Jürgen Morlok: Liberalismus ohne Bindestrich
Als Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung hat Otto Graf Lambsdorff das freiheitliche Denken in Deutschland auf vielen Feldern bereichert
Jürgen Morlok, Vorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung.Am ersten Mai ist die Amtszeit von Otto Graf Lambsdorff als Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung zu Ende gegangen. Es waren elf Jahre, die angefüllt waren mit den verschiedensten Herausforderungen - sowohl inhaltlicher als auch organisatorischer und struktureller Art. Die liberale Stiftung und all ihre Mitarbeiter hatten unter seiner Führung große Herausforderungen im In- und Ausland zu bewältigen. Heute lässt sich feststellen, dass diese Herausforderungen gemeistert worden sind und unsere Stiftung für die kommenden Aufgaben gut gerüstet ist.
 |
Aus seiner Amtszeit in Erinnerung bleiben werden jedoch vor allem die inhaltlichen Beiträge, die Graf Lambsdorff selbst und die Friedrich- Naumann Stiftung unter seiner Führung zur Weiterentwicklung liberalen politischen Denkens geleistet haben. Die zahlreichen Reden und Beiträge, mit denen er im letzten Jahrzehnt an die Öffentlichkeit trat, waren dabei ebenso wichtig wie die von ihm geleitete Arbeit der Föderalismus-Kommission, die in der wissenschaftlichen und politischen Debatte zu diesem entscheidenden Zukunftsthema unseres Landes großen Einfluss hatte. Mich haben an den Texten von Graf Lambsdorff immer zwei Dinge besonders beeindruckt: Zum einen die große thematische Breite und Vielfalt, die sich von der Kulturpolitik über die Sozial- und die Bildungspolitik bis hin zu seinem entschiedenen Kampf für den Freihandel erstreckte, zum anderen seine Fähigkeit, liberale Positionen aus wenigen, sehr klaren Grundprinzipien abzuleiten. Graf Lambsdorff ist der lebende Beweis dafür, dass der Liberalismus unteilbar ist. Für ihn gibt es keinen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Wirtschafts- und Bürgerrechtsliberalismus, zwischen Links- und Rechtsliberalen, weil der gesamte Liberalismus auf klaren gemeinsamen Fundamenten steht. Dazu gehören der Schutz der individuellen Freiheit und des Eigentums, die Ordnung der Marktwirtschaft und des freien Wettbewerbs, Rechtsstaat und Gewaltenteilung sowie Demokratie- und Subsidiaritätsprinzip. Es ist die Verantwortung der Liberalen, diese Fundamente einer freien Gesellschaft zu verteidigen und mit all ihrer Kraft dazu beizutragen, sie zur politischen Realität werden zu lassen. Wenn ihm eine Sache besonders wichtig ist, scheut Graf Lambsdorff keinen Konflikt . weder mit den politischen Gegnern noch mit den eigenen Parteifreunden. Die Klarheit des Standpunktes innerhalb der liberalen Familie selbst ist aus seiner Sicht notwendig, um im Wettbewerb der politischen Lager erfolgreich sein zu können. In seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender einer politischen Stiftung konnte er sicher in seinen Positionen etwas weiter gehen, als es Politikern möglich ist, die noch voll in das Tagesgeschäft eingebunden sind. Diesen Spielraum nutzte er aus, ohne jemals illoyal gegenüber der Partei zu sein, deren Ehrenvorsitzender er ist. Gerade weil er sich nicht dem politischen Mainstream oder tagespolitisch opportunen Meinungen anpasste, haben seine inhaltlichen Vorstellungen bis heute einen großen und produktiven Einfluss unter Liberalen, aber auch weit darüber hinaus. Ich möchte das im Folgenden an drei Themenbereichen deutlich machen, die ihm besonders wichtig waren und bei denen sein Denken uns Liberale besonders stark anregt: Föderalismus, Freihandel und Schutz der Menschenrechte.