Otto Graf Lambsdorff
Für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes ist Bildung die Schlüsselqualifikation. Die technologische Entwicklung war für Deutschland in der Vergangenheit immer vorteilhaft. Nun werden die Innovationszyklen immer kürzer (»schnell schlägt langsam«), während der relative Vorsprung Deutschlands an der technologischen Spitze immer kleiner wird. Der Wettbewerb wird immer intensiver, was auch die Gesellschaft zu schnelleren Reaktionsweisen zwingt. Die Wettbewerbsfähigkeit und die Wachstumschancen einer Gesellschaft bemessen sich zunehmend danach, wie effektiv das Humankapital einer Gesellschaft bereitgestellt wird, d. h. passgenau und schnell. Zu lange Ausbildungszeiten und hohe Abbruchquoten sind dabei schädlich. Wir werden unsere Freiheit verlieren, wenn wir unser Bildungssystem nicht leistungsfähiger gestalten.
Deutschland benötigt folglich ein Bildungssystem, welches uns mit neuen Inhalten sowie neuen Lehr- und Lernformen für die Informations- und Wissensgesellschaft rüstet. Die Befähigung des Einzelnen zu kritischem Denken und zum Lösen von Problemen ist dabei Ziel liberaler Bildungspolitik. Bildung muss die Werte vermitteln, die für das zivilisierte Zusammenleben und für die Übernahme persönlicher Verantwortung nötig sind. Grundlegend ist die Erkenntnis, dass der Einzelne für die Folgen seines Handelns vor allem selbstverantwortlich ist. Kulturelle und ethische Aspekte sind ein wesentlicher Teil des liberalen Bildungsanspruchs. In diesem Sinne will die Friedrich-Naumann-Stiftung mit ihrer neuen Bildungsinitiative Impulse für die Bereiche Schule und Hochschule setzen.
Die Stiftung will mit ihrer Bildungsinitiative sowohl Lösungsansätze zu diesen Problemen aufzeigen als auch durch öffentliche Diskussionen in zahlreichen Veranstaltungen und Seminaren erarbeiten. Im August 2005 wird die neue Online-Plattform der Bildungsinitiative unter www.pro-kopf.de an den Start gehen. Dort sind alle Positionen, Veranstaltungen und Dokumente zentral abrufbar.
Das deutsche Bildungssystem am Abgrund
Das deutsche Bildungssystem fällt im internationalen Vergleich immer weiter zurück. Dies gilt für alle Bereiche von der Vermittlung von Grundfähigkeiten und -wissen in der Schule bis hin zur universitären Ausbildung und für wichtige Bereiche der angewandten- und Grundlagenforschung. Zu den Problemen, die der Vorstand der Friedrich- Naumann-Stiftung in seinem Eckpunktepapier identifiziert hat, gehören:
- ein Mangel an Wahlfreiheit bei inhaltlichen und organisatorischen Bildungsangeboten in Schulen und Hochschulen
- zu wenig echte Verantwortung und Beteiligungsmöglichkeiten für Eltern, Schüler und Studierende
- zu geringer Leistungswettbewerb in und zwischen den Bildungseinrichtungen
- Zentralisierung und Bürokratisierung
- Benachteiligung freier Träger
- ein auch im internationalen Vergleich bestehender zu großer Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Schulerfolg
- Werteverfall, wie beispielsweise der Mangel an Toleranz, Disziplin, Aufmerksamkeit
- Partielle Unterfinanzierung
Obwohl Deutschland ein ausdifferenziertes und umfassendes Bildungswesen hat, sind nachhaltige Schwächen erkennbar. Unser Land erfährt derzeit den zweiten PISASchock, nachdem schon nach dem ersten PISA-Schock durchgreifende Reformen unterblieben. Wir sind im internationalen Vergleich nicht einmal mehr Mittelmaß. Wenn man den Bundesländervergleich hinzufügt, wird es noch schlimmer. Erschreckend ist besonders die Lesekompetenz der 15-jährigen Schüler:
Mit 21 % ist der Anteil der so genannten Risikoschüler, die die einfachsten Texte nicht lesen und verstehen sowie allenfalls auf Grundschulniveau rechnen können, unter den 15-Jährigen viel zu hoch.
Wahlfreiheit und Eigenverantwortung
Die mangelnde Qualität im Bildungswesen ist durch ein Übermaß an Reglementierung und Bürokratie, ideologischen Barrieren und einem gravierenden Mangel an Wahlfreiheit entstanden. In den bei PISA führenden Ländern Schweden und Finnland beschränkt sich die Politik auf grundsätzliche Fragen, die zentrale Verwaltung insgesamt auf die Evaluation und Beratung von Bildungsinstitutionen. Schule wird als eine lernende Organisation verstanden, die in den Handelnden (Lehrern und Schülern) Verantwortungsfähigkeit fordert und freisetzt. Die Verantwortung für die inhaltliche und methodische Ausgestaltung des Unterrichts sowie für die Personal- und Budgetentscheidungen wird konsequent in die Hände der vor Ort Handelnden gelegt. Schulübergreifende Richtlinien beschränken sich auf die Formulierung allgemeiner Bildungsziele. Folglich verfügen die schwedischen und finnischen Schulträger und Schulen über eine größere Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Überall dort wo Wahlfreiheit besteht, wird ein Wettbewerb um die beste Qualität von Bildung entstehen. Die Stärkung des Elterneinflusses ist dabei ein zentraler Aspekt beim Aufbau eines leistungsfähigen Schulwesens.
