spanisch
englisch
"Nur Ochsen büffeln!" - Workshop zu den pädagogischen Konzepten in der Privatschulpraxis in der THA

Seminarleiter Klaus Füßmann zitierte zu Beginn der Veranstaltung den Wirtschaftssoziologen Josef Huber, der jüngst in der FAZ unter dem Titel „Unser Bildungswahn“ schrieb: „Das deutsche Bildungswesen setzt jährlich etwa 135 Milliarden Euro oder 6,2 Prozent des Bruttosozialprodukts um. Es ist damit, nach der Gesundheitsindustrie, der zweitgrößte Sektor der Wirtschaft. Doch etwa 90 Prozent der Bildungsausgaben sind Staatsausgaben für Staatsbetriebe in einer bürokratischen Planwirtschaft. Entsprechend mittelmäßig bis schlecht fallen, im internationalen Vergleich gesehen, die Leistungen aus – während die Kosten hoch sind. Es herrscht planwirtschaftliche Tonnenideologie: Je länger die Schüler zur Schule gehen, je mehr Stoff und Stunden sie aussitzen und je mehr Geld dafür ausgegeben wird, umso größeren „Erfolg“ vermeldet die Bildungsplanbürokratie – ganz egal, was die Absolventen tatsächlich können.“
Die Kritik an der staatliche Allzuständigkeit griff Roman Friemel, Geschäftsführer und Syndikusanwalt des Privatschulverbandes NRW in seinem Eröffnungsvortrag “Privatschulen – mehr als nur das Salz in der Suppe des deutschen Bildungssystems?“ auf. Er zeigte die jahrhundertealte Genese eines Schulsystems in freier Trägerschaft auf, das dann in Zeiten der demokratischen Industriegesellschaft in vollständige staatliche Regie überführt wurde, was erheblich zu den dürftigen Ergebnissen der PISA-Studie beigetragen hat. Heute gibt es 2.700 allgemeinbildende Privatschulen mit knapp 622.000 Schülern in Deutschland, das macht eine Quote von etwa 7 Prozent aus. Gerade in der Startphase erleben Privatschulen zahlreiche Entfaltungshemmnisse,
werden doch bei Verschleierung der tatsächlichen Kosten staatlicher Schulen allenfalls zwei Drittel der Finanzierungsmittel durch den Staat bereitgestellt. Und das bei gleichzeitigem Sondierungsverbot der Schüler nach den Einkommensverhältnissen der Eltern. Konkret heißt dies etwa, dass Privatschullehrer - bei schlechterer Bezahlung - mehr arbeiten. Dass die Qualität der Privatschulpädagogik breitenwirksam anerkannt ist, zeigt die Elternnachfrage, die nach seriösen Umfragen bei etwa 20 Prozent liegt. Dank Roman Friemels Einführungsvortrag gelang es, Privatisierung als Methode der Qualitätssteigerung im Bildungssystem deutlich zu machen, die mit den Prinzipien Vielfalt, Nähe, Wettbewerb, Profilbildung und Autonomie den Kollektivismus dirigistischer Bildungsbürokratien außer Kraft setzen muss. Erst dann treten öffentlich-rechtliche und private Schulträger in einen fairen Wettbewerb.
Dr. Stoll-Steffan
Der zweite und dritte Seminartag waren so gestaltet, dass den drei vorgestellten pädagogischen Konzeptionen jeweils in Dreistunden-Blöcken mit Plenumsdiskussionen und Gruppenübungen breiter Raum gewährt wurde. Zunächst stellte Dr. Marie Luise Stoll-Stefan, Managing Director der internationalen Schule Frankfurt-Rhein-Main GmbH&Co KG, Wiesbaden, das kurz vor der Endredaktion stehende „Kinderhaus“-Curriculum des Privatschulverbandes vor. Die Weichenstellung der frühkindlichen Bildung für die individuellen Lernentwicklung ist weithin anerkannt. Es fehlt in den traditionellen Kindergärten aber an pädagogischer Reflexion und Dokumentation.
Hier setzt das ungemein inspirierende „Kinderhaus“-Projekt an, das umsetzungs-, werte- und ergebnisorientiert gleichermaßen die sozio-emotionale und die kognitiv-kreative Entwicklung des Kleinkindes individuell begleiten will. Die Power-Point-Präsentation von Frau Dr. Stoll-Stefan gibt hier zahlreiche wichtige Denkanstöße.
Petra Witt
Am Samstag Nachmittag gelang es Petra Witt, Geschäftsführerin der Präha-Gruppe, interdisziplinären Zentren für berufliche Aus- und Weiterbildung auf dem Feld der Prävention und Rehabilitation, die Seminarteilnehmer gruppendynamisch mit der Methode des Problemorientierten Lernens vertraut zu machen. Um das streng an Rollen gebundene und auf praktisches, fächerübergreifendes und vor allem problemlösendes Wissen gerichtete Verfahren deutlich zu machen, zitierte sie zunächst den FU-Präsidenten Dieter Lenzen der fest: „Wir lernen nicht zu wenig, sondern zuviel; aber wir lernen zuwenig, etwas damit anzufangen“. Unter Einbeziehung von zwei Studierenden ihrer Kerpener Einrichtung ließ Frau Witt dann die Seminarteilnehmer konkrete Fallbeispiele nach der Methode des problemorientierten Lernens simulatorisch erarbeiten. Das Verfahren (inclusive Power-Point-Vortrag von Frau Witt) ist hervorragend auf der Präha-Homepage dokumentiert.
Andreas Müller
Internationales Fluidum zog am letzten Seminartag in den Workshop ein. Andreas Müller vom Oberberner Institut Beatenberg aus der Schweiz legte die pädagogischen Grundzüge dieses viel beachteten Internatsbetriebes dar. „Der Mensch soll lernen, nur Ochsen büffeln“, zitierte er eingangs Erich Kästner, um dann das gemeinhin mit Schule verbundene Kulissenlernen und abstrakte Memorieren zugunsten individueller Verstehens- und Verständigungsformen zur Geltung zu bringen. Verstehen heißt Informationen umwandeln in Bedeutung, oder mit Christian Morgenstern: „Jedes Denken ist Zurechtmachen.“ Daraus folgen dann ganz andere zeitliche und räumliche Lernarrangements (etwa mit Flüsterzonen als sinnlichem Erfahrungsraum), mit Zielvereinbarungen und Intensivtrainings als verbindliche Lernübereinkünfte und mit differenzierten Kompetenzrastern als Zertifikat statt fächergebundenen Standard-Zeugnissen.
„Lernen ist kein Ort, wo man ankommt. Lernen ist eine andere Art zu reisen“, hieß der Programmpart von Andreas Müller. Er wird nach eigenen Worten zukünftig häufiger als Wanderprediger in Sachen Schulentwicklung unterwegs sein. Hoffentlich und gerade in Deutschland, wo wir solch eindrucksvollen Ermutigungen zu besserer Bildung dringend nötig haben.

Klaus Füßmann
Leiter des Veranstaltungsprogramms der Theodor-Heuss-Akademie


Vortrag Roman Friemel

Vortrag Stoll-Steffan

Druckversion dieses Artikels    diesen Artikel versenden

Rechtliche Hinweise | Impressum