Erschossen in Moskau
Wer sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ und DDR politisch engagierte, ging ein hohes Risiko ein. Insbesondere dann, wenn dies auf der Grundlage von Werten geschah, die im Widerspruch zur Ideologie der Besatzungsmacht standen. Innenpolitisch verfolgten der sowjetische Geheimdienst und die Staatssicherheit jeden in der DDR, der sich gegen das stalinistische Regime stellte. Als „Feinde“ wurden sie verschleppt, verhaftet, verurteilt und in vielen Fällen zum Tode verurteilt. An die Opfer erinnert die in deutsch-russischer Zusammenarbeit erstellte Wanderausstellung „Erschossen in Moskau…“.
| Christian Däubler |
| Dr. Anne Kamninsky |
In die Ausstellung führte Frank Drauschke, Facts & Files – Historisches Forschungsinstitut Berlin, ein. Aus dessen Vortrag geben wir im Folgenden einige Passagen wieder:
| Frank Drauschke |
"War man einmal in das Visier der ostdeutschen bzw. sowjetischen Geheimdienste geraten, konnte die Verhaftung praktisch jederzeit und an jedem Ort erfolgen, jedoch fast immer im Bemühen, so wenig wie möglich öffentliches Aufsehen zu verursachen. Nach 1950 wurde die Mehrzahl der Festnahmen durch das MfS durchgeführt. Die Mitarbeiter erschienen in der Regel als Angehörige der Volkspolizei oder der Kriminalpolizei. Oft wurde die betreffende Person unter dem Vorwand „zur Klärung eines Sachverhaltes“ aus dem Haus bzw. von der Arbeitsstelle gelockt und dann festgenommen."
„Unter den Verurteilten waren viele Menschen, die auf Grund ihrer politischen Überzeugung in das Visier von Staatssicherheit und russischem Geheimdienst geraten waren. So gab es eine ganze Reihe Mitglieder von CDU, LDP(D), NDPD und SPD, die sich durch aktive politische Arbeit gegen die wachsende Vereinnahmung durch die SED zur Wehr setzten. Insgesamt wurden durch sowjetische Militärgerichte 142 Mitglieder demokratischer Parteien zum Tode verurteilt und in Moskau erschossen, davon 71 Mitglieder der LDP(D). Zu den hingerichteten politischen Aktivisten gehörten z.B. der Potsdamer Bürgermeister Erwin Köhler - der zusammen mit seiner Ehefrau zum Tode verurteilt wurde – beide waren Mitglied der CDU oder etwa der Berliner Kurt Zipper, der für die LDP in der Volkskammer saß.“
"Nach der Vollhängung des Todesurteils, wurde den 'Delinquenten' meist noch in der darauffolgenden Nacht die Möglichkeit gegeben, ein Gnadengesuch an das Präsidium des Obersten Sowjets zu stellen. Doch die Chance, die Todesstrafe in eine Lagerstrafe von 25 Jahren abzumildern, war gering. Ca. 90 % der Todesurteile wurden bestätigt."
"Die Geheimhaltung der ganzen Vorgänge führte so weit, dass selbst die DDR-Behörden in der Regel nicht wussten, was mit den Verhafteten nach deren Übergabe an die „sowjetischen Freunde“ geschehen war. Bei vielen suchenden Angehörigen blieb über viele Jahre und Jahrzehnte so die Hoffnung aufrecht, ihre Verwandten seien „nur“ zu Lagerhaft in einem sibirischen „Schweigelager“ verurteilt worden und würden irgendwann aus der Gefangenschaft zurückkehren.
Erst nach dem Ende der DDR konnten für viele der Verstorbenen überhaupt erstmals Sterbeurkunden ausgefüllt werden. Und noch immer blieb eine Vielzahl der Schicksale vollkommen ungeklärt, bis viele Angehörige Mitte der 1990er-Jahre unvermittelt Post vom Auswärtigen Amt bekamen: über diesen Weg wurde ihnen vom russischen Militärstaatsanwalt Rehabilitationsurkunden zugestellt. Auf diese Weise erfuhren viele erstmals, dass die Vermissten zum Tode verurteilt und in Moskau erschossen worden waren."
Beispielhaft für Hunderte anderer, stellte Drauschke die Biographie von Hans Cölln vor.
„Hans Cölln wurde am 18. August 1913 in Hamburg geboren. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie. Bis zu seiner Verhaftung lebte er zusammen mit seiner Frau Else und seinen zwei kleinen Kindern im brandenburgischen Jüterbog.
Cölln hatte nach Abschluss der Realfachschule von 1934 bis zum Ende des Krieges in der Luftwaffe gedient, zuletzt im Rang eines Oberfeldwebels.
Nach dem Krieg arbeitete er als Lehrer an der Jüterboger Goethe-Schule, wo er sehr beliebt gewesen sein soll. 1946 trat er in die LDP ein und wurde Vorsitzender der LDP-Ortsgruppe in Jüterbog. Am 25. Oktober 1951 wurde er unter einem Vorwand zum örtlichen Volksbildungsamt bestellt. Augenzeugen berichteten der Ehefrau Else Cölln später, ihr Mann sei vor dem Amt am selben Tag gegen 18 Uhr in Begleitung von zwei Offizieren in russischer Uniform in ein Auto gestiegen. Nach dem spurlosen Verschwinden ihres Mannes versuchte Else Cölln über Jahre hinweg vergeblich, von den DDR-Behörden Auskunft über den Verbleib von Hans Cölln zu bekommen. Erst Ende 1955 wurde ihr von ehemaligen Mithäftlingen zugetragen, dass ihr Mann im Februar 1952 von einem Militärtribunal verurteilt worden sei.
Tatsächlich hatte das SMT Nr. 48240 Cölln am 6. Februar 1952 in Potsdam wegen angeblicher Spionage zum Tode durch Erschießen verurteilt. Wie alle anderen, durfte auch Hans Cölln ein Gnadengesuch an den Obersten Sowjet stellen. Das Gesuch wurde jedoch am 5. Mai 1952 abgelehnt. Cölln, der zwischenzeitlich über Brest nach Moskau gebracht worden war, wurde vier Tage nach der Ablehnung des Gnadengesuchs am 9. Mai 1952 im Butyrka-Gefängnis erschossen.
Cöllns sterbliche Überreste wurden im Krematorium auf dem Moskauer Friedhof Donskoje eingeäschert und seine Asche im Grab Nr. 3 bestattet. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod wurde Cölln am 03. 10. 1995 durch die russische Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert.“
Die Ausstellung wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Ausstellung findet in Kooperation mit Memorial International Moskau, Facts & Files - Historisches Forschungsinstitut Berlin und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Berlin statt und kann bis zum 4. Oktober 2007 besichtigt werden.
Michael Gold
Büro Berlin-Brandenburg
Folgeveranstaltung
20. September 2007, 19.00 Uhr, Truman-Haus
Politischer Club „Als Liberale in den Fängen des stalinistischen Terrors“
mit Minister a.D. Rainer Eppelmann und den Zeitzeugen Hansjochen Kochheim, Prof, Harry Schilka, Wolfgang Schollwer
Dauer der Ausstellung:
10. September bis 4. Oktober 2007
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 17.00 bis 19.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag 10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: frei
Ausstellungsort:
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Truman-Haus
Atrium im Neubau
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam-Babelsberg
S-Bahn Griebnitzsee
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