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Guido Westerwelle: Unsere Interessen in der Welt

Wie Deutschlands Außenpolitik die Globalisierung nutzen kann

Dr. Guido Westerwelle, MdB,
FDP Bundesvorsitzender.



Viele Jahrhunderte lang hielt sich Europa für den Nabel der Welt. Amerika kam hinzu; »der Westen« entstand. Heute wird kaum ein vernünftiger Mensch Europa oder den Westen noch als alleiniges Zentrum der Welt verstehen. Das ist, für uns Deutsche, das bislang wichtigste Ergebnis der Globalisierung und eine notwendige Erkenntnis für unsere künftige internationale Politik. Was die Hochgeschwindigkeitsglobalisierung, der Wandel der Welt im Zeitraffertempo wirklich bedeutet, das kommt immer stärker im Alltag der Deutschen an. Doch unsere nach außen gerichtete Politik – Europa-, Außen-, Sicherheits-, Handels- und Entwicklungspolitik – hat noch großen Nachholbedarf.
Gegenwärtig wird in Deutschland viel nach vorn geblickt, nach weit vorn. Zukunftsszenarien sind hoch in Mode. Im Fernsehen vergeht kaum ein Tag ohne eine Prognose dessen, was 2030 oder 2050 unser aller Leben im globalen Maßstab bestimmen wird. Derzeit stehen zwei Themen dabei im Vordergrund: der Wandel des Klimas und der Aufstieg neuer Mächte, oft BRIC-Staaten genannt, also Brasilien, Russland, Indien, China.
China und Indien – diese beiden Ländernamen fallen dabei immer wieder als Synonym für die Herausforderungen von morgen. Wenn ein heutiges Kleinkind später die Universität besucht, dürfte Indien an der Bevölkerungszahl gemessen China überholt haben. Fast 1,5 Milliarden Menschen werden dann in der größten Demokratie der Erde leben. Der eigentliche Wachstumskontinent aber ist Afrika. Dort, und nur dort, soll sich die Bevölkerung in wenigen Jahrzehnten verdoppeln, sagen die Demographen.
Hätte in China derselbe Prozentsatz der Bürger ein Auto wie heute in den USA, wäre allein dafür mehr Benzin nötig, als heute weltweit produziert wird. China reagiert sehr vor­ausschauend und kümmert sich weltweit, gerade auch in Afrika, um die Rohstoffquellen, die es morgen braucht. Was aus den Rohstoffen gemacht wird – darum kümmern sich hunderttausende junger Ingenieure, die jährlich die Universitäten in China und Indien verlassen.
Auch die USA wachsen weiter. Und lateinamerikanische Staaten wie Mexiko, Argentinien oder Brasilien tun alles, um sich nicht abhängen zu lassen.

Außenpolitik als Schutzzaun gegen Globalisierung ?

Zwei Antworten sind für Europas Reaktion auf diese Herausforderungen denkbar. Wir könnten uns abschotten, auf Besitzstandswahrung aus sein, verteidigen, was wir haben. Wir könnten mit enormem finanziellem Aufwand versuchen, eine künstliche Harmonie in unseren Gesellschaften herzustellen, im Innern auszugleichen und umzuverteilen. Wir könnten uns auf eine ummauerte Insel des Gestern zurückziehen.
Europa kann die Herausforderung auch annehmen. Letztlich geht es um eine Willens­entscheidung. Wollen wir selbstgenügsam schrumpfen – oder uns der verschärften Konkurrenz stellen? Wollen wir selbst gestalten oder Gegenstand dessen werden, was andere gestalten?
Europa muss sich entscheiden. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wer still steht, verliert. Wer nur auf Bewahren setzt, fällt zurück. Wer sich Dekadenz leistet, wird den eigenen Abstieg erleben.
Wir haben gute Chancen. Es gibt eine modische Schwarzmalerei, die so tut, als werde Europa quasi zwangsläufig zum Geriatrie-Museum seiner eigenen, mal fürchterlichen und mal glorreichen Geschichte. Einen solchen Fatalismus halte ich für falsch.
An kulturellem Reichtum, an Kreativität, an Infrastruktur und an gesellschaftlichen Mechanismen des Ausgleichs – von der Rechtsstaatlichkeit bis hin zur kontrollierenden freien Presse, von weitgehender Transparenz bis hin zu gefestigten demokratischen und marktwirtschaftlichen Strukturen – haben wir unvergleichlich viel, womit wir arbeiten können. Das größte Kapital Europas sind seine Bürger mit ihren Werten und Erfahrungen.
Dennoch sind die Herausforderungen gewaltig. Das vergessen wir heute leicht, wenn uns gute zwei Prozent Wirtschaftswachstum als Ausweg aus unserer strukturellen Krise vorgegaukelt werden. Ich will die Party ja nicht stören, nur: Im Vergleich mit der realen Welt da draußen holen wir ökonomisch nicht auf, wir fallen leider weiter zurück, nur etwas langsamer.


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