Dr. Christel Happach-Kassan
Wer etwas nicht will, sucht Gründe, wer etwas will, sucht Wege. Die alte politische Regel beweist auch in der aktuellen Diskussion um die Grüne Gentechnik ihre Richtigkeit. Die Gegner suchen Gründe für die Ablehnung: Vermutete Gefährdungen der Umwelt durch transgene Kulturpflanzen der Gesundheit z. B. durch unerwartete Allergien, eine befürchtete Abhängigkeit von Landwirten von global agierenden Großkonzernen. Die Befürworter zeigen Wege auf, wie die Anwendung der Grünen Gentechnik in Deutschland organisiert werden könnte und welche positiven Wirkungen dies hätte:
Der Erhalt bestehender und die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch die Stärkung Deutschlands als Wissenschaftsstandort und die weitere Gründung innovativer Unternehmen, die Verminderung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln durch Anbau von Sorten, die gegen bestimmte Schadorganismen resistent sind, die Verbesserung der Lebensmittelqualität durch Anbau von Sorten, die gegen Pilze resistent sind und deren daraus gewonnene Lebensmittel keine Pilzgifte enthalten. Zusammengefasst heißt dies:
Mehr Arbeitsplätze und weniger Gift in Umwelt und Lebensmitteln. Dies könnte Realität werden, aber wird es Realität? Vor etwa zwanzig Jahren wurde in Deutschland bereits intensiv über Gentechnik diskutiert.
Damals ging es um die Rote Gentechnik. Als erste Anwendung der Gentechnik wurde die Herstellung von menschlichem Insulin mit Hilfe von gentechnisch veränderten Bakterien entwickelt. In das Genom der Bakterien war das menschliche Gen für Insulin eingepflanzt worden und diese Bakterien produzierten menschliches Insulin.
Das Genehmigungsverfahren für die erste Produktionsstätte zur Herstellung von menschlichem Insulin, beantragt von der damals prosperierenden Firma Höchst, dauerte 13,5 Jahre und konnte erst erfolgreich zum Abschluss gebracht werden, nachdem mit diesem Verfahren produziertes Insulin nach Deutschland importiert worden war. Seither hat Deutschland seine führende Position bei der Entwicklung von Arzneimitteln verloren und die Firma Höchst existiert nicht mehr.
Der Wert gentechnischer Methoden bei der Herstellung von Arzneimitteln ist inzwischen in Deutschland anerkannt. Es entsteht die Frage, ob die Grüne Gentechnik ihren Durchbruch in Deutschland erst dann schafft, wenn transgener Weizen, frei von Pilzgiften, bei uns auf dem Markt ist und die Unternehmen zur Züchtung solcher Sorten abgewandert sind. Wir müssen seit mehreren Jahren beobachten, dass auch mittelständische Betriebe ihre Forschungsabteilungen ins Ausland verlagern.
Damit gehen dem Land hochqualifizierte Arbeitsplätze verloren und mit ihnen junge Menschen, die für sich hier keine Zukunft sehen. Viele Umfragen zeigen, dass der Verbraucher der Grünen Gentechnik skeptisch gegenüber steht. Die Erfahrung lehrt, dass dies noch nicht bedeutet, dass der Verbraucher sich entsprechend seinen Voten in den Umfragen verhalten wird. Verbraucherumfragen zum Kaufverhalten von Bioprodukten haben oft ergeben, dass die Mehrheit sie kaufen will, aber nur eine Minderheit nach dem Einkauf auch Bioprodukte im Korb hatten. Bei der Kaufentscheidung für oder gegen ein Produkt war offensichtlich der Preis das wichtigste Kriterium. Das Preisargument funktioniert ebenfalls bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln, wie einige Verkaufsversuche gezeigt haben.
Schaut man bei den Meinungsumfragen genauer hin, ergibt sich ein durchaus differenziertes Bild: Nach einer Umfrage von Dialego Market Research, die im Juni 2004 durchgeführt und vom Handelsblatt in Auftrag gegeben worden war, glauben 60 % der Befragten, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel ganz selbstverständlich bei uns auf dem Speiseplan stehen werden, 66 % befürworten einen gentechnisch veränderten Jogurt, der präventiv gegen Darmkrebs wirkt und 40 % würden auch gentechnisch verändertes Obst und Gemüse kaufen, wenn es haltbarer wäre – also die viel gescholtene Antimatschtomate, fast jeder Zweite will sie.
