichtungen sowie einige Berufe, die es zu DDR-Zeiten gab. Ideologien hätten hierbei nichts zu suchen.

Gleichberechtigung in der DDR. Mythos oder Modell?

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden folgende Fragen diskutiert: Waren Frauen in der DDR tatsächlich gleichberechtigt? Oder ist dies ein Mythos?
Maaz
Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychotherapeut in Halle und Autor des Buches „Der Gefühlsstau – Ein Psychogramm der DDR“ vertrat die These, arbeitende Frauen – damit fast alle Frauen – seien chronisch überlastet gewesen. Diese hätten die gesamte Verantwortung für Kinder und Haushalt gehabt. Zusätzlich sollten sie vollerwerbstätig und beruflich erfolgreich sein. Der Mann spielte bei Erziehungs- und Haushaltsfragen keine Rolle. Viele Frauen hätten mit dieser „Multifunktionsanforderung“ Probleme gehabt. Die propagierte Gleichberechtigung hätte nicht gelebt werden können.
Zum anderen, so Maaz, hätten kleine Kinder schon frühzeitig in qualitativ oft mangelhafte Kinderkrippen untergebracht werden müssen.
Positiv sei zu vermerken, dass die ostdeutschen Frauen von einer selbstverständlichen Gleichberechtigung ausgingen, ohne dabei Männer zu attackieren.
Prof. Christine Eifler vom Zentrum Gender Studies der Universität Bremen betonte, die Situation damals wäre nicht vergleichbar mit der von heute und deswegen schwierig zu beurteilen.
In der DDR hätte gegolten: „Eine Frau muss wie ein Mann arbeiten in der Gesellschaft“. 54% der Frauen in der DDR waren berufstätig. Es habe, so Eifler, keine kindgemäßen Konzepte gegeben. Die strukturellen Verhältnisse hätten es unmöglich gemacht, dass Frauen Kinder und Beruf vereinbaren konnten.
Maaz, Eifler, Miosga, Poppe, Schramm
Allerdings hob auch sie positiv hervor, dass die Propagierung der Gleichberechtigung Früchte getragen habe: Frauen hätten dieses Anliegen verinnerlicht, es wäre ihnen ganz selbstverständlich geworden. Dies sei auch heute noch zu bemerken.
Gabriele Gysi, Dramaturgin in Berlin, entgegnete, dass das Bild der gleichberechtigten Frau zwar propagiert, jedoch nicht eingelöst wurde. Es hätten keine tatsächlichen politische Konzepte zur Verwirklichung existiert.
Gysi betonte jedoch, dass es nicht „DIE DDR“ gegeben habe. Die DDR sei nicht 40 Jahre lang gleich gewesen sondern auch dort hätten sich Veränderungsprozesse vollzogen. Was zu Anfang ein Aufbruch gewesen sei, wäre später nur noch ein Festhalten gewesen.
Ulrike Poppe, Bürgerrechtlerin, stellte ebenfalls fest, dass es in der DDR keine wirkliche Gleichberichtigung gegeben habe. So hätten auf dem Arbeitsmarkt die Männer die höher qualifizierte, interessante Arbeit verrichte, während für die Frauen die stupide, gering qualifizierte Arbeit übrig blieb. Sie selbst hätte dies am Fließband in der Produktion erlebt.
Die DDR sei auch nicht kinderfreundlich gewesen. Die Einrichtungen, Spielplätze, Kinderzubehör und andere Dinge hätten nicht immer die erforderliche Qualität gehabt. Eigeninitiative sei nicht gewünscht gewesen: So wäre der von ihr und anderen 1980 gegründete einzige Kinderladen in der DDR nach drei Jahren von staatlicher Seite aus geschlossen worden. Auch Aktivitäten von Frauengruppen seien unterbunden worden.
In der DDR hätte es ein anderes Rechtsverständnis gegeben: Das „Recht“ auf Frauenförderung“ sei nicht einklagbar gewesen.
Das Fazit der ersten Runde:
Gleichberechtigung in der DDR wurde von staatlicher Seite aus beworben und propagiert. Dieses hatte die positive Folge, dass die Frauen sich dieses Verständnis verinnerlichten und heute selbstverständlich davon ausgehen, im Unterschied zu Frauen aus dem Westen.
Allerdings hätten hinter der staatlichen Propaganda keine schlüssigen Konzepte zur tatsächlichen Förderung der Gleichberechtigung gestanden.
Frauen in der DDR waren doppelt belastet: Durch die Vollerwerbstätigkeit auf der einen, die Kinderbetreuung und Haushaltsführung auf der anderen Seite. Zudem seien in den Führungspositionen nahezu keine Frauen zu finden gewesen. Dies sei im damaligen Westdeutschland anders gewesen.
Moderiert wurde das Podium von Margit Miosga vom rbb.

