Zu Beginn des Seminars ging Carl-Ludwig Reichert, Musiker der Gruppe „Sparifankal“ und Musikjournalist aus München, der Frage nach, inwieweit politische Lieder Systemkritik darstellten oder Teil des politischen Systems wären. Er zeigte an einer Fülle von Beispielen aus Deutschland und anderen Ländern auf, daß politisches Engagement in der populären Musik häufig auf kleine „Biotope“ begrenzt bleibt, wenn es nicht zu angepaßtem Schein-Protest degenerieren will. Die Entwicklung der Folk-Musik habe gezeigt, daß auch kritische Texte sehr schnell von der Unterhaltungsindustrie adaptiert werden und ihnen ihr eigentlicher Gehalt dadurch genommen wird, daß sie entweder inhaltlich entschärft oder musikalisch dem Unterhaltungs-Klischee angepaßt werden. Er setze darauf, so Reichert, daß auch in Zukunft kleine Gruppen populäre Musik produzieren werden, die sich bewußt der Vereinnahmung durch die Musik-Industrie entzieht.
Auf die Anfänge politischer Lieder im Deutschland des „Vormärz“, zu Beginn des 19. Jahrhunderts also, kam der Stuttgarter Musiker, Liedermacher und Volksliedsammler Gernot von Baer in seinem von vielen Musikbeispielen begleiteten Referat mit dem Titel „Wo ist Vetter Michels Vaterland?“ zu sprechen. Er illustrierte die Tradition des Strebens nach Freiheit und nationaler Einheit, die sich nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon auch in lyrischen Texten und in weit verbreiteten Volksliedern niederschlug. Vor allem die „Revolution“ von 1848/49 und die ihr vorangehenden freiheitlichen Bestrebungen brachten Lieder hervor, die von so bekannten Autoren wie Heinrich Hoffmann aus Fallersleben oder Heinrich Heine getextet und komponiert wurden. Wie aber die an der Französischen Revolution orientierten politischen Aktionen gegen feudale Repressions-Systeme mit dem Scheitern der Paulskirchen-Versammlung ihr Ende fanden, so gingen vorläufig auch die populären Lieder, die zum Beispiel Friedrich Hecker und die Studenten des Frankfurter Wachensturms zu ihren Idolen zählten, in der Reaktion unter.
Katrin Knoche, Musikpädagogin aus Hohenstein, referierte über das Politische Lied in der DDR vor dem Fall der Mauer. An Beispielen einzelner Liedermacher und Musik-Gruppen, etwa der Gruppe „Wacholder“ oder dem Musiker Hans-Eckhardt Wenzel, stellte sie dar, daß zwar Lieder und Texte in der DDR der Genehmigung und der Zensur unterlagen, daß aber doch auch kritische Stimmen in der damaligen populären Musik-Landschaft zu finden waren. Häufig wurden dabei Botschaften kunstvoll in Texten versteckt oder durch Musik-Zitate zum Beispiel aus der Marseillaise vermittelt. Auch die Tradition politischer Befreiungs-Lieder aus dem 19. Jahrhundert spielte in der DDR eine Rolle. Diese Lieder wurden zusammen mit den neuen Kompositionen der zeitgenössischen Musiker in den Kulturhäusern, die es in nahezu jeder Gemeinde gab, vorgetragen und sogar auf Schallplatte gepreßt. Freilich konnte sich eine wirklich einflußreiche Szene einer solchen Musik-Kultur nicht entwickeln, auch weil allzu kritische Liedermacher wie Wolf Biermann oder Stefan Krawczyk kurzerhand ausgebürgert wurden.
Zur Kennzeichnung des politischen Liedes in Westdeutschland vor allem während der sechziger und siebziger Jahre trugen Katrin Knoche und Gernot von Baer beispielhaft Songs zur Gitarre vor. Sie stellten ihren Vortrag unter die Überschrift des Schobert & Black-Titels „Bundesbürgers Abendlied“. Die Texte von Hannes Wader, Gerd Schinkel, Dieter Süverkrüp, Bernies Autobahnband, Wolfgang Bächler und anderen illustrierten die bunte Vielfalt, die sich in der Zeit der Neubesinnung deutscher Politik auch in der Liedermacher-Szene spiegelte. Es war die Zeit, in der auch die Tradition des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Für viele andere kann in diesem Zusammenhang der Name von Peter Rohland stehen.
Der Rapper, Buchautor und Schallplattenproduzent Murat Güngör aus Köln stellte in einer Multi-Media-Präsentation im Anschluß daran die Musik des Rap und Hip Hop dar. Er zeigte durch viele Video-Clips und mithilfe von Dokumentarfilmen, daß diese Musik in Deutschland stark von den Migranten beeinflußt war, aber bald von deutschen Musikern adaptiert wurde. Freilich räumte er auch mit dem Mißverständnis auf, Rap und Hip Hop habe stets originär politische Anliegen und Ziele. Zwar finden sich in den Milieu-Beschreibungen der Texte häufig auch kritische Anmerkungen etwa zur Situation der Jugendlichen in den Vorstadt-Ghettos, jedoch verfolgen die Musiker ebenso häufig vor allem das Ziel, mit ihrer Musik zu unterhalten und auf diesem Wege bekannt, vielleicht gar berühmt zu werden. Auf kritische Aspekte dieser Jugendkultur, daß sie Frauen in der Regel ganz ausgrenze oder nur als Sex-Objekte darstelle und daß es mitunter gewaltverherrlichende Texte gebe, wurde in der Diskussion hingewiesen. Daß auch rechtsextreme Musikgruppen sich dieser Stilrichtung bedienen, ist indessen kein Alleinstellungsmerkmal; dies gilt für andere Bereiche, etwa für die Liedermacher- oder Rock- und Punk-Szene ebenso.
Am Abend des Samstag trug der Berliner Kabarettist Tilman Lucke aus seinem Programm „Nebenbei bemerkelt“ einige Texte am Klavier vor. Vor allem die Liebeserklärung an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fand besonderen Anklang. Im Anschluß hatten die Teilnehmer des Seminars Gelegenheit, selbst politische Lieder zu singen, wovon bis in die späte Nacht lebhaft Gebrauch gemacht wurde.
Den Abschluß des Seminars bildete ein Vortrag des Bonner Jazz-Trompeters und Dozenten Reiner „Semmel“ Brothuhn über die politischen Wurzeln des Jazz und Blues. Mit vielen Musik-Beispielen, in deren Präsentation auch Teilnehmer des Seminars einbezogen wurden, zeigte er die Eigenart der Jazz-Musik auf und erläuterte ihre Entstehung während der Deportation schwarzer Sklaven von Afrika nach Amerika. Manche unmenschliche Praxis der weißen Sklavenhändler und Sklavenhalter führte zu Reaktionen der Schwarzen, die sich auch in musikalischen Ausdrucksformen niederschlugen. Freilich wurde auch diese Musik bald von Weißen adaptiert, so daß die erste auf Platte gepreßte Jazz-Aufnahme von einer weißen Dixieland-Band stammt.
In der abschließenden Seminarkritik wurde von den Teilnehmern vor allem die durchgängige Verbindung von theoretischem Vortrag und praktischer musikalischer Erläuterung positiv hervorgehoben. Kritisch wurde angemerkt, daß neben dem Rap-Vortrag stärker auf aktuelle politische Musik, etwa auf die Punk-Musik, hätte eingegangen werden können. Insgesamt war man der Meinung, daß dies Seminar und die Anknüpfung an die Gummersbacher Volkslied-Akademien in den achtziger Jahren eine gelungene Veranstaltung war, die zu einer neuen Tradition führen sollte.
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