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Ausstellungseröffnung "Geschichte des Deutschen Liberalismus"

Dr. Jürgen Frölich
Jürgen Frölich
Die Liberalen und ihre Tradition in Deutschland


Wie häufig im Leben gibt es auch bei der Betrachtung von Geschichte immer verschiedene Geschmäcker, Stilrichtungen und Vorlieben, zumindest soweit es die Rahmenbedingungen zu lassen. Aber vorgeschriebene Geschichtsbilder sollten 60 Jahre nach Kriegsende und 15 Jahre nach dem Fall der Mauer kein Thema mehr sein. Mithin besteht auch eine Reihe von Möglichkeiten, auf die Geschichte des deutschen Liberalismus zu schauen und sie zu deuten.

Eine dieser Lesarten lautet etwa wie folgt:
Deutschland war nie ein genuines Land des Liberalismus. Es brachte aus sich heraus keine liberale Bewegung hervor. Wenn hier liberale Ideen sich artikulierten, so kamen sie von außen, in erster Linie von Frankreich her. Diese ausländische Herkunft machte diese Ideen zugleich vielen Deutschen suspekt, selbst denjenigen, die sich selbst als liberal verstanden. Diese entwickelten ihre politischen Vorstellungen im Gegensatz zu ausländischen Einflüssen, zunächst gegenüber französischen, später dann britischen.

Dass die liberale Bewegung hierzulande so schwach war, lag auch daran, dass es kein eigentliches Bürgertum, keine selbstbewusste Bourgeoisie gab. Stattdessen dominierte im neueren Mittelstand das Bildungsbürgertum, dessen Orientierung aber sehr staatslastig war, da es zumeist selbst im Staatsdienst stand. So war es kein Wunder, dass die gesellschaftlichen Leitbilder auch dieser bürgerlichen Kreise nicht eigentlich bürgerlich, sondern staatlich-militärisch-aristokratisch waren. Insbesondere das Bildungsbürgertum des größten deutschen Staates Preußen, - schon aufgrund der Größe des Staates einflussreich - tat sich hierbei vor.

Bei den zaghaften Versuchen, diesen Staat als politisches Zentrum Deutschlands zu liberalisieren, hat zudem das Bürgertum mehrfach versagt. 1815 wurden die Ansätze zur Verwandlung Preußens in einen Verfassungsstaat schnell abgebrochen; 1849 scheiterte die Konstitutionalisierung Preußens und ganz Deutschlands an der zögerlichen Haltung bürgerlich-liberaler Politiker, die eben nicht den Weg der echten Revolution gemeinsam mit den Volksmassen gehen wollten. In den Jahren 1862 folgende blieb dann auch der Weg einer evolutionär-parlamentarischen Reformierung Preußen sofort stecken, als auf konservativer Seite mit Bismarck ein tatkräftiger Politiker auftauchte.

Dieser schuf dann anstelle des eigentlich zuständigen Liberalismus die deutsche Einheit und korrumpierte mit diesem Danaergeschenk, das eben nicht die von den Liberalen erwünschte Einheit in Freiheit brachte, viele deutsche Liberale so sehr, dass sie sich mit fliegenden Fahnen einem illiberalen Nationalismus zuwandten. Dementsprechend musste, immer nach dieser Lesart, meine Damen und Herren, die Arbeiterbewegung auch die Rolle der bürgerlichen Freiheitsbewegung übernehmen. Zwischen Konservativismus und Sozialdemokratie wurde der deutsche Liberalismus immer mehr aufgerieben, konnte kaum Einfluß auf den kaiserlichen Obrigkeitsstaat nehmen.

Das wurde auch nach 1918 nicht besser, obwohl nun ein durchaus liberales System installiert war. Nach einer kurzen Scheinblüte ging der Abstieg des Liberalismus weiter; am Ende der Weimarer Republik war er auf den Status von Splitterparteien herabgesunken. Dem aufkommenden Nationalsozialismus stellten die verbliebenen Liberalen nicht nur keinen Widerstand entgegen, sondern sie stimmten obendrein sogar der Etablierung der Diktatur zu. Es war also nur folgerichtig, dass unter denen, die nach 1933 unter Lebensgefahr Widerstand leisteten, keine Liberalen waren.

