Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - 50 Jahre Gleichberechtigung – Wo stehen wir heute? [Druckversion]




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50 Jahre Gleichberechtigung – Wo stehen wir heute?


1957 wurde das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau im bürgerlichen Gesetzbuch verabschiedet. Vieles ist erreicht worden, doch die Gleichheit ist noch nicht vollkommen gewährleistet.




Am 18. Juni 1957 wurde das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau im bürgerlichen Gesetzbuch verabschiedet. Anlässlich dieses Ereignisses vor 50 Jahren lud das Büro Berlin-Brandenburg der Friedrich-Naumann-Stiftung Stiftung für die Freiheit zu einer Tagung, um über vergangene und aktuelle Entwicklungen zu diskutieren.

„Frauen wollen die Hälfte des Himmels“

Schwaetzer
Dr. Irmgard Schwaetzer, Mitglied des Vorstandes der Stiftung, eröffnete die Tagung und begrüßte es, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und die Bundesvereinigung der Liberalen Frauen, gemeinsam über 50 Jahre Gleichberechtigung in Deutschland zurück und nach vorn blickend diskutieren. Schwaetzer stellte eine von ihr aktuell herausgegebene Publikation vor, in der Lebensbilder von Frauen dargestellt sind, die liberale Träume verwirklicht hätten. Diese Frauen hätten nur erfolgreich sein können, weil sie vernetzt waren. Die Vernetzung von Frauen sei auch heute essentiell, um etwas bewegen zu können.

Sibylle Laurischk MdB, Vorsitzende der Bundesvereinigung Liberale Frauen e.V., stellte in einem Impulsreferat die gesetzlichen Entwicklungen und Veränderungen auf dem Gebiet des Familienrechts der letzten 50 Jahre dar. 1958, mit Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes, wurde die Frau dem Mann offiziell gleichgestellt und viele „Vorrechte“ des Mannes in Bezug auf das gemeinsame Leben und die Kindererziehung abgeschafft. Ein wichtiger Punkt war die Einführung der Zugewinngemeinschaft. Das Letztentscheidungsrecht des Mannes in allen innerfamiliären Fragen wurde gestrichen, ebenso die Zustimmung des Ehemannes zur Erwerbstätigkeit der Ehefrau. Allerdings durfte die Erwerbstätigkeit der Frau nicht in Konflikt mit den „Pflichten in Ehe und Familie“ treten. Erst 1977 wurde das Eherechtsreformgesetz verabschiedet, in dem unter anderem die gemeinschaftlich geregelte Haushaltsführung festgeschrieben wurde. Die Frau war damit nicht mehr in erster Linie zur Haushaltsführung verpflichtet. Erwerbstätigkeit war fortan für beide Ehegatten möglich, ebenso wurde die gegenseitige Rücksichtnahme auf die Familie festgeschrieben.

Laurischk
Die FDP habe als moderne Partei entscheidenden Anteil bei der Gesetzgebung gehabt. Sie habe in den 70er Jahren vieles erreicht, wie die Reform des Eherechts, eine Alterssicherung für Hausfrauen oder Anpassungen beim Paragraphen 218. 1978 habe sie dem Thema Gleichberechtigung einen eigenen Parteitag gewidmet. 1994 kam das Frauenförderungsgesetz, das 2001 durch das Gleichstellungsdurchsetzungsgesetz abgelöst und erweitert wurde. Diese Gesetze hätten weitere Verbesserungen gebracht. All diese rechtlichen Bemühungen könnten jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass Frauen in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt oder unterrepräsentiert seien. Netzwerken von Frauen komme eine besondere Bedeutung zu, um die Präsenz von Frauen in der Wirtschaft und in der Politik zu erhöhen. Der Staat wiederum habe die Aufgabe, adäquate Rahmenbedingungen wie ausreichende Krippen- und Kindergartenplätze und Qualitätskontrollen zu schaffen.

„Mädels, es wird sich nichts ändern. Die Männer haben sich gut eingerichtet.“

von Braun, Senftleben, Kullmann (v.l.)
Anschließend folgte ein Generationengespräch zwischen Carola von Braun, Sprecherin der überparteilichen Fraueninitiative Berlin und ehemalige Landesvorsitzende der Berliner FDP, und Katja Kullmann, Autorin aus Berlin. Moderiert wurde das Gespräch von Mieke Senftleben MdA, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin.
Braun berichtete aus den 70er Jahren in Berlin. Alle großen Frauenbewegungen hätten sich von dort aus entwickelt. Es sei eine Zeit des Aufbruchs von autoritären Strukturen, der Bildungsreformen, des Abbaus von Hierarchien gewesen. Die FDP sei zu dieser Zeit die intellektuell attraktivste und modernste Partei in Deutschland gewesen. Sie fand großen Zulauf bei jungen Männern und Frauen, mit der Folge, dass viele bis heute bekannte liberale Frauen im Bundestag vertreten waren. Braun merkte an, dass der Weg der Gleichberechtigung, wie er hierzulande begangen wurde, typisch deutsch gewesen sei, da er auf einer Institutionalisierung der Frauenpolitik drang, d.h. der Weg über die Verwaltung gewählt wurde.

