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Der Dollarhegemon - ein Zerrbild Amerikas

Hans D. Barbier

Der Hegemon ordnet den Raum nach seinem Bilde und nur nach seinen Interessen. Der Amerika-Skeptizismus sieht die Vereinigten Staaten fast täglich bei diesem Treiben: in der Politik der Weltbank, in und neben der Nato, in und neben den Vereinten Nationen, beim Auseinanderdividieren der Europäer. Der jüngste Befund artikuliert sich in ökonomischen Kategorien: Dollarhegemonie, Zwillingsdefizit in der Zahlungsbilanz und im Staatsetat. Die Welt trägt ihre Mittel in die Kassen des Hegemon. Er ist der Herr der Ströme und der Salden; er entwickelt seine Wirtschaft zu Lasten des Restes der Welt. Das ist ein Zerrbild.

Das ist ein Zerrbild. Die Kapitalgeber der Welt kommen nicht als Tritbutpflichtige. Sie sind auf der Suche nach einer möglichst hohen Verzinsung ihrer Ersparnisse. Wenn sich Kapital in Richtung Amerika in Bewegung setzt, dann erklärt sich das aus der Erwartung der Sparer und ihrer Finanzdisponenten, dort werde das Kapital höher oder sicherer verzinst als an anderen Orten. Und diese Erwartung wird häufig bestätigt. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zeigt immer wieder, dass sie mit der ihr eigenen Dynamik hohe Renditen bringt. Erfindungen und ökonomisch verwertbare Neuerungen gibt es nicht nur in Amerika. Aber kaum irgendwo werden sie so entschlossen in marktfähige Ideen, Dienste und Produkte umgesetzt wie in Amerika.

Diese Dynamik schlägt sich in Wachstumsschüben nieder. Um die in Gang zu setzen und zu alimentieren braucht eine Wirtschaft nicht nur Ideen, sondern auch reale Ressourcen: für die Herstellung von Investitionsgütern und für die Produktion von Konsumgütern, die aus den im Wachstumsprozess steigenden Einkommen zusätzlich nachgefragt werden. Diese Ressourcen werden einem Land gerne angedient, das einen Wachstumsgewinn verspricht. Das Andienen wird nicht vom Hegemon befohlen. Es ergibt sich über den Markt aus dem Mechanismus der Zinsdifferenzen und der Wechselkurse.

In einer Welt ohne administrative Behinderungen des Kapitalverkehrs und mit flexiblen Wechselkursen werden aus Geldströmen Güterströme. Dafür sorgen Zinsdifferenz und Veränderungen des Wechselkurses. Die Zinsdifferenz lockt das Geldkapital in das Land, das reales Wachstum verspricht. Wer in Amerika investieren will, wer Aktien oder festverzinsliche Wertpapier kaufen will, wer sich also »an Amerika beteiligen« will, der braucht Dollar. Auf das Verhältnis Europa–Amerika bezogen heißt das: Euro werden auf dem Währungsmarkt angeboten, Dollar werden nachgefragt. Dabei geschieht am Währungsmarkt das gleiche was an allen anderen Märkten zu beobachten ist: Die zusätzliche Nachfrage treibt den Preis in die Höhe, der Dollar wertet sich auf. Es ist letztlich dieser Aufwertungseffekt, der den realen Ressourcentransfer bewirkt. Ein solcher Güterstrom setzt sich in Bewegung, wenn der Dollar sich an den Währungsmärkten aufwertet. Denn Aufwertung des Dollar heißt: für die Amerikaner wird es billiger im Ausland zu kaufen. Also tun sie es, und sie tun es zum Vorteil auch der Nationalwirtschaften, die nicht so dynamisch sind und die daher Aufträge gut brauchen können, um zusätzliche Arbeit zu ermöglichen. Aufwertung des Dollar aber heißt gleichzeitig: für die übrige Welt wird es teurer, in Amerika zu kaufen, also kaufen sie dort weniger. Und so entsteht ein Saldo: die Amerikaner beziehen mehr aus der übrigen Welt als sie an die übrige Welt verkaufen. In manchen Kommentaren wird dann besorgt gefragt: »Wie lange können die Amerikaner noch auf Kosten der übrigen Welt leben?« Und zur gleichen Zeit ist in anderen Kommentaren hoffnungsfroh zu lesen: »Exporterfolge in die Vereinigten Staaten stützen Nachfrage und Beschäftigung.« Wo also steckt der Hegemon, was brütet er aus?

Wo immer er stecken mag – in den Zahlungs- und Handelsbilanzen freier Märkte nicht. Die Amerikaner winken die Ressourcen der übrigen Welt nicht mit befehlender Handbewegung herbei. Sie zahlen dafür. Und die übrige Welt liefert gerne. Das hilft den von Kosten, Steuern und allerlei Regulierungen belasteten Wirtschaften Europas auf die Sprünge eines neuen Konjunkturaufschwungs, es schafft Beschäftigung. Und der Vorteil reicht über den Zeithorizont des Auf und Ab der Konjunktur hinaus. Denn wenn es wahr ist, dass das demographisch alternde Europa seine wirtschaftliche Zukunft mehr als bisher auf Kapital und dessen Rendite gründen muss, dann kann es nicht schlecht sein, auf der Welt ein paar Regionen zu wissen, die mehr Dynamik, mehr Wachstum und höhere Einkommenszuwächse erzielen werden als das heute schon – und nicht wegen der Demographie – etwas ältlich wirkende Europa.