Ihre Wiederbelebung nach 1945 verdankte der organisierte Liberalismus dann dem Umstand, dass es im Osten keine SPD geben durfte und dass im Westen massenhaft ehemalige Nazis sowie Antiklerikale sich unter der Fahne des Liberalismus sammelten. Deshalb wurden sie zwar nicht wie die anderen Kleinparteien aus den Anfängen der Bundesrepublik von der großen „Union“ absorbiert, aber die Liberalen führten mehr oder minder ein Nischendasein, das ihnen allerdings aufgrund eines fehlerhaften Wahlrechts und politischer Strukturen, die die Bildung von echten Mehrheiten sehr erschwerte, einen überproportionalen Einfluß einräumte. Diesen nutzten die Liberalen vor allem, um mit zu regieren und sich Posten zu ergattern. Großen Einfluß auf die Politik in der Bundesrepublik nahmen sie nicht, alle großen Entscheidungen wurden innerhalb der großen Volksparteien rechts und links getroffen und – zum Teil gegen den Willen der Liberalen – durchgesetzt. Ihren wahren Charakter zeigten die Liberalen dann in den neunziger Jahren, als sie sich selbst zur „Partei der Besserverdienenden“ erklärten und seitdem permanent mit der Fünfprozentklausel haben kämpfen müssen. Ein vollständiges Ende dieser politischen Klein- und Randbewegung in Deutschland ist da nur noch eine Frage der Zeit. Und dann wird auch Deutschland die neue politische Ebene eines politischen Systems ohne nennenswerten organisierten Liberalismus erreicht haben. Italien, Spanien und Österreich beispielsweise leben bereits jetzt damit sehr gut.

Das wäre, meine Damen und Herren, sicherlich nicht ohne gehörige Übertreibungen, eine mögliche Sichtweise für die Entwicklung des Liberalismus in Deutschland, von der ich nicht unbedingt behaupten möchte, dass ich sie mir zu eigen mache. Aber man sollte nicht unterschätzen, dass diese Lesart durchaus auch Anhänger hat, besonders unter den mit dem Liberalismus konkurrierenden Kräften auf der Linken und Rechten.

Man kann aber die gleiche Geschichte auch ganz anders erzählen. Demnach war Deutschland ein Kerngebiet des Liberalismus, vielleicht sogar das wichtigste. Denn alles nahm seinen Anfang mit der Reformation und ihren Wirkungen, als erstmals das integrale Weltbild des mittelalterlichen Menschen aufgebrochen und die Grundlage aller Freiheit, nämlich die individuelle Geistesfreiheit, verwirklicht wurde. Aufgrund dieser religiösen Vorgeschichte entwickelte sich der deutsche Sprachraum zum Nukleus der liberalen Philosophie, die mit der Aufklärung, mit Wolff, Kant und Lessing hier ihren einsamen Höhepunkt erreichte, noch bevor in Frankreich irgendjemand an Revolution dachte. Diese Vorreiterrolle in der liberalen Philosophie wirkte übrigens bis ins zwanzigste Jahrhundert fort, denn obwohl sie als angelsächsische Denker gelten, sind Philosophen wie Popper und Hayek eben doch deutschstämmig und im Guten wie im Schlechten – auch Karl Marx war ja ein deutscher Denker - an der deutschen Philosophie geprägt.