Gleichberechtigung in der DDR: Die Multifunktionsfrau – ein Modell für die Zukunft?

In einem zweiten Podium wurden Entwicklungen und Veränderungen in West und Ost nach der Wende diskutiert und die Frage, ob das Modell der Gleichberechtigung in der DDR zukunftsweisend sei. Moderiert wurde das Podium von Tissy Bruns, Leitender Redakteurin des TAGESSPIEGEL.
Pieper
Cornelia Pieper MdB, FDP-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt und stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende, bedauerte, dass vieles von dem, was gut war im Osten, nach der Wende nicht übernommen wurde. Erst allmählich käme man wieder dazu, genau hinzusehen und einige Dinge einzuführen, die es im Osten schon gab. Vieles sei dort gut gewesen, man hätte seinen Weg gehen und seine Ziele verfolgen können. Dies sei daran zu erkennen, dass jetzt über den Ausbau der Krippenplätze diskutiert und Milliarden an Geldern investiert würden. Dies, so Pieper, hätte man aber alles auch schon vor 18 Jahren haben können. Es wäre nicht alles perfekt gewesen, aber man dürfe nicht alles schlecht reden.
Rechtsanwältin Georgia Schramm betonte die Wichtigkeit von Flexibilität von Kinderbetreuung, sowohl in Kindertagesstätten als auch an Schulen. Diese sei zu DDR-Zeiten gewährleistet gewesen und habe ihr die Karriere als Anwältin erst ermöglicht.
Zudem seien Frauennetzwerke immanent wichtig. Frauen müssten sich gegenseitig unterstützen, um erfolgreich zu sein.
Ganz besonders wichtig seien Schramm als Vorsitzende des Bundes der Unternehmerinnen in Sachsen-Anhalt jedoch kinderfreundliche Unternehmen. Anders sei es nicht möglich, die Karriere von Frauen zu fördern. Hier habe Deutschland noch viel zu lernen.
Dr. Uta Schlegel vom Institut für Hochschulforschung Wittenberg hob die ökonomische und reproduktive Autonomie der Frauen in der DDR hervor. Heute würde man darauf zurückgreifen: So wären entscheidende Impulse in Bezug auf die Verbesserung des Paragraphen 218 von ostdeutschen Frauen gekommen.
Als Problem sieht Schlegel an, dass es in der DDR keine Frauenpolitik sondern eine Familienpolitik gegeben habe, die an Frauen gerichtet war. Dies hätte auch mit Verantwortungszuschreibung zu tun gehabt: So gab es einen monatlichen „Haushaltstag“, der aber selbstverständlich nur an Frauen gerichtet war. Die Familienpolitik in der DDR wurde „von alten Männern für Frauen gemacht“, so Schlegel. Allerdings wären die Bildungschancen in der DDR für Frauen besser gewesen als heute – für Schlegel ein harter Indikator für Gleichberechtigung.

Junge Frauen – engagiert Euch!

Carola von Braun bedauerte es, dass keine jungen Frauen zwischen 18 und 28 Jahren an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Es scheine, so Braun, als seien alle Rechte selbstverständlich und „vom Himmel gefallen“. Dies sei falsch: Die erkämpften Rechte seien fragil und müssten stets verteidigt werden.
Schlegel, von Braun, Bruns, Pieper, Schramm
Auf die Frage der Moderatorin nach Handlungsmöglichkeiten, um die Lage von Frauen weiter zu verbessern, plädierte Pieper für eine nationale Bildungsoffensive für eine bessere Zukunft von Frauen: Denn Gleichberechtigung sei eine Frage von Bildungschancen. Politikern sie dies noch nicht ausreichend klar. Auch hier kann man aus dem Osten lernen: So hätten der Mathematikunterricht und die Naturwissenschaftliche Ausbildung in der DDR eine hohe Qualität gehabt.
Frühkindliche Bildung müsse Sache des Bundes werden, um vergleichbare Qualitätsstandards von Kindergärten und anderen Einrichtungen zu gewährleisten. Dies verhindere soziale Probleme.
Wie von Braun betonte Pieper, dass es wichtig sei, dass sich junge Frauen in der Politik engagieren, um Lebenswirklichkeit mit zu gestalten.


Den Tagungsbericht zur Veranstaltung „50 Jahre Gleichberechtigung – Wo stehen wir heute?“ von 2007 finden Sie hier.

Die Veranstaltung wurde aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gefördert.

Anne Wellingerhof
Regionalbüro Berlin-Brandenburg

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