Sehr verehrte, liebe Frau Funcke, sehr verehrte Frau Landtagsvizepräsidentin, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren,
aus der Sicht von Diedrich Heßling war Eugen Richter ein „gefährlicher Mann“. Jetzt werden Sie natürlich fragen, wer war Diedrich Heßling? Falls sich nicht alle spontan erinnern sollten: Es war der „Untertan“ in dem gleichnamigen bekannten Roman von Heinrich Mann über das kaiserliche Deutschland; und sein Gegenspieler im fiktiven Städtchen Netze war ein Freund eben jenes Eugen Richter. Man kann von diesem nun sagen, was man will: Literarischer Ruhm ist bislang jedenfalls nur ganz wenigen liberalen Abgeordneten beschieden gewesen.
Eugen Richter war also kein Vorbild für Untertanen, was im Umkehrschluss bedeutet: Er besaß Zivilcourage. Außerdem gehörte er bekanntlich dem organisierten Liberalismus an. Was will man aus Sicht einer Stiftung für liberale Politik mehr? Nun, ich kann nicht verhehlen, dass sich die Friedrich-Naumann-Stiftung ein wenig schwer mit Eugen Richter tut. Das hängt damit zusammen, dass unser Stiftungspatron und Eugen Richter eben nicht zusammen kamen. Naumanns große Stunde im Liberalismus schlug justamente dann, als Richter starb. Der alte Freisinnige hat den jungen, sozial engagierten Liberalen nicht eben gefördert, im Gegenteil: Richter hat, wie Naumann nachher bemerkte, seine „Sonnenseite gerade uns gegenüber zu verhüllen (ge)pflegt“. Die Gründe lagen im unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Temperament der beiden: Hier der pessimistisch gestimmte Rheinpreuße, von Hause aus Jurist, dort der optimistische Pfarrer aus Sachsen. Sie lagen im unterschiedlichen Politikstil: Hier der Autokrat, der Widerspruch in den eigenen Reihen fast als Verrat ansah, dort der Menschenfischer mit persönlichem Charisma und einem ungeheuer großen Freundeskreis. Und sie lagen nicht zuletzt in einer antagonistischen Politikstrategie: Hier Liberalismus als geschlossenes Gedankengebäude einer bürgerlichen Elite, dort Liberalismus als Teil einer breiten Volksbewegung mit Ambitionen auf Regierungsteilhabe. Das konnte sich nur schwer vereinbaren lassen. Deshalb wurden Richter und Naumann zu Repräsentanten unterschiedlicher Phasen in der Geschichte des deutschen Liberalismus während des Kaiserreiches.
Trotz alledem hat Naumann Eugen Richter einen noblen Nachruf gewidmet. Mit einem solchen Text im Hintergrund gibt es natürlich keinen Grund für die Friedrich-Naumann-Stiftung, sich an einer Gedenkveranstaltung zu Eugen Richter nicht zu beteiligen. Wir machen dies gern und freuen uns über die Zusammenarbeit mit der Stadt Hagen und die Unterstützung, die wir bei den Vorbereitungen vor allem durch den Eugen-Richter-Turmverein und namentlich Herrn Oberste Berghaus erfahren haben.
Nun ist es aber nicht nur durch einen Nachruf sanktionierte Pietät, die uns zu diesem Gedenken veranlasst hat. Richter war nicht nur ein Mann der Zivilcourage, sondern auch der liberalen Überzeugungen und zwar lebenslang. Manche mögen darin eine gewisse Dogmatik sehen, aber Liberale, die manchmal – und natürlich zu Unrecht – im Geruch des „Umfallens“ stehen, sind froh und glücklich, wenn es unter ihren politischen Ahnen auch Prinzipienfeste gibt. Zumal dann, wenn diese Prinzipienfestigkeit durchaus Aktualität beanspruchen kann. Ich will nun nicht dem Festredner vorgreifen, aber einen Punkt möchte ich aus dem Blickwinkel der aktuellen liberalen Grundsatzdebatten hervorheben: Wenn man so will, dann hatte das liberale Gedankengebäude eines Eugen Richter sehr viel mehr Nähe zum dem, was man heute Neoliberalismus nennt, als etwa das politische Konzept Friedrich Naumanns. Ein Zeitgenosse hat es einmal so ausgedrückt: Eugen Richter „war die fleischgewordene liberale Doktrin und wer das wahre Ziel der inneren Politik in einer möglichst konsequenten Ausgestaltung des parlamentarischen Systems sowie in einer möglichst individualistischen Ausgestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsverfassung erblickt, der wird in Richter den unbeugsamen Vorkämpfer ... bewundern.“
Da die Friedrich-Naumann-Stiftung teilweise ähnliche Ziele verfolgt, wird sie natürlich das Andenken an Eugen Richter wach halten. Wir übersehen andererseits nicht, dass eine solche Politik auch Schattenseiten hatte: Es wird schwer damit, Mehrheiten zu gewinnen, und Eugen Richter sollte dies auch zur Genüge erfahren, trotz der persönlichen Erfolge gerade hier in Hagen: „Er hatte das Schicksal, das Rückzugsgefecht des deutschen Liberalismus führen zu müssen und konnte dabei wenig wirklich frohe Tage erleben.“ Dies hat Naumann nicht von ungefähr im Nachruf geschrieben und daraus seine Schlüsse gezogen. Ob seine – Naumanns - Strategie besser war, werden wir niemals erfahren, dann nachdem sie ansatzweise durchaus Erfolge gezeigt hatte, kam der Erste Weltkrieg und danach eine völlige andere Welt. Deshalb gehören aber beide – Eugen Richter wie Friedrich Naumann – zu den liberalen Traditionen, die unsere Stiftung und der gesamte organisierte Liberalismus pflegen sollten.
Daher kann es nicht verwundern, dass die Mitwirkung an dieser heutigen Veranstaltung in Hagen nicht die einzige Stiftungsaktivität in Sachen Eugen Richter ist. Gleichzeitig findet ein Forum statt, dass sich mit der Aktualität von Richters Liberalismus befasst, im Herbst führt das Archiv des Liberalismus ein Kolloquium zum Liberalismus im Zeitalter von Richter durch; auch auf unserer Internet-Homepage wird auf den Jahrestag hingewiesen.
Lassen Sie mich abschließend allen Mitwirkenden an dieser Veranstaltung danken, insbesondere der Stadt Hagen und den übrigen Rednern und Rednerinnen des heutigen Nachmittag, ebenso Ihnen allen für Ihre zahlreiche Anwesenzeit hier. Möge die Beschäftigung mit Eugen Richter Sie neugierig zu machen auf das Angebot der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Veranstaltungen, Publikationen und virtuell. Wenn Sie dem demnächst mehr zusprechen, dann ist für uns in der Stiftung der Hauptzweck dieses Nachmittags erreicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Vergnügen!
Dr. Jürgen Frölich
Archiv des Liberalismus, Gummersbach
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