spanisch
englisch
Veranstaltungen      Stipendien      Virtuelle Akademie      Online-Bibliothek      Publikationen     
Rolf Breitenstein: Sind Frauen doch bessere Literaten?

Dr. Rolf Breitenstein, Hennef, Journalist und Schriftsteller.

Grob gesehen lässt sich die Geschichte der Literatur in drei Phasen einteilen. In der ersten Phase schrieben Männer für Männer ihre eigene Vorherrschaft fest, in Büchern wie der Bibel, und weithin analphabetische Frauen waren aufs Hörensagen angewiesen; so bekam auch Shakespeare viel weibliches Publikum in sein Theater. In der zweiten Phase schrieben weiter überwiegend Männer, aber die weibliche Leserschaft wuchs rapide; in der Belletristik übernahmen Leserinnen die Mehrheit. Auch darauf gestützt, besetzten jetzt, in der dritten Phase, Ende 2007 Frauen die sechs Spitzenplätze der »Spiegel«-Bestsellerliste Belletristik; Männer sahen sich in die Sparte Sachbuch abgedrängt, zur Jahreswende unter Führung von Hape Kerkeling (»Ich bin dann mal weg«) auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela.

Roche, Karsch, Rowling

Abseits von Bestseller-Listen und Spitzenautorinnen, wurde um den Jahreswechsel 2007/2008 eine brisante literarische Ladung montiert. Im Februar schlug sie in der Szene ein wie die oft zitierte Bombe; genauer wie eine Arschbombe, denn die »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche verspritzten gischthoch Blut und Schleim, Spaßfreude, Ekel, Empörung, sexuelle Gelüste und Beifall für den Mutsprung, mit dem die 30-jährige Autorin sich für Monate an die Spitze der Bestseller-Listen katapultierte. Ein renommierter Verlag hatte das Manuskript als pornografisch abgelehnt, ein anderer renommierter Verlag druckte es; Elke Heidenreich, sonst nicht zimperlich, distanzierte sich, Sigrid Löffler auch, aber in den ersten zehn Wochen wurden schon rund eine halbe Million Exemplare verkauft, der Absatz rollte, auch von Lizenzen ins Ausland, das Hörbuch ist schon da, die Filmrechte – da würde es wohl schwierig.
Denn der Nervus rerum des Romans ist für dreifache Operation und penetrante Provokation der Anus der 18-jährigen Helen, die im Krankenhaus extrem neugierig ihre Spalten und Falten erforscht, aus Lust und Langeweile, unter Schmerzen; einige Tage einer »Körperausscheidungsrecyclerin«, einer scharfäugigen Kommentatorin ihres Körpers und ihrer Umwelt, eines von Traumata geplagten Scheidungskindes mit einem Sonderinteresse für Avocadoaufzucht. Eine Mischung von Realitäten, Lügen, Träumen und Phantasien, ekelfreie Nüchternheit in sonst tabuisierten Zonen, dazu gelegentlich trockener Humor, der Stil eher salopp. Nach 220 Seiten ist das Thema verspritzt, Helen wird von ihrem netten Krankenpfleger heimgenommen. Er heißt Robin, und die Autorin, gebürtige Engländerin, dürfte sich den Namen von dem umtriebigen Kobold geborgt haben, der am Ende von Shakespeares »Sommernachtstraum« ins Publikum ruft, falls sich jemand beleidigt fühle, könne er sich ja einbilden, alles nur geträumt zu haben. Sonst gibt es keinerlei Anklang an Klassik, kaum an herkömmliche schöngeistige Literatur.
Die Phalanx der Belletristik-Frauen hat in deutschen Landen eine weithin vergessene Vorläuferin. In seinem »Lyrik-Würfel« (50 CDs) erinnert Rezitator Lutz Görner ausführlich an Anna Louisa Karsch (1722–1791) als die erste Person, die in Deutschland von ihrer Dichtung leben konnte – nachdem sie in Berlin für einen Band Gedichte 2.000 Taler kassierte, was etwa 100.000 Euro entspricht, dazu ein Haus vom preußischen König geschenkt bekam und mit Auftritten in den Salons gern gesehen war. Die Karsch kam aus ganz armen Verhältnissen, der Vater früh verstorben, mit 15 an einen Weber verheiratet, der sie nach dem dritten Kind auf die Straße setzte, vier Kinder in zweiter Ehe mit einem Schneider, der trunksüchtig wurde. Zwei der Kinder erfroren ihr an der Hand, als sie mit ihnen durchs Land zog und einen Lebensunterhalt zu verdienen suchte – mit einer Gabe, die ihr angeboren war und der ein Pfarrer aufgeholfen hatte, als er ihr anhand der Bibel lesen und schreiben beibrachte: Sie konnte aus dem Stegreif Gedichte machen. Die kamen gut an bei Hochzeiten, Geburtstagen und geselligen Festen. Die Kunde von der Dichterin drang schließlich nach Berlin, an den Hof, der anerkannte Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim, drei Jahre älter als die Kollegin, Domsekretär und Kanonikus in Halberstadt, stand ihr bei – und sie machte ihr Glück als Lyrikerin mit dem Erscheinen ihrer Gedichte im Druck.
Das war 1764. Zu der Zeit hatte sich in Frankfurt Johann Wolfgang Goethe, nun fünfzehn, bei Verwandten und Bekannten schon einen Ruf als Gelegenheitsdichter erworben, auch für gesellige Feste und Liebeshändel. Der Junge aus vermögendem Haus dichtete nicht aus Not, sondern um sich unter Freunden zu beweisen, sein Talent zu üben und weil er als Verseschmied mit einem Gretchen angebandelt hatte.
Auch wenn der Weg nicht immer so grausam hart war wie für die Karsch, findet sich das Muster »Per aspera ad astra« – oder amerikanisch » von der Tellerwäscherin zur Millionärin« – auch heute noch im Literaturbetrieb. Für die Britin Joanne K. Rowling hieß die Formel »von der Sozialfürsorge zur millionenschweren Bestseller-Queen« und wurde so von Rezensenten gern für den phänomenalen Aufstieg einer alleinerziehenden Mutter zitiert, die ihre ersten Manuskripte an einem Cafétisch schrieb und sich dabei lange an einer Tasse Kaffee festhielt. Als nach vielen Absagen endlich ein Verlag zugriff, als auch in den USA Interesse geweckt war, gelang es Mrs. Rowling, mit ihrer Saga von Harry Potter in aller Welt Millionen von Kindern und nicht wenige Erwachsene in ihren Bann zu schlagen; locker nahm sie die K&K-Kurve des Literaturbetriebs (Kassenbereich und Kino) auch in Deutschland.
Das erschien zunächst nicht selbstverständlich, denn hier und in vielen anderen Ländern ihres globalen Erfolgs sind Geist und Geister von Public Schools, das Grundpersonal der Potter-Saga, nicht so heimisch wie auf der britischen Insel. Doch überall gehen Kinder zur Schule, und wenn zwischen einerseits alltäglicher Plackerei junger Leute mit ihren Lehrern und sonstigen Erwachsenen und andererseits einer phantastischen Welt der Zauberkunst die Trennwand durchlässig wird, wenn Gut und Böse für Streit und Kampf deutlich markiert, aber doch hinreichend differenziert sind, wenn ein Heinrich Faust, ein Old Shatterhand oder ein Harry Potter die Leser in atemberaubende Abenteuer mitzieht – dann läuft, mit vielerlei Attributen und Kostümierungen, was man heute einen Hype nennt.

mehr »
Druckversion dieses Artikels    diesen Artikel versenden

Rechtliche Hinweise | Impressum