Potsdam: Mythos '68 - „Rebellion und Wahn“
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| Peter Schneider |
Differenziertere Töne haben in diesem Wiederholungsdiskurs aus 1000 und einer Talkshow-Nacht kaum eine Chance. Die Medien schenken bevorzugt jenen ihre Aufmerksamkeit, die mit besonders steilen Thesen von sich Reden machen. In diesem Jahr kann sich der Historiker und Alt-68er Götz Aly dieser Art medialer Zuwendung erfreuen. In seinem jüngsten Buch „Unser Kampf – 1968“ stellt er seine ehemaligen Weggefährten, die Revoltierenden von einst, als „sehr deutsche Spätausläufer des Totalitarismus“ dar und behauptet, „dass die deutschen Achtundsechziger in hohem Maß von den Pathologien des 20. Jahrhunderts getrieben wurden und ihren Eltern, den Dreiunddreißigern, auf elende Weise ähnelten.“ Die 68er als Nachhut der Nazis?
Der autobiografische Rückblick des Schriftstellers Peter Schneider ist da von anderem Kaliber.
Es ist das Dokument eines Zeitzeugen, das (selbst-)kritisch, einsichtig und nachvollziehbar die privat-politischen Motive des damals Revoltierenden nachzeichnet, ohne Widersprüche vorschnell in vermeintlich plausiblen Erklärungsversuchen aufzulösen. Im Rückblick konfrontiert sich der heute 68-jährige Autor mit den Tagebuchaufzeichnungen des damaligen Mittzwanzigers, dessen Eintragungen ihm mitunter wie Zeugnisse eines Fremden erscheinen:
Ein vom Welterlösungswahn und von persönlicher - aus enttäuschter Liebe hervorgerufener - Verzweiflung Heimgesuchter begegnet ihm da auf vergilbtem Papier. Aber er maßt sich auch rückblickend nicht an, daraus ein Generationenportrait zu fertigen: „Ich werde mich hüten, die Zerrissenheit dieses einen, dem ich in den Aufzeichnungen begegne, als ‚Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit’ zu beschreiben, wie es damals Mode war.“
Anhand ausgewählter Kapitel wurde den Besuchern in der Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse geboten: Die Auseinandersetzung an den Hochschulen, Begegnungen mit Rudi Dutschke und anderen Mitstreitern, die Vorbereitungen des Springer-Tribunals, die Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 und der Tod von Benno Ohnesorg, der Überschlag eines offenen weithin kreativen Aufbruchs in zunehmend ideologische Erstarrung.
Aus seinen früheren Aufzeichnungen geht schwarz auf weiß hervor, wie er in einer „Art linguistischer Machtergreifung“ entlang einer nicht näher hinterfragten „Klassenanalyse“ verbal mächtig aufrüstete: aus Arbeitern wurde die „Arbeiterklasse“, aus Regierung, Unternehmern und Bonzen wurde die „herrschende Klasse“, die politischen Widersacher und Gegner wurden zu „Charaktermasken“, „Arbeiterverrätern“ und – so die ultimative Denunziation – „Faschisten“.
Es war ein Prozess der Entwirklichung und Entpersönlichung: „Aus ich/wir wurde wir – ohne ich.“ Es bleibe, so Schneider, einer der am wenigsten aufgeklärten Vorgänge des Aufbruchs von 67/68, wie sich die Revolutionsrhetorik in so vielen Köpfen festsetzen konnte.
In einem kurzen Epilog dieser kritisch-nachdenklichen Erinnerungsarbeit heißt es:
„Es war eine schöne und schreckliche Zeit. Meinen Kindern sage ich: Es ist nötig – und wird immer wieder nötig sein und Mut erfordern -, gegen selbsternannte Herren der Welt und eine feige oder übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: ‚Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!’ – wenn ebendies der Fall ist.“
Michael Roick
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