Walther-Rathenau-Tag
Im Jahr 1909 kaufte der Industrielle, liberale Politiker, Schriftsteller und Philosoph Walther Rathenau Schloss Freienwalde. Hier entstanden viele seiner Werke, hierher zog er sich zurück, um politische und literarische Konzepte zu entwickeln. Gründe genug, am historischen Ort des vor 85 Jahren ermordeten Außenministers Rathenau zu gedenken.
Nach der Begrüßung durch Heiko Krause, LIberales Forum, hob Bürgermeister Ralf Lehmann die Bedeutung Rathenaus für Bad Freienwalde hervor und dankte Kreis und Land für die Fördermittel, mit denen das Schloss und das Teehaus, das eigentlich ein Theaterpavillon ist, saniert werden. Bad Freienwalde stelle sich damit seinem kulturellen Erbe und sehe dies als Chance. Der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit dankte Lehmann für die Initiative, einen Rathenau-Tag ins Leben gerufen zu haben, der zu einer festen Einrichtung werden soll.
Dr. Hinrich Enderlein, Mitglied des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, spannte den historischen Bogen: Der Name Rathenau stehe nicht nur für den Vertrag von Rapallo, den er 1922 unterzeichnete, sondern in seiner Person zeige sich das tragische Scheitern der Weimarer Republik. Die Kräfte, die damals die Demokratie nicht retten konnten – Christlich-Konservative, Sozialdemokraten und Liberale – haben nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen erfolgreich die Demokratie aufgebaut. In Bad Freienwalde finde man „das pralle Panorama deutscher Geschichte vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik“.
Dr. Reinhard Schmook, Verwalter des Schlosses, gab einen Überblick über die Geschichte des von David Jilly erbauten Schlosses, das Rathenau als „kaiserlichen Ladenhüter“ erwarb. In der Absicht, den höfischen Lebensstil zu bewahren, was aber Besucher dazu brachte, das Schloss als „wenig gemütlich“ zu bezeichnen (z.B. Carl Fürstenberg) baute er es nur geringfügig um. Nach Rathenaus Tod ging das Schloss in die Walther-Rathenau-Stiftung ein, die im Dritten Reich liquidiert wurde. 1945 wurde das Schloss geplündert, aber die bauliche Hülle blieb erhalten, da das Haus als „Puschkin-Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ genutzt wurde. Im Jahr 1991 wurde die Walther-Rathenau-Stiftung gegründet.
Dr. Alexander Jaser, Universität Freiburg, stellte in seinem Referat Rathenau in eine zeitgeschichtliche Tradition, machte aber auch eindringlich auf ganz aktuelle Bezüge aufmerksam. Rathenau ist gerade in seiner Widersprüchlichkeit für die Gegenwart von großer Bedeutung. Die Erinnerungsarbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sei deshalb von großer Bedeutung, weil die fast totale Auslöschung jüdischer Intellektueller (nicht nur physisch, sondern auch wirkungsgeschichtlich) durch Veranstaltungen wie diese bekämpft werden kann.
Rathenau wurde nach dem Krieg im Osten so ignoriert und vergessen wie Rosa Luxemburg im Westen. Es besteht nach wie vor eine geteilte historische Erinnerungskultur in Ost und West. Rathenau, während der Weimarer Republik hoch geachtet, war – mit Ausnahme der Rapallo-Episode – weitgehend vergessen.
Rathenau war – in all seinen Irrtümern – sowohl Repräsentant, als auch Kritiker und Opfer seiner Zeit. Er wählte nicht den leichtesten Weg der Anpassung an das gesellschaftliche System, sondern versuchte, Visionen zu entwickeln, die er sowohl politisch wie philosophisch begründete. Er war bereit, Ungerechtigkeiten seiner Zeit anzuprangern.
Das deutsche parlamentarische System war vor dem Ersten Weltkrieg im europäischen Vergleich rückständig. Es gab „closed shops“ für gesellschaftliche Gruppen wie die Juden, in denen ein Aufstieg unmöglich war. Rathenau setzte sich für die Durchbrechung dieser Schranken ein, um die Eliten des Staates und der Wirtschaft wirklich aus den besten Köpfen zu rekrutieren. Für heute hieße das, sich nicht damit abzufinden, dass Kinder aus Migrantenhaushalten signifikant schlechtere Bildungs- und damit Aufstiegschancen haben.
Weiter stellte Dr. Jaser auf die Gegenwart bezogen fest: Auch heute gilt es, Ungerechtigkeiten nicht einfach hinzunehmen. Sei es die Situation der 3. Welt, des Internationalen Finanzsystems oder des religiösen Fanatismus. Der Westen, der einstmals das Erfolgsmodell nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in moralischer Hinsicht gewesen sei, müsse eine neue Vision entwickeln. Der Wegfall des Ost-West-Konfliktes brachte keine „Glückseligkeit“, sondern eher ein Vakuum. Der Westen kann den Wert der Freiheit nicht glaubwürdig vertreten, solange Bürgerrechte („Guantanamo“) mit Füßen getreten werden. Die Freiheit selbst lässt sich nur durch und mit Freiheit erkämpfen. In diesem Sinne war Rathenau ein Utopist im besten Sinne.
Heiko Krause
Liberales Forum
Die Veranstaltung wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert.
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