Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Mit Mut gegen die Bildungsarmut [Druckversion]




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Mit Mut gegen die Bildungsarmut


„Um Kultur zu erhalten, braucht es kulturell gebildete Leute.“ Dies war zugleich Anspruch und Forderung einer Diskussion zur Kultur- und Bildungspolitik der Berliner Bezirke.




Begrüßung
Die Podiumsdiskussion bildete die Auftaktveranstaltung zu einer mehrteiligen Bildungsreihe, die das Büro Berlin-Brandenburg zum Thema „Mit Mut gegen die Bildungsarmut“ durchführt. Die Veranstaltungsreihe soll der Frage nachgehen, welchen Stellenwert Kultur und kulturelle Bildung in der Gesellschaft einnehmen. In der ersten Veranstaltung, die unter dem Titel „Zum aktuellen Stand der Kulturpolitik in den Berliner Bezirken“ lief, diskutierten Politiker über den Stellenwert, den man der Kultur in den einzelnen Bezirken einräumt.

„Die Luft zum Atmen wird dünn“

Die Podiumsdiskussion, die von Claudia Henne vom rbb Kulturradio moderiert wurde, zeigte, dass im Bereich der kulturellen Bildung innerhalb der Bezirke viel getan wurde und auch weiterhin getan werden wird. Es wurde deutlich, dass alle Bemühungen und Initiativen nicht ausreichen, wenn der Staat nicht fördernd und unterstützend eingreift und angemessene Rahmenbedingungen schafft.

Kolland
Dr. Dorothea Kolland, promovierte Musikwissenschaftlerin und seit vielen Jahren Leiterin des Kulturamtes Neukölln, beklagte die Ignoranz des Berliner Senats, für den Kultur und Kulturpolitik auf Bezirksebene nicht existieren würden. Der Senat nehme die vielfältige und erfolgreiche kulturelle Bildungsarbeit der Bezirke zu wenig wahr und unterstütze sie nicht. Dabei sei es essentiell, dass man auf Kinder und Jugendliche aktiv zugehen müsse, um diesen ein positives Verhältnis zu Kultureinrichtungen zu vermitteln. Im späteren Alter sei dies nicht mehr möglich. Als gelungenes Beispiel für kulturelle Bildung und integrationsfördernde Maßnahme zugleich nannte sie den „Sommer im Park“, ein wöchentliches Musikfestival in einem Neuköllner Park (Haus am Körner Park).

Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin des Bezirks Berlin-Lichtenberg, bestätigte diese Auffassung. Schon lange müssten die Bezirke mit den ihnen zugewiesenen, jährlich knapper ausfallenden Mitteln des Senats haushalten. Dabei sei ihnen zum überwiegenden Teil vorgeschrieben, wie das Geld auszugeben sei. Ein freier Entscheidungsspielraum, wie er eben auch für die Gestaltung des kulturellen Angebots nötig sei, wäre nicht gegeben. Ebenso würde der frei verfügbare Anteil der Globalmittel jährlich sinken. Der Bezirk versuche trotzdem, Schwerpunkte zu setzen: So sei es gelungen, vier von 13 Bezirkbibliotheken vor der Schließung zu retten und kontinuierlich auf einem aktuellen Bücherbestand zu halten. Gleichzeitig plant der Bezirk das „Musikkonzept 2010“, mit dem es jedem Kind über 3 Jahren ermöglicht werden soll, einmal pro Woche kostenfrei Musikunterricht zu erhalten.

Meyer
Christoph Meyer, stellvertretender Vorsitzender und kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, kritisierte die unklare Aufgabenverteilung im Bereich der Kulturpolitik zwischen Hauptverwaltung, Land und Bezirken. Die Verantwortung würde zur jeweils anderen Verwaltungsebene geschoben, wenn nicht klar sei, wer genau für welchen Bereich zuständig sei. Dies müsse sich dringend ändern, klare Zuständigkeiten müssten geschaffen werden.

Oliver Schruoffeneger, haushalts- und entwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin beklagte mangelnde Debatten in der Politik über Kulturelle Bildung und Kulturpolitik, die über die Hauptverwaltungsebene hinausgehen. Gleichzeitig kritisierte er den Senat, der offenbar den Wert der Kultur gerade in einer Stadt wie Berlin, die Anziehungspunkt hauptsächlich wegen ihrer Kultur sei, nicht verstanden habe. Weiterhin bemängelte Schruoffeneger den neuesten Integrationsbericht des Senats, in dem der Kultur auf Bezirksebene kaum Beachtung geschenkt werde, ebenso wenig der Integration. Kolland ergänzte, dass es geradezu widersinnig sei, dass in dem Bericht als Beispiel für Kulturförderung lediglich das Haus der Kulturen der Welt sowie die Projekte des durch das Auswärtige Amt finanzierte ifa anzuführen: Initiativen und Projekte der Bezirke wurden jedoch vollkommen vernachlässigt. Dies zeige die katastrophale Situation und das mangelnde Verständnis der Regierung für Kulturförderung.

Lange, Henne
Brigitte Lange, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, verteidigte die Arbeit des Senats, gab aber zu, dass in vielen Bereichen mehr getan werden müsste. Positiv hob sie den Bezirkskulturfonds des Landes hervor, mit dem Kulturprojekte in den Bezirken gefördert werden. Als Beispiel nannte sie die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, die schon seit Jahren Publikumsmagnet sei. Sie beschrieb den aus ihrer Sicht schwierigen Umstand, dass die Bezirke vom Land einerseits erwarteten, sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen, gleichzeitig wollten die Bezirke jedoch ihre Autonomie bewahren und wehrten sich deshalb wiederum vor zu starker Einmischung. Hierauf entgegnete Meyer, dass die Bezirke eine Einmischung durchaus befürworteten, wenn sie denn Positives bewirke. Die Angst vor zu starker Einmischung rühre aus den negativen Erfahrungen der letzten Jahre.

„Um Kultur zu erhalten, braucht es kulturell gebildete Leute.“

Podium
Alle Diskutanten erhoben an den Senat die Forderung, sich nicht aus der Verantwortung zu ziehen, sondern sich aktiv für die Förderung von Kultur in den Berliner Bezirken einzusetzen – durch mehr Rechte für die Bezirke sowie finanzielle Mittel.
Es sei ein Umdenken von der „Kästchenpolitik“ hin zu neuen Wegen und Strategien vonnöten, damit strukturell kulturelle Bildung gefördert werden kann. Schließlich gelte es, Menschen zu bilden, die später in der Lage seien, Kunst und Kultur zu erhalten und zu fördern. Zudem komme der Verantwortung und dem Engagement der Bürger der Bezirke eine besondere Bedeutung zu. Man müsse dieses ernst nehmen und fördern. Ein Beispiel für positives Bürgerengagement seien die Bürgerstiftungen, bei denen Menschen Zeit für gemeinnützige Zwecke spendeten.
Die anschließende angeregte Diskussion mit dem Publikum zeigte, dass das Thema auf großes Interesse bei den Berlinern trifft und machte den Bedarf an Folgeveranstaltungen deutlich.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Bildungsinitiative pro Kopf statt und wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert.




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