Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Ringvorlesung: Beschleunigung, Vertiefung, Vereinzelung [Druckversion]




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Ringvorlesung: Beschleunigung, Vertiefung, Vereinzelung


„Journalisten müssen im Zeitalter der Digitalisierung mehr als zuvor Schneisen in den Informationsdschungel der Bevölkerung schlagen“, so lautete das Plädoyer des Vortrages von Peter Frey.




Zumpfort
Die diesjährige Ringvorlesung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und des OSI-Clubs der Freien Universität wurde von Dr. Wolf-Dieter Zumpfort, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung eröffnet.
Zumpfort verwies zunächst auf den gemeinsamen Ursprung des OSI-Clubs und der Friedrich-Naumann-Stiftung: Mit Friedrich Naumann, Theodor Heuss und Karl-Hermann Flach begründeten, beförderten und absolvierten drei prominente Liberale im Spannungsverhältnis von Politik und Publizistik die Deutsche Hochschule für Politik, Vorgängerin des Otto-Suhr-Instituts.
Zumpfort ging dann auf die Aktualität der Ringvorlesung und Ihres Themas "Medien/Demokratie. Politik und Journalismus in Berlin" ein. Meinungs- und Pressefreiheit sowie der freie öffentliche Diskurs über gesellschaftliche und politische Entwicklungen würden in einer aufgeklärten Demokratie als selbstverständlich angesehen. Doch es bestehe die Gefahr, dass Politiker angesichts der Macht der Medien ihre Meinungen nicht unverfälscht wiedergeben sondern sich nach Demoskopen und Trends richten würden, um bei den Wählern nicht falsch anzukommen. Dadurch sei der ernsthafte und unverfälschte Dialog mit den Bürgern in Gefahr, so Zumpfort.

Anschließend beschrieb Peter Frey, Leiter des ZDF-Hauptstadtbüros anhand von vielen Anekdoten, was das Zeitalter der Digitalisierung für den Alltag eines Fernsehjournalisten bedeutet. Ein erstes entscheidendes Charakteristikum sei vor allem der Faktor der „Beschleunigung“. Durch die Deregulierung der Kommunikationsinfrastruktur in Form der Einführung des dualen Rundfunksystems und durch neue globale Kommunikationstechnologien wie dem Internet haben sich das Tempo und damit auch der Wettbewerb um die aktuellsten Informationen stark verschärft, erklärte Frey.
Frey
Die „Berliner Republik“ präge daher häufig auch eine „Ich bin dabei“- Mentalität der Journalisten, die versuchen (und aus wirtschaftlichen Gründen auch versuchen müssen), sich im Kampf um die neuesten Informationen stündlich zu überbieten. Dabei gestand Frey bedauernd ein, dass dieser verschärfte Wettbewerb manchmal auch zu einer gewissen Verflachung führt – so sähen sich viele Journalisten aus Zeitgründen immer häufiger gezwungen, Informationen nicht ausreichend geprüft von den Nachrichtenagenturen oder neuen Leitmedien, wie beispielsweise SPIEGEL ONLINE, zu übernehmen.
Aus eigener Erfahrung wusste Frey in diesem Zusammenhang auch zu berichten, dass gerade diese neuen Leitmedien einen nicht unbeträchtlichen Druck auf herkömmliche Fernsehanstalten ausüben. So sei beispielsweise die ZDF- Mediathek auch ein Versuch des ZDFs, sich dem neuen Zeitalter anzupassen und auch im Internet präsent zu sein. Dabei sei es für einen Fernsehjournalisten wie Frey eine ganz neue Erfahrung, dass sich Informationen und somit auch „Fehltritte“ im Internet nicht wie im Fernsehen „versenden“, sondern jederzeit und über Jahre abrufbar bleiben – ein Gedanke, an den sich Frey beim Schreiben seines wöchentlichen Blogs, dem „Freytag“, erst gewöhnen musste.
Mittlerweile stehe er dieser zentralen Eigenschaft des Internets jedoch sehr positiv gegenüber, da diese auch zu einer „Vertiefung“ von Informationen führe, so Frey. So könne der Zuschauer durch beispielsweise die Mediathek selbstbestimmt entscheiden, wann er welche Sendung ansehen oder nochmals ansehen möchte. Damit stünden dem Bürger heutzutage über verschiedene Informationskanäle so viele Informationen wie nie zuvor frei zur Verfügung. Allerdings habe man auch feststellen müssen, dass mehr Informationen nicht unbedingt mehr Wissen bedeuten und vor allem auch nicht mehr demokratisches Engagement nach sich ziehen, so Frey weiter. Im Gegenteil, er habe beobachtet, dass sich viele Bürger durch die Informationsflut überfordert fühlen. Dies führe zu Bürgern, die „overinformed and underactive“ sind. Dies würde auch daran deutlich, dass bestimmte Zielgruppen, wie beispielsweise die unter 50-Jährigen oder Menschen mit geringerer Bildung durch politische Informationssendungen nicht mehr ausreichend erreicht werden. Dies sei jedoch nicht nur ein Problem für die öffentlich-rechtlichen Sender, sondern ein generelles Problem für unsere Demokratie, so die warnende These Freys, weil sich durch diese Abkopplung und „Vereinzelung“ ein Informationsprekariat herausbilde.

Damit beinhalte das Zeitalter der Digitalisierung für Journalisten auch eine neue Aufgabe und ein Mehr an Verantwortung, so das Fazit Freys: Es dürfe nicht mehr nur darum gehen, zeitnah Informationen und Nachrichten zu liefern, sondern zentral müsse es sein, diese Nachrichten auch zu erklären, zu verdichten, einzuordnen und zu verifizieren und dem Bürger so Orientierung im Informationsdschungel zu ermöglichen.



Die Ringvorlesung wird aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gefördert.




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