Dr. Detmar Doering, Mitglied der Redaktion.
Ein britischer Landwirteverband hat letztens versucht, per Gericht den Medien die Verwendung des Begriffs »couch potato« zu untersagen – ein Begriff, der wörtlich als »Sofa-Kartoffel« übersetzt werden müsste, und Personen meint, die den ganzen Tag inaktiv vor der »Glotze« hocken. Der Begriff, so meinten die Kläger, verletze die Gefühle redlicher Kartoffelzüchter. Das Gericht gab der Klage nicht statt. Dass man aber immerhin glaubte, vor Gericht damit Erfolg zu haben, stimmt bedenklich.
Der Meinungsfreiheit sind in den letzten Jahren Feinde erwachsen, die sich einer schrittweisen Unterhöhlungstaktik bedienen. Unter dem Banner der "political correctness" wurde von einer sentimentalistischen Gemütslinken die Ausgrenzung von allem betrieben, das echte oder vermeintlich Benachteiligte unserer Gesellschaft oder schlichtweg die Zielgruppen linker Parteien irgendeiner unliebsamen Kritik unterzog. Mit der heftigen Kontroverse um die in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" veröffentlichten zwölf Karikaturen um den Propheten Mohammed, in deren Folge es zu bisher ungeahnten Gewalttätigkeiten kam, hat diesem Trend eine neue Dimension zugefügt. Dabei ist nicht nur die Reaktion der gewaltbereiten Demonstranten in einigen arabischen Ländern (die wohl meist politisch gesteuert waren) interessant, sondern vielmehr die Reaktionsmuster innerhalb der betroffenen europäischen Länder. Positiv anzumerken war, das Medien (im gesunden Eigeninteresse) und Bevölkerung mehrheitlich recht robust für die Meinungsfreiheit eintraten. Negativ war hingegen eine ungewohnte Allianz zwischen linkem Multikulturalismus und christlichem Konservativismus. Während aus dem naiv multikulturellen Lager die übliche Abkehr vom Eurozentrismus und die positive Anerkennung der "Anderen" auch dann noch postuliert wurde, wenn diese "Anderen" ganz offensichtlich selbst nichts "Anderes" neben sich tolerieren wollten (womit sich die multikulturelle Idee im Selbstwiderspruch aufhebt), erhoben sich aus dem christlichen Lager geradezu suizidale Anbiederungsklänge. In einer geradezu an orwellianischen "new speak" erinnernde Umdeutung des Toleranzbegriffs bezeichnete etwa der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Ulrich Fischer, den Abdruck der Mohammed-Karikaturen "religiös intolerant". Anscheinend wittert man im kirchlichen Lager Morgenluft. Man betreibt - auch um den Preis, dass unchristliche Religionen davon profitieren - systematisch die Verschärfung eines gesonderten Schutzes der Religion vor ungeliebten kritischen Meinungsäußerungen. Die Verletzung "religiöser Gefühle" müsse verhindert werden.
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