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Politiker als neues Gattungswesen: Der „beobachtete Mensch“

Was veranlasst den Berliner Büroleiter des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, der in seiner Funktion privilegierten Zugang zu allen Mächtigen des Landes hat, einen Roman zu schreiben, der von eben dieser Sphäre handelt? „Als Reporter kann ich Belege sammeln, ich kann mich um Wahrhaftigkeit bemühen und sollte dies unbedingt tun, aber an die Wahrheit komme ich nicht heran.“ Über den Roman, so Dirk Kurbjuweit „komme ich endlich in das Innere eines Politikers, bin ich Herr über die Wahrheit.“

Dirk Kurbjuweit, Michael Roick
Und dieser Blick ist ihm gelungen. Rund 150 Gäste im vollbesetzten Veranstaltungssaal der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin dankten es dem Autor mit großem Applaus am Schluss der Lesung. Nicht die ganze Wahrheit ist ein grandioser Roman über die Liebe im Schatten der Macht, über Verrat, Parteigehorsam und Rebellion, über Wahrheit und Lüge.
Die Handlung spielt in der Berliner Politszene zu Zeiten der rot-grünen Koalition. Kanzler und Außenminister sind klar erkennbar, bilden aber nur das Gerüst für eine ansonsten frei erfundene Handlung. Es ist kein Schlüsselroman, wie manch einer auf den ersten Blick wohl annehmen mag.

Die Geschichte handelt vom Parteivorsitzenden Leonard Schilf, dessen in der Provinz lebende Ehefrau einen Privatdetektiv beauftragt, um herauszufinden, ob ihr Mann eine Affäre hat. Und Arthur Koenen, der Ich-Erzähler, wird nach langer Beobachtung schließlich fündig. Er verschafft sich einen Zugang zum Mail-Account der Geliebten, der jungen Abgeordneten Anna Tauert, der er zunehmend Sympathien entgegenbringt, weil sie so leidenschaftlich und rebellisch für ihre Überzeugungen und eine am Ende hoffnungslose Liebe kämpft.

Als ein „Briefroman der Liebe in Zeiten des Internets“ ist das Buch u. a. bezeichnet worden. Aber es ist mehr als das. Es beschreibt auf beeindruckende Weise das vielfach künstliche Leben im medial bestimmten Politikalltag.

Gäste in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin
„Was tun wir hier?“ fragt Anna in einer nächtlichen Mail ihren Geliebten Leonard: „Wir sagen Sätze, von denen wir hoffen, dass sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen oder in der Tagesschau gesendet werden. Wenn sie dort nicht erscheinen, sind sie nicht gesagt. Wenn wir mit unseren Sätzen dort länger nicht erscheinen, gibt es uns nicht. Wir sagen Sätze, damit es uns gibt. Wir sagen die so, dass es uns gibt. Es gibt uns nur im Streit. Wenn wir etwas sagen, auf das jemand anderes erwidern kann, sind wir in der Zeitung oder in der Tagesschau. Am besten ist, ein Parteifreund kann darauf erwidern. Dann wird es interessant. Es gibt uns am meisten als Rebellen. Aber wir dürfen keine Rebellen sein, weil das der Kanzler nicht will (und du willst es auch nicht). So suchen wir den ganzen Tag nach Sätzen, die uns leben lassen, ohne dass sich der Kanzler zu sehr ärgert. Oder die Journalisten suchen sie bei uns. Ist das Politik? Wollen wir das so? Sag mir einen Satz, der mich leben lässt.“

Zeichnung einer Teilnehmerin an der Veranstaltung
Die Medien, so Kurbjuweit in der anschließenden Diskussion, haben den Politikprozess in der Tat ein Stückweit pervertiert. Meist konzentrierten sie sich auf die eine Schlagzeile, den einen Satz, die eine Geste. Politiker würden dadurch immer „unschärfer“ und „nebulöser“. „Dass dieses Buch“, so ist in einer Rezension der FAZ zu lesen, „das die letzten Geheimnisse der Geheimnisträger enthüllen will, trotzdem ein ungemein diskretes, romantisches Buch aus dem politischen Berlin der jüngsten Vergangenheit geworden ist, liegt an der Liebe des Autors zu den Figuren, die er beschreibt. Wie er sich die über die Jahre seiner professionellen Beobachtungswut des politischen Personals bewahrt hat, bleibt sein Geheimnis und seine große Kunst.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Michael Roick

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