Rahmensetzung im föderalen Wettbewerb
Wir brauchen ein leistungsorientiertes, plurales Bildungswesen, in dem private und staatliche Schulangebote im Wettbewerb stehen. Die Schulträger sollen sehr weitgehende Entscheidungskompetenzen erhalten, d. h. sie müssen auch neue Lehrer eigenverantwortlich einstellen. Die den Schulen eingeräumten Freiheiten machen eine Schulaufsicht in bisherigem Maße überflüssig. Liberale le Bildungspolitik muss den Rahmen für erfolgreiche Schulen setzen. Anstatt pädagogische Methoden und Schulformen vorzugeben, setzen wir auf den Wettbewerb aller Formen und Wege. Der Staat soll Bildung fordern und fördern, nicht bereitstellen. Der föderale Wettbewerb im Bildungssystem muss gestärkt werden. Vielfalt fördert stets die Leistung. Es müssen dabei aber Rahmenbedingungen gelten, dass Familien problemlos umziehen und Lehrer ihren Arbeitsplatz im Bundesgebiet frei wählen können. Einer zentralisierten Bildungszuständigkeit bedarf es dafür nicht. Die gemeinsame Verantwortung von Bund und Ländern für die Forschungsförderung und deren gemeinsamer Finanzierung hat sich ebenfalls bewährt.
Von der Objektförderung zur Subjektförderung
In der staatlichen Bildungsfinanzierung sollten Methoden angewendet werden, die auf Eigeninitiative und Wahlfreiheit setzen. Bisher war es üblich, Bildungsinstitutionen direkt mit staatlichen Finanzmitteln zu versorgen. Dagegen sieht das Konzept von Bildungsgutscheinen vor, dass die Eltern, die Bildung für ihre Kinder nachfragen, mit Kaufkraft in Form von Gutscheinen ausgestattet werden. Es geht somit um den Wechsel von der Objekt- zur Subjektfinanzierung. Eltern erhalten direkt von der öffentlichen Hand eine zweckgebundene Geldsumme, die sie der Schule ihrer Wahl zukommen lassen. Damit werden die Eltern in die Lage versetzt, die nach ihrer Ansicht beste Ausbildung für ihr Kind selber zu wählen, sich also an den eigenen Wertvorstellungen, dem pädagogischen Profil der Schule oder auch der Ausstattung der Schule etc. zu orientieren. Auf diese Weise müssen Bildungsanbieter um Schüler konkurrieren. Bessere Schulen werden über einen höheren Zulauf an Lernenden finanziell begünstigt, defizitär arbeitende Bildungseinrichtungen verschwänden vom Bildungsmarkt oder müssten sich den Bildungsbedürfnissen anpassen. Diese Art der Verteilung von Budgets stiftet bei allen Schulen Anreize, ihr hohes Niveau zu halten oder ein höheres Niveau zu erreichen. Das marktwirtschaftliche Prinzip würde die beste Verwendung der für die Bildung aufgewandten Mittel gewährleisten. Eine Einsicht, die auch die Bildungsexperten der OECD in ihrem Bildungsbericht teilen, wenn sie feststellen: »Indem Finanzmittel für Bildungseinrichtungen über Schüler/Studierende gelenkt werden, kann ein Beitrag zu mehr Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen und zu größerer Effizienz der Bildungsfinanzierung geleistet werden.« Im Ergebnis wären alle Schulen gezwungen, ihrer Kundschaft die bestmögliche Leistung zu günstigen Preisen anzubieten
Gerechtere Hochschulfinanzierung: Wer profitiert, muss auch zahlen
Studienentgelte, die auch nach Ende des Studiums entrichtet werden können, sorgen nicht nur für eine bessere Abstimmung zwischen den von der Gesellschaft benötigten Absolventen und den persönlichen Fähigkeiten sowie Neigungen des einzelnen Studierenden, sondern korrigieren auch die sozial ungerechte Umverteilung von den mitfinanzierenden Nichtakademikern hin zu den profitierenden Akademikern. Darlehen und Stipendiensysteme müssen dabei sicherstellen, dass die individuelle Eignung der Studienbewerber und nicht die Herkunft oder Einkommenssituation der Eltern entscheidet. Fazit: Unser Bildungssystem braucht mehr Eigeninitiative und mehr Wettbewerb – und vor allem mehr Freiheit. Hier sollten wir den Ratschlag Wilhelm von Humboldts aus dem Jahre 1792 nicht in den Wind schlagen: »Der wahre Zweck des Menschen (…) ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung.«
Dr. Otto Graf Lambsdorff, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, Potsdam.
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