Urs Schöttli, Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Tokio/Peking.
Seit es Staaten gibt, versuchen Machthaber, die Gedanken ihrer Untertanen unter Kontrolle zu bekommen. Gegen alle, die sich dem intellektuellen Diktat nicht beugen wollen, werden schwere Strafen verhängt. Mit Spionen wird versucht, den „Abweichlern“ schon früh auf die Spur zu kommen, und mit Zensoren versucht man, den freien Fluss von Informationen zu unterbinden, so dass der Funke des eigenständigen Denkens und Handelns nicht von einem Territorium aufs andere überspringe. Zahllos sind die Menschen, die um der Gedankenfreiheit willen ihr Leben haben lassen müssen. Noch und noch hat es im Verlauf der Weltgeschichte die berechtigte Furcht gegeben, dass die Unterdrücker der Freiheit letztendlich den Sieg davon tragen würden. Noch jedes Mal haben sich jedoch die Kräfte der Freiheit durchsetzen können. Auch in der Volksrepublik China stemmen sich heute Zensoren mit allen Mitteln, welche die staatliche Allmacht verleihen kann, gegen den freien Fluss von Informationen. Auch in der Volksrepublik China werden die Zensoren ohne Zweifel zu den Verlierern gehören.
Rückblick
Um die Entwicklungen in China richtig einschätzen zu können, ist es zunächst erforderlich, einen kurzen Blick in die jüngste Vergangenheit zu werfen. Eines der wichtigsten Bücher, das in jüngster Zeit zur Geschichte der Volksrepublik China erschienen ist, ist die Mao-Biographie von Jung Chang und Jon Halliday. Sorgfältig dokumentiert werden in dem Buch die Verbrechen des schlimmsten Massenmörders der Menschheitsgeschichte aufgelistet. Das Buch, das von manchen westlichen Linksintellektuellen verschwiegen oder verdrängt wird, sollte für alle diejenigen, die in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Maoismus gepriesen hatten, ein Anlass zur Selbstreflexion und zu tief empfundener Scham sein. Hinter der Bewunderung der 68er für Mao hatte nicht nur ideologische Verirrung, sondern auch ein tiefsitzender Rassismus gestanden. Was sind schon ein paar Dutzend Millionen Chinesen, die dran glauben müssen, wenn das Paradies auf Erden errichtet werden soll! Es ist übrigens bemerkenswert, dass noch heute westliche Touristen es schnuckelig finden, von einem Chinabesuch ein paar Mao-Memorabilien mit nach Hause zu bringen. Man stelle sich die berechtigte Empörung vor, wenn jemand sich in Berlin ein paar Hitler-Memorabilien erstehen würde.
Der kurze Rückblick auf die Schreckenszeit von Mao ist nötig, um das, was in den letzten dreißig Jahren sich in China ereignet hat, in die richtige Perspektive zu rücken. Tatsache ist, dass es in China noch immer eine totalitäre Einparteienherrschaft gibt und dass noch immer keine rechtsstaatliche Ordnung besteht. Im Vergleich zu Maos Herrschaft haben jedoch die Chinesen den Ausgang aus der Sklaverei geschafft. Wer heute die Volksrepublik besucht und sich mit Chinesen aus den unterschiedlichsten Berufen und den verschiedensten sozialen Schichten unterhält, wird feststellen können, dass, was die unabhängige private Meinungsbildung betrifft, China den ehemaligen Ostblock, die DDR oder die Sowjetunion weit hinter sich gelassen hat. Es ist eine Tatsache, dass wenn es um die Privatsphäre geht, die Chinesen heute dieselbe Freiheit genießen wie die Menschen in Europa. Seit vor zwei Jahren der Schutz des Privateigentums in die chinesische Verfassung aufgenommen worden ist, gilt dies auch sehr weitgehend für die materiellen Lebensgrundlagen. Bemerkenswert ist ferner, dass vor allem im Umweltbereich die ersten Sprossen einer Bürgergesellschaft, in der nichtgouvernementale Aktivitäten und Organisationen eine wichtige Rolle spielen, auszumachen sind. Man müsste lügen, würde man nicht anerkennen, dass das China von 1976, dem Todesjahr Maos, mit dem heutigen China in keiner Weise zu vergleichen ist.
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