Sicherlich fehlte, meine Damen und Herren, dem deutschen Liberalismus die nationalstaatliche Hülle, die es für die französischen, britischen und auch nordamerikanischen Gesinnungsgenossen so viel einfacher machte, politische Wirksamkeit zu entfalten. Wenn man jedoch die politische „Zerrissenheit“ Deutschlands in Föderalismus umbenennt, dann zeigt sich, dass sie auch etwas Gutes, nämlich die Freiheit Förderndes hatte. Denn damit konnte es keine flächendeckende Verfolgung von Meinungen und Ansichten geben wie etwa der Protestanten im Frankreich Ludwigs XIV. oder religiöser Dissenter im nachelisabethanischen England. Vielmehr bestand in Deutschland eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich anderswo besser entfalten zu können oder Zuflucht zu finden. Gerade die reiche geistesgeschichtliche Tradition, die unser Land aufweist, zeigt die Vorteile der Kleinstaaterei und föderalen Zerrissenheit des frühneuzeitlichen Deutschland. Neben den USA ist Deutschland das Vaterland des Föderalismus.

Und es war sicher kein Zufall, dass die frühesten und vielleicht wichtigsten liberalen Revolten gegen mittelalterliche Herrschaftsverhältnisse ihren Ausgangspunkt nahmen in den Grenzgebieten jenes föderalen Ur-Gebildes, das sich Heiliges Römisches Reich nannte: nämlich in der Schweiz und in den Niederlanden. Man mag das, meine Damen und Herren, heute nicht mehr in die deutsche Tradition stellen; aber ein Friedrich Schiller, dessen 200. Todestages wir bald gedenken, sah dies bekanntlich anders; er widmete beiden Freiheitsbewegungen bedeutende Werke, nicht zuletzt, damit sich seine von Napoleon bedrohten Zeitgenossen daran aufrichteten und ein Beispiel nahmen.

Gewiß kann Deutschland kein in liberalen Augen so symbolträchtiges Ereignis oder Dokument aufweisen wie die Glorious Revolution, die Declaration of Independence oder den Ballhaus-Schwur. Aber wir haben seit dem 19. Jahrhundert immerhin das Hambacher Schloss und die Paulskirche, auch wenn diese nicht so sehr mit durchschlagenden Erfolgen verbunden sind. Große Teile Süd- und vor allem Osteuropas hatten bis 1989 fast gar keine freiheitlichen Symbole, vom großen Rest der übrigen Welt ganz zu schweigen.

Die genannten Orte weisen auch daraufhin, dass es im Deutschland des vorvorigen Jahrhunderts eine große liberale Bewegung gab, die, wenn ihr vielleicht auch der letzte Erfolg versagt blieb, doch aber großen Einfluß nahm und dies nicht nur regional, in Süddeutschland etwa. Daß Deutschland bis 1871 überall zum Verfassungsstaat wurde, war liberalen Bestrebungen zu verdanken, dass Deutschland überhaupt bis 1871 eins wurde, war vornehmlich liberalen Kraftanstrengungen zu verdanken. Denn Bismarck, der anfänglich strikt gegen ein einheitliches Deutschland war, stahl gewissermassen aus taktischen Gründen die liberalen Ideen, um dem allgemeinen Druck nachzugeben, der von ihnen ausging. Liberalen Politikern und Organisationen war es auch zu verdanken, dass in Deutschland Freizügigkeit entstand und damit der Weg für Industrialisierung und Marktwirtschaft frei wurde. Hier war es übrigens das häufig verfemte Preußen, das voran ging, und auch deshalb bei vielen Liberalen an Ansehen gewann.
Vor diesem Hintergrund ist es auch fraglich, ob die Jahreszahlen 1849, 1866 und 1871 für Niederlagen des Liberalismus stehen. Denn damit wurde Deutschland auch auf liberalen Bahnen vorangetrieben, das deutsche Kaiserreich war eben kein rein rückwärts gewandter Obrigkeitsstaat, sondern wies auch viele in die Zukunft weisende Züge auf, wobei ich das von vielen damaligen – und heutigen - Liberalen bekämpfte System der zwanghaften Sozialversicherung ausdrücklich ausnehmen will.