Auf den Märkten ist Amerika Tauschpartner, kein Hegemon. Auch dieser große Partner muss sich der dauernden Prüfung seiner Bonität stellen. Die Amerikaner erfahren das in der Diskussion über die Risiken ihres »twin deficit « – ihres Zwillingsdefizits in der Leistungsbilanz und im Staatsetat. Wie für jedes andere, kleinere Land so wird auch für Amerika das Etatdefizit zum Gegenstand des Argwohns der Geschäftspartner: Wie lange und in welchem Maße können sich die Amerikaner eine zunehmende Kreditfinanzierung leisten? Und wieder beginnt alles, was sich dann an Erwartungen, Reaktionen und Umsätzen auf den Märkten tut, mit dem Zins.

Alles beginnt mit dem Zins

Ein rasch zunehmendes Defizit führt zur Erwartung steigender Zinsen, weil man unterstellt, die Notenbank werde um der Stabilität willen mit einer Zinserhöhung reagieren. Und um die Marktreaktion zu sehen, muss man erst gar nicht warten, bis sie das wirklich tut. Schon die Erwartung einer zinserhöhenden Geldverknappung der Notenbank oder einer direkten Erhöhung der Notenbanksätze löst einen Verkaufsdruck festverzinslicher Papiere aus, weil die Anleger einem Verlust zuvorkommen wollen. Dieser Versuch, sich dem Kursrisiko zu entziehen, drückt dann wirklich auf die Kurse der Anleihen. Und das wiederum drückt auf den Wechselkurs des Dollar, weil auch ausländische Investoren amerikanische Staatspapiere verkaufen und in ihre heimische Währung zurückkehren. Der Dollar wertet sich ab, weil er durch die Defizitpolitik des Staates ins Gerede gekommen ist. Wieder folgen die Güter dem Geld. Die Handelsströme kehren sich nun um. Aus dem Leistungsbilanzdefizit wird – wenn der Effekt stark genug ist – ein Leistungsbilanzüberschuss. Die übrige Welt fordert und erhält die Rückführung der realen Ressourcen, die sie zuvor den Amerikanern zur Verfügung gestellt hatte. Solange der Partner wirtschaftliche Chancen zu bieten hat, bringt man ihm Geld und Güter. Wenn er aber eine Finanzpolitik zu treiben beginnt, die als unseriös im Sinne des Nichtnachhaltigen gilt, zieht man sich zurück, bringt Geld und Güter nach Hause.

Die Amerikaner sind sich dieses Disziplinierungsdruckes bewusst. Das spiegelt sich auch in den Kommentaren der meinungsbildenden Publikationen. Im Unterschied zu Europa wird in amerikanischen Kommentaren selten die Leistungsbilanz wirklich problematisiert, jedenfalls nicht der Teil der Leistungsbilanz, der sich im Verhältnis zu den Ländern ergibt, die freie Wechselkurse haben. Ein waches Gespür zeigen die amerikanischen Kommentatoren für Risiken, die sich aus einem schnell wachsenden Etatdefizit ergeben können. Die Vermutung, dass Amerikas Stärke auch am realen Zustand und am öffentlich wahrgenommenen Bild seiner Staatsfinanzen hängt, gehört dort zur Überzeugung, auch wenn die Versuchung, gelegentlich den bequemeren Ausweg im Defizit zu suchen, den Amerikanern nicht fremd ist. Aber sie wissen, mit welchem Stoff sie hantieren, wenn die öffentlichen Defizite ins Kraut schießen.

Der Hegemon winkt die Mittel herein, die er für seinen Aufschwung braucht? Nein, das würde nicht funktionieren. Die Größe der Akteure bedeutet auf Märkten etwas. Die Rolle des Hegemon ist in Marktsystemen nicht vorgesehen. Der Hegemon ist eine Figur der mit Machtunterstützung politisch organisierten Welt zwischenstaatlicher Beziehungen. Für die Machtverteilung in solchen Organisationen und Gebilden spielen Wirtschaftspotentiale eine Rolle. Und wo immer es etwas politisch auszuhandeln oder zu beschließen gilt, wird Amerika nicht zögern, Partner, Kontrahenten, Konkurrenten und Gegner spüren zu lassen, wie die Potentiale verteilt sind. Auf Märkten aber – von der Regionalmesse bis zum Weltmarkt – kommt es nicht auf Größe, sondern auf Leistung an. Wäre jemand auf den Gedanken gekommen, die Sowjetunion wegen ihrer Ausdehnung, wegen ihres Militärpotentials, wegen ihrer Gasvorkommen unter die Großen der Weltwirtschaft zu zählen? Luxemburg und die Schweiz werden sich nicht diskriminiert fühlen, wenn man sie kleine Länder nennt. Auf dem Weltmarkt für diskrete und erfolgreiche Mittelverwaltung zählen sie zu den Top-Adressen. Mangelnden Zustrom an Währungen haben sie nicht zu beklagen. Groß und klein sind keine bestimmenden Kategorien des Marktes. Auf dem Markt kann sich der Zwerg zu eindrucksvoller Größe recken und der Große ziemlich dumm aussehen. Das vibrierenden Netz der Märkte ist keine Heimstatt für den Hegemon. Hobbes, Kant und Locke hätten ihre Freude daran.

Hans D. Barbier, Chefredakteur und geschäftsführender Herausgeber von ›liberal‹.



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