Züchtung – Bewertung von Methoden und Ergebnissen
Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Mitteleuropa etwa sieben Doppelzentner Weizen pro Hektar geerntet, um 1900 waren es etwa 20 bis 25 Doppelzentner und 2001 im alten Bundesgebiet 82 und in Schleswig- Holstein 98 Doppelzentner. Die Verbesserung der Methoden der Landbewirtschaftung und der Züchtungsfortschritt haben in Deutschland in 200 Jahren eine Verzehnfachung der Erträge erbracht. Weltweit sind die Verbesserung der Methoden der Landbewirtschaftung zusammen mit besseren Kulturpflanzensorten die notwendige Voraussetzung, um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu gewährleisten. Während um das Jahr 1800 etwa 1 Milliarde Menschen auf der Erde lebten, waren es 1999 6 Milliarden Menschen. Mit dem Anstieg der Weltbevölkerung konnte auch der landwirtschaftliche Ernteertrag gesteigert werden. Dennoch hungern nach Angaben der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) noch immer etwa 840 Mio. Menschen.
Doch während 1950 der Anteil der Weltbevölkerung, der Hunger litt, bei etwa 50 % lag, konnte dieser Anteil kontinuierlich auf etwa 14 % abgesenkt werden. Die Zahlen machen deutlich: Züchtung ist notwendig. Ihre Ergebnisse will niemand missen. Die Erdbeere ist ein Ergebnis der Züchtung genauso wie die erst in den achtziger Jahren auf den Markt gekommene Kiwi. Während im 19. Jahrhundert sich Züchtung auf die Auslese beschränkte, führte die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln zur Neukombination von Genen durch Kreuzung.
Dies machte die Beschaffung von Arten mit neuen Merkmalen interessant und es wurde auf allen Erdteilen nach Wildarten gesucht, die interessante Eigenschaften besaßen und mit den in Europa kultivierten Arten verwandt und kreuzungsfähig waren. Der nächste Schritt war die Erzeugung von Mutanten. Dies geschieht durch Bestrahlung, aber auch durch den Einsatz mutagener Substanzen wie Senfgas oder Äthylmethylsulfat. Eine weitere Möglichkeit, den für die Züchtung zur Verfügung stehenden Genpool zu vergrößern, ist die Anwendung gentechnischer Methoden, die Isolierung von Genen und ihr Einkreuzen in die Zielart. In der ethischen Bewertung von Züchtungsverfahren wird vielfach zwischen künstlichen und natürlichen Verfahren unterschieden und die künstlichen Verfahren werden als unethisch bewertet.
Diese Unterscheidung ist an sich fragwürdig, weil sie das Wirken menschlicher Kreativität als »künstlich« einstuft und mit dieser Begründung als unethisch bewertet. In einer Broschüre des eed (Evangelischer Entwicklungsdienst) heißt es, dass eine »technisch herbeigeführte Gen-Kombination« einen »sozial-ethischen Quantensprung« bedeute. Auch wenn man sich dieser Bewertung anschließen würde, bliebe unverständlich, warum andere Verfahren der Züchtung, die ebenfalls auf der Kreativität des Menschen beruhen, wie z. B. die Kreuzung verwandter Arten, die auf unterschiedlichen Kontinenten heimisch sind oder die züchterische Verwertung von Mutationen, die mit verschiedenen technischen Verfahren ungezielt ausgelöst wurden, nicht ebenfalls als unethisch abgelehnt werden.
Die auf dem Markt verkauften Erdbeeren, Äpfel und Birnen sind Ergebnisse von Züchtung. Sie wären ohne menschliche Kreativität und den Willen, die vorhandenen Sorten zu verändern, nicht entstanden. Das Wissenschaftszentrum in Berlin hat bereits in den Jahren 1991 bis 1993 unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang van den Daele eine Technikfolgenabschätzung zum Einsatz transgener, herbizid-resistenter Pflanzen durchgeführt. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass nicht die Zuchtmethode, sondern das Zuchtergebnis – die Eigenschaften der einzelnen gezüchteten Sorte – über deren Umweltverträglichkeit entscheidet. Das gilt für alle Sorten unabhängig von der Züchtungsmethode.
Die in Großbritannien durchgeführte Farm-Scale-Evaluation ist in dem über drei Jahre laufenden Feldversuch zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Die Bundesregierung hat in ihrer Antwort auf die an sie gerichtete Frage: »Hat es bei dem konventionellen Anbau von GVO-Pflanzen an irgendeiner Stelle ernsthafte Gesundheitsschäden beim Menschen oder Umweltschäden gegeben?« kein Beispiel genannt (Drucksache 15/821, 9. 4. 2003).
Dagegen wurde 1960 die mit herkömmlichen Methoden gezüchtete winterharte Kartoffelsorte »Lenape« vom Markt genommen, weil sie gefährlich hohe Mengen an Glykoalkaloiden mit toxischer Wirkung enthielt. Die Diskussion um die Grüne Gentechnik ist die Diskussion um die Anwendung einer Methode. Erstaunlicherweise finden die Ergebnisse der Anwendung der Methode kaum Beachtung.
Das ist so, als wenn man bei der Lösung einer Multiplikationsaufgabe über die Anwendung von Rechenschieber und Taschenrechner diskutierte und die Richtigkeit der Ergebnisse außer Acht ließe. Warum sollte die gentechnisch erzeugte Herbizidtoleranz ethisch anders beurteilt werden als eine Herbizidtoleranz, die durch eine technisch erzeugte Mutation entstanden ist?
Verbraucherinformation
Durch eine EU-Verordnung wird geregelt, dass Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen gekennzeichnet werden müssen. Der Schwellenwert für die Kennzeichnung beträgt 0,9 %. Damit wird die Wahlfreiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher gewährleistet.
Es müssen Lebensmittel gekennzeichnet werden, die aus gentechnisch veränderten Organismen hergestellt wurden, aber nicht solche, die mit gentechnisch veränderten Organismen hergestellt wurden. Dies ist die Begründung dafür, dass Milchprodukte von Kühen, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden, nicht gekennzeichnet werden müssen. Das bedeutet weiterhin, dass fermentativ hergestellte Zusatzstoffe wie Aminosäuren, Vitamine, Aromen oder die Verwendung von Enzymen nicht zur Kennzeichnung führt. Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany, Leiter des Mikrobiologischen Zentrums an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe, schätzt, dass etwa 70 % der Lebensmittel Zutaten von transgenen Organismen enthalten.
Das ist nicht verwunderlich. Die Produktion der verschiedensten Zusatzstoffe mit Hilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen ist kostengünstig und sicher, wie die Herstellung von Insulin bewiesen hat. Dem Verbraucherschutz dienen die Verfahren, die die Zulassung neuer Sorten regeln. Die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften, Kommission Grüne Gentechnik stellt in ihrem Memorandum fest: »Dass beim Verzehr von Lebensmitteln aus in der EU zugelassenen GVO (gentechnisch veränderte Organismen) kein erhöhtes Gesundheitsrisiko gegenüber dem Verzehr von Produkten aus konventionellem Anbau besteht, dass im Gegenteil in einzelnen Fällen Lebensmittel aus GVO den konventionellen Lebensmitteln in Bezug auf die Gesundheit sogar überlegen sind.«
Der Anbau transgener Kulturpflanzen
Die ersten Freisetzungsversuche von transgenen Pflanzen erfolgten 1987 in den USA, 1992 wurde die erste transgene Sorte, eine Maissorte, in Verkehr gebracht. Inzwischen hat sich der kommerzielle Anbau transgener Kulturpflanzen wie folgt entwickelt:
Länder mit weniger als 10 000 ha Anbau:
In der EU sind sieben transgene Raps-, sechs Mais-, zwei Baumwoll- und eine Sojasorte zum Anbau zugelassen. Im Fazit können wir feststellen, dass nach mehr als zehn Jahren Anbau von transgenen Sorten auf allen Erdteilen auf allein in diesem Jahr über 60 Millionen Hektar Fläche keine ernsthaften Schäden aufgetreten sind.