Anschließend beschrieb Kullmann, Autorin des Buches „Generation Ally – Warum es heute so kompliziert ist, Frau zu sein“, das Dilemma und die Ambivalenz der Frauen zwischen 30 und 40. Diese würden zwischen den Rollenbildern der Eltern (Vater als Alleinverdiener und Mutter als Hausfrau) und den modernen Vorstellungen der eigenen Generation stehen. Die 90er Jahre hätten einen Aufbruch versprochen. Die Informationsgesellschaft bot neue, ungeahnte Möglichkeiten. Man hatte mit 20 das Gefühl „Alle sind auf unserer Seite“. Ein Jahrzehnt später hätte einen dann langsam das Gefühl beschlichen, dass irgendetwas falsch laufe. Man stellte plötzlich fest, dass die vielen neuen Möglichkeiten auch nichts an alten Tatsachen geändert hätten: Männer waren immer noch überall dort vertreten, wo es um Entscheidungen und Macht geht.

Hierzu bemerkte Braun, dass Frauen seit Jahr und Tag mit dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu kämpfen hätten. Ein weiteres Problem sei das mangelnde Interesse junger Frauen für die aktive Parteipolitik. Unter den Frauen herrsche leider immer noch der Irrglaube, man würde allein mit Fachkompetenz weiterkommen. Braun hingegen forderte die Frauen auf, „kungeln zu lernen“, um sich in der Politik und in anderen Bereichen des Lebens stark zu machen und Strukturen zu ändern. Sie sah darüber hinaus privilegierte, hoch gebildete und emanzipierte Frauen in der Verantwortung, sich für benachteiligte Frauen als die wichtigste Voraussetzung für eine starke Frauenbewegung einzusetzen.

„Frauen müssen füreinander da sein“.

Berger
Es folgte eine Podiumsdiskussion, die von Tissy Bruns, leitende Redakteurin des Tagesspiegel, moderiert wurde. Christine Berger, Brandenburger Unternehmerin des Jahres 2007, habe während ihrer Berufstätigkeit immer wieder gemerkt, dass eine große Schwierigkeit in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelegen habe. Sie unterstütze ihre Mitarbeiter diesbezüglich – wenn man wolle, finde sich immer eine Lösung. Berger wies zudem auf die Wichtigkeit von Vorbildern für junge Frauen hin. So seien ihre eigenen Kinder heute sehr selbständig, weil sie es nicht anders kennengelernt hätten.
Niehuss, Döge
Prof. Merith Niehuss, Präsidentin der Bundeswehrakademie München, berichtete, dass sich die weiblichen Studierenden in der Bundeswehr einer männlichen Welt angleichen würden. Sie verglich dies mit der Situation in der Politik. Ihrer Erfahrung nach würden sich die meisten Dinge von selbst regeln, da die Frauen sehr teamfähig und durchsetzungsfähig seien. Niehuss wies auf die unbedingte Notwendigkeit der Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern hin. Wenn es keine qualifizierten Frauen gäbe, könne man auch keine einstellen. Es müsse ein neues Frauenbild entstehen, über Parteigrenzen hinweg, das den Frauen neue Vorbilder vermittle und den Druck der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der hauptsächlich auf ihnen laste, nehme.

Dr. Peter Döge vom Institut für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V. widersprach dieser Auffassung. Viele Studien hätten ergeben ergeben, dass auch Männer unter Druck stünden und unter dem „Problem der Anwesenheitskultur“ leiden würden. Diese würde ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ungleich schwerer machen als den Frauen, von denen erwartet würde, dass sie Elternzeit nehmen. Döge bemängelte, dass in Deutschland Gleichberechtigungspolitik untrennbar mit Frauenpolitik verbunden sei. In Schweden hätten beide Ehepartner gesetzlich und gesellschaftlich anerkannt gleiche Rechte und Pflichten. Er fordert: Politik für Frauen dürfe nicht nur von Frauen kommen.

El-Hussein
Hanaa El-Hussein, stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner FDP und Leiterin kaufmännische Verwaltung der „inter 3 GmbH“, lobte das „Diversity“-Konzept, wie es neuerdings bei vielen Wirtschaftsunternehmen Anwendung finde. Dieses sei ein vielversprechender Ansatz zur Förderung der Integration, insbesondere auch der von Frauen mit Migrationshintergrund. Die Unternehmen müssten begreifen, dass Vielfalt etwas Wertvolles sei und dass es ihnen mittelfristig Nachteile bringe, wenn sie sich nicht verstärkt für Chancengleichheit einsetzten. Wichtig sei es zudem, so El-Hussein, die jüngere Generation zu erreichen. Diese hätte die Chance, bestehende Strukturen zu verändern.

Seiler-Albring
Ursula Seiler-Albring, Präsidentin des Instituts für Auslandsbeziehungen, vertrat die Auffassung, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie Ungarn oder Bulgarien hinsichtlich der Gleichberechtigung erfolgreich sei. Trotzdem gebe es noch strukturelle Probleme in bestimmten Berufsfeldern. Seiler-Albring sagte weiter, dass man in der ganzen Diskussion der Gleichberechtigung auch die Klassenfrage berücksichtigen müsste. Dem Fließbandarbeiter nütze eine zweijährige Elternzeit nicht.

„Eine Frau im U-Boot“

Die Diskutanten waren sich einig, dass die erkämpften Gleichheitsrechte stets neu erkämpft werden müssten. Weitere Verbesserungen seien zudem nötig, wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beider Geschlechter. Ebenso wichtig sei die Bildung von Frauennetzwerken.

Anne Wellingerhof
Büro Berlin-Brandenburg

Die Veranstaltung wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert.




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