Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Für Freiheit erschossen, verhaftet, geflohen, geblieben [Druckversion]




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Für Freiheit erschossen, verhaftet, geflohen, geblieben


Jeden Tag wird die Gruppe größer, welche keine direkte Erinnerung an die DDR-Diktatur hat. Jeden Tag wird jene Gruppe kleiner, die gegen das DDR-System für Freiheit kämpfte.

Für Freiheit erschossen, verhaftet, geflohen, geblieben…


Menke-Glückert, Berndt, Eppelmann (v.l.)
Esch, Kochheim, Schollwer, Schilka – erschossen, verhaftet, geflohen, geblieben. Vier Liberale, die höchst unterschiedliche Schicksale nach dem Krieg in der SBZ/DDR erlebten und erleiden mussten. Sie verbindet, dass sie für Freiheit, Bürgerrechte und für ein liberales Nachkriegs-Deutschland eintraten und damit gegen den stalinistischen Terror agierten. Der DDR-Geschichte bis 1953 widmete sich der Politische Club „Als Liberale in den Fängen des stalinistischen Terrors“ in Potsdam.

Peter Menke-Glückert, stellv. Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung, mahnte in seinem Begrüßungsplädoyer, dass wir die Vergangenheit nie vergessen dürften. Äußerst kritisch fragte er: Warum erscheint es, als würden wir den Widerstand gegen die kommunistische Diktatur vergessen? Wie könne es sein, dass diejenigen, die die DDR-Diktatur prägten, heute salonfähig sind und Regierungsverantwortung übernehmen? Warum hören wir nicht stärker auf Zeitzeugen? In seinen Ausführungen kritisierte er die unzureichende Aufarbeitung des stalinistischen Terrors in Deutschland mit scharfen Worten.

Eppelmann
Erschossene können nicht mehr erzählen. An ihre Schicksale können wir heute erinnern und dadurch beitragen, sie nicht zu vergessen und die Vergangenheit als Mahnung für die Zukunft zu betrachten. Fast 1.000 Deutsche wurden zwischen 1950 und 1953 in Moskau hingerichtet und auf dem dortigen Friedhof Donskoje verscharrt. Erschossen, so Minister a.D. Rainer Eppelmann, Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, weil sie „antisowjetisch“ tätig gewesen wären. Erst nach 1990 konnten auf Initiative von Memorial International die Schicksale der Opfer aufgearbeitet werden. Dabei wurde auch die Perfidität des stalinistischen Systems offenbart, so Eppelmann. Die 927 Erschossenen wurden in einer zum Krematorium umgebauten Kirche verbrannt, das Sowjet-System wollte sich über Diesseits und Jenseits, über Leben und Tod erheben.

Über die 71 Liberalen, die in Moskau hingerichtet wurden, berichtete Frank Drauschke, Facts & Files – Historisches Forschungsinstitut Berlin. Unter diesen waren Hans Cölln aus Jüterbog, Kurt Zipper aus Berlin-Köpenick und Arno Esch aus Rostock. Sie wurden auf deutschem Boden verhaftet, nach Moskau verschleppt und dort erschossen. Ihre Schicksale dokumentiert die Wanderausstellung „Erschossen in Moskau“, welche zeitgleich in der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gezeigt wurde.

Schilka, Schollwer, Frölich, Kochheim (v.l.)


Dr. Jürgen Frölich, stellv. Leiter vom Archiv des Liberalismus, diskutierte dann mit „Vertretern einer Generation von Freiheitskämpfern“. Ihre Beweggründe in die LDP einzutreten, waren persönlich und nicht damit begründet, hehre Ziele zu verfolgen.

Schollwer
Wolfgang Schollwer, geb. 1922 in Potsdam, 1946 Eintritt in die LDP, Anfang der 1950er Jahre Flucht in die Bundesrepublik, später stellv. Leiter des Ostbüros der FDP

Schollwer hatte mit Politik nichts am Hut. Hätte er studieren wollen, hätte er der SED beitreten müssen. Auch ging er davon aus, dass es bis zur Einheit höchstens zwei bis drei Jahre dauern würde. Schollwer war vom Eisenacher Programm der Liberalen beeindruckt, welches demokratisch ausgerichtet war und das (sic!) in einer kommunistischen Diktatur.
Die Auszählung der Stimmen zur Wahl des 3. Volkskongress im Mai 1949 verfolgte er kritisch und „konnte die Wahlmanipulationen nicht ertragen“. Auch sein parteipolitisches Engagement ließen ihn alsbald zu dem Entschluss kommen: „Ehe Du hier im Gefängnis verschwindest, gehst Du lieber.“

Schilka
Prof. Harry Schilka, geb. 1928 bei Dresden, 1945 Eintritt in die LDP, 1952 Austritt aus der LDP und innere Opposition zur DDR, in der DDR geblieben, 1990 Mitbegründer der DDR-FDP in Sachsen

Schilka war von liberalen Persönlichkeiten wie Wilhelm Külz beeindruckt. Die Aufforderung von LDP-Politikern „Machen Sie mit!“, nahm er wörtlich und trat in die Partei ein. Vorträge, in denen er 1948 für einen marktwirtschaftlichen und freiheitlichen Wirtschaftskurs in der SBZ plädierte, wurden sowohl von SED und Gewerkschaft als auch der LDP kritisiert. Die LDP (!) verhängte gegen ihn ein Redeverbot. Damit begann der Rückzug Schilkas aus der LDP, die seine Bürgerrechte einschränkte. Schilka blieb seiner freiheitlichen Einstellung treu: „Unsere Gesinnung dürfen wir nicht verraten.“ Erst nach der Wende konnte er promovieren und eine Professur in Architektur bekleiden.

Kochheim
Dr. Hansjochen Kochheim, geb. 1929 in Genthin, 1946 Eintritt in die LDP, Mitglied der LDP-Fraktion des 3. Volkskongresses, 1949 Verhaftung und Verurteilung zu 25 Jahren Gulag, 1950 Zwangsarbeit in Sibirien, 1955 Übersiedlung in die Bundesrepublik, später Bürgermeister der Stadt Gummersbach

Kochheim baute 1946 eine äußerst erfolgreiche Schülervertretung als Alternative zu Pionieren und FDJ auf. Gespräche mit und Vorträge von Liberalen bestärkten ihn, als Schüler in die Partei einzutreten und aktiv für liberale Positionen einzutreten. „Wir haben daran geglaubt: Der Liberalismus hat eine Zukunft.“
Ein Affront gegen das System bildete bspw. das Hissen der sachsen-anhaltinischen Flagge auf dem Schulhof zum 1. Mai und nicht das der roten Arbeiterflagge. Kochheim dazu: „Wir waren frech.“ Für seine politische Arbeit, auch nach der Schulzeit, wurde er von den Behörden gemaßregelt. Am 10.Juli 1949 wurde er verhaftet, später verurteilt und nach Sibirien transportiert.

Sichtlich von den Ausführungen der Zeitzeugen bewegt sprach Rolf Berndt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung, am Ende und bekundete seine Anerkennung für die liberalen Freiheitskämpfer, deren Wirken ein bleibendes Vermächtnis für die Arbeitung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sei.

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Facts & Files - Historisches Forschungsinstitut Berlin - statt. Wir danken dem Archiv des Liberalismus für die Zusammenarbeit. Die Veranstaltung wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert.

Michael Gold
Büro Berlin-Brandenburg




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