Perspektiven der Forschung
Die Forschung und Entwicklung transgener Pflanzen hat im vergangenen Jahrzehnt ungebremst zugenommen. Die deutsche Forschung ist weltweit anerkannt und auf einem hohen Niveau. Die Forschungsförderung der Bundesregierung hat erheblich dazu beigetragen. Daher ist es an der Zeit, dass die Ergebnisse dieser Forschung auch bei uns zur Anwendung kommen.
Perspektiven (Auswahl):
Der Goldene Reis – Chance für die Dritte Welt?
Der Schweizer Biologe Prof. Dr. Ingo Potrykus und sein Freiburger Kollege Prof. Dr. Peter Beyer haben eine Reissorte entwickelt, die Betacarotin, eine Vorstufe des Vitamin A produziert und einen im Vergleich höheren Gehalt an Eisen besitzt. Motiv für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass in Ländern der dritten Welt der Vitamin-A-Mangel häufig zur Erblindung führt. So stellte die WHO (World Health Organisation) am Tag der Sehkraft, dem 9. Oktober fest, dass 45 bis 50 Millionen Menschen blind seien und etwa 90 % in den Entwicklungsländern lebten.
Eine Ursache für die Erblindung und dafür, dass Kinder blind geboren werden, ist der Vitamin-A-Mangel. Der Goldene Reis könnte helfen, dies Problem zu lindern. Diese Sorte wurde Anfang 2001 dem gemeinnützig arbeitenden International Rice Research Institute (IRRI) zur weiteren Entwicklung übergeben. Zuvor hatten zahlreiche Unternehmen und Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Sorte beteiligt waren, auf Ihre Patentrechte verzichtet.
Beyer und Potrykus haben inzwischen den Goldenen Reis an weitere öffentliche Forschungsinstitutionen in China, Vietnam, Indien, Indonesien und Südafrika übergeben. Dort sollen die Gene, die für die Produktion von Betacarotin verantwortlich sind, in Reissorten eingekreuzt werden, die in Afrika und Asien angebaut werden. Nach jetzigem Kenntnisstand könnte der »Goldene Reis« in etwas drei bis vier Jahren für den Anbau in Entwicklungsländern zur Verfügung stehen.
Das Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der Universität München hat mit Unterstützung der Bayrischen Staatsministerien für Landesentwicklung und Umweltfragen sowie Landwirtschaft und Forsten eine Studie zur Grünen Gentechnik erstellt, in der ein Modell zur ethischen Bewertung der Grünen Gentechnik vorgestellt wird.
Darin wird der Goldene Reis als Beispiel für eine transgene Sorte genannt, deren Weiterentwicklung und Anbau ethisch geboten seien. Auch der Generalsekretär der FAO setzt sich für den Goldenen Reis ein: »Goldener Reis – der bemerkenswerteste Durchbruch der grünen Gentechnik mit direkter Bedeutung für die Mangelernährung und die Sicherheit von Nahrung.«
Und Patrick Moore, Mitbegründer von Greenpeace und langjähriger Direktor von Greenpeace International stellt fest: »In der Abwägung ist klar: die realen Vorteile von genetischer Modifikation überwiegen bei weitem die hypothetischen Risiken, die von den Gegnern vorgebracht werden.«
Ausblick
Die Zukunft der Grünen Gentechnik in Deutschland ist nicht entschieden. Die Regierung will durch das Gentechnikgesetz und die Verordnung zur guten fachlichen Praxis die Möglichkeiten für Forschungsund Entwicklungsarbeiten im Bereich der Grünen Gentechnik gering halten und den Anbau der in der EU zugelassenen Sorten verhindern.
Dies nützt den Interessen des grünen Koalitionpartners aber sonst niemand. Eine andere Regierung kann andere Rahmenbedingungen schaffen und sie sollte dies tun.
Literaturhinweise zu diesem Beitrag kann die Redaktion bei Interesse gern zur Verfügung stellen.
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