Dass die Liberalen es in Deutschland schwerer hatten als im Westen des Kontinents, lag nicht allein an ihnen selbst, sondern auch an der Geographie. In der Mitte Europas gelegen, hatten und haben die Deutschen einfach mehr direkte Nachbarn als Frankreich oder gar die britischen Inseln. Diese Nachbarn haben zeitweise tatkräftig mitgeholfen, dass sich ein deutscher Nationalstaat verzögerte und sie haben auch kräftig zugunsten der Konservativen interveniert, namentlich Russland 1849/50. Bismarcks großes Verdienst ist es zweifelsohne, dass er die Möglichkeiten, die sich aus der russischen Schwäche nach dem Krimkrieg und dem Engagement der Westmächte in Übersee ergaben, klar erkannte und im deutschen Sinne nutzte. Die Liberalen haben das Bismarcksche Geschenk der Einheit dann aber durchaus in ihrem Sinn genutzt und ihm einen liberalen Inhalt zu geben versucht. Bekanntlich ist dieser Staat nicht in erster Linie an inneren Problemen, sondern an außenpolitischen Verwicklungen zugrunde gegangen.

An der Struktur des Nachfolgestaates hatten Liberale, ich nenne nur Hugo Preuß, Friedrich Naumann und Gustav Stresemann, zweifelsohne großen Anteil. Die Weimarer Republik litt auch nicht so sehr an ihren liberalen Verfassungsstrukturen als vielmehr an den Lasten der Vergangenheit, dem verlorenen Weltkrieg. Vor allem die Wähler ließen sich davon irritieren und gingen immer schneller in das Lager der antiliberalen Extremisten über, so dass die Liberalen am Ende nur noch ein Grüppchen von Offizieren ohne Soldaten waren. Da konnte man beim besten Willen keinen nennenswerten Widerstand erwarten. Immerhin haben etliche von ihnen doch versucht, so gut es ging, liberale Flagge zu zeigen, auch nach 1933.

1945 fand ein liberaler Neubeginn unter einerseits sehr schwierigen, im Westen aber auch andererseits günstigen Bedingungen statt. Vor allem aber haben die Liberalen als einzige versucht, einen gesamtdeutschen Wiederbeginn zu wagen. Dass es damit nicht klappte, lag weniger an den Liberalen als an den Umständen, die die Teilung der Blöcke mitten durch Deutschland verlaufen ließ. An die Zusammengehörigkeit beider Teile Deutschlands haben gerade Liberale immer die Erinnerung wach gehalten, und gerade sie haben 1989/90 alles getan, dass die Erinnerung wieder zur Realität wurde. Im Osten ging zunächst der hauptsächliche Widerstand gegen die Etablierung der zweiten Diktatur auf deutschem Boden von den liberalen Kräften aus und unter der Gefolgschaft der LDP war die Gegnerschaft zur SED bis zum Ende ziemlich ausgeprägt. An den Verhältnissen dort ändern konnte sie natürlich nichts.

Das war im Westen ganz anders: Liberale haben bei den großen Weichenstellungen entscheidend mitgewirkt. Das Grundgesetz ist eine durch und durch auf liberalen Prinzipien beruhende Verfassung. Die FDP war die Partei, die am geschlossensten für marktwirtschaftliche Prinzipien eintrat und die immer am entschiedensten davor warnte, wenn diese Prinzipien in Gefahr gerieten. In der Politik der Westbindung unterstützte sie Adenauer ebenso tatkräftig wie sie seine antinationale Saarpolitik ablehnte. Als die klassische „Deutschlandpolitik der Stärke“ Ende der 1950er Jahre in eine Sackgasse geraten war, da waren Liberale unter den ersten, die daraus Konsequenzen zogen und dafür sorgten, dass ein Jahrzehnt später ein neuer Kurs eingeschlagen wurde. Als sich im Laufe der siebziger Jahre die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fundamental änderten, da waren es große Teile der FDP, die für entsprechendes Umsteuern die Grundlagen legten, beides Mal übrigens ohne Rücksicht auf eigene parteipolitische Verluste. Kritik am Sozialstaat ist, seitdem er durch Bismarck nicht nur von der Linken, sondern auch von der Rechten als All- Heilmittel propagiert wurde, Kritik am Sozialstaat ist deshalb bis heute in Deutschland unpopulär. Ähnlich gefährlich, weil unpopulär war übrigens auch die Haltung der FDP in der Frage der Nachrüstung und dann gegenüber den Anfängen von Michael Gorbatschov. Mittelfristig sollte sich beides Mal die Richtigkeit durchschlagend erweisen.
Umgekehrt, meine Damen und Herren, waren jene Epochen bundesrepublikanischer Geschichte, in denen es eine Regierung ohne starke liberale Beteiligung gab, sei es wegen absoluter Mehrheit einer Partei, sei es wegen einer großen oder einer rot-grünen Koalition, sicherlich keine Phasen, die der Entwicklung unseres Staates besonders gut getan hätten (siehe dynamische Rente, siehe Länder-Finanzausgleich, siehe Ausstieg aus der Kernenergie etc. etc.). Das Wohl der Bundesrepublik war eng mit dem Einfluß der zwar kleinen, aber rührigen, teils avantgardistischen, teils auf Kontinuitäten und Stabilität achtenden FDP verbunden.

Meine Damen und Herren, schon an der Ausführlichkeit merken Sie, dass mir die zweite Version der liberalen Geschichte weitaus besser gefällt als die vorhergehende „leyenda negra“, Misere-Version. Aber als Liberaler habe ich niemandem vorzuschreiben, wie er etwas zu sehen hat. Es gibt keine objektiven Wahrheiten in Bezug auf die Geschichte, nur Annäherungen an sie, die aber unterschiedlich plausibel sein können. Und die positive Sicht auf den deutschen Liberalismus hat für mich weit mehr Plausibilität als eine vorwiegend negative.

Nun bin ich natürlich nicht so verblendet anzunehmen, dass der Liberalismus in Deutschland eine reine Erfolgsgeschichte durchlaufen hätte. Davon kann natürlich schon angesichts der historischen Entwicklung Deutschlands in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, an der die Liberalen ja Anteil hatten, nicht die Rede sein. Das Gedenk-Datum 8. Mai ist da ja schon sehr vielsagend.

Und das macht es natürlich für die Konzeption einer Ausstellung von Liberalen über ihre Vorfahren schwierig. Da stellen sich dann eine Reihe von Fragen, teils methodischer, teils interpretatorischer, teils technischer Natur. Am wenigsten brisant sind dabei vielleicht die letzteren, zumindest für den Betrachter der Ausstellung, weniger für den Macher. Eine ganz zentrale technische Frage ist: Wie lässt sich ein Ereignis, eine Entwicklung oder auch eine Person visualisieren, also optisch in eine Ausstellung umsetzen. Ich will dazu ein ganz einfaches Beispiel aus der Bildergalerie, die Sie sich gleich anschauen können, geben: Sie sehen auf einer Tafel einen liberalen Parteivorsitzenden, der aus heutiger Sicht für eine Offenheit der Liberalen gegenüber technischen Innovationen steht; auf der gleichen Tafel ist ein Symbol für diese jüngsten Innovationen abgebildet. Dennoch werden vor allem die Jüngeren unter Ihnen, meine Damen und Herren, zu dem Eindruck kommen, diese Abbildung sei doch ziemlich altbacken. Sie kommen vermutlich dazu, weil Sie heute von dieser Persönlichkeit einen anderen Eindruck haben, der vielleicht – vorsichtig ausgedrückt – etwas „reifer“, „staatsmännischer“ ist als auf der Abbildung, noch mehr aber kommen Sie wohl zu diesem Eindruck, weil das abgebildete Innovationssymbol heute geradezu altmodisch wirkt.
An dieser Anmerkung merken Sie bereits, dass diese Ausstellung einen gewissen Reifeprozess durchlaufen hat. Aber wie bei gutem Wein gewinnt auch unsere Ausstellung dadurch. Ich war aber, ehe ich etwas abgeschweift bin, bei den Problemen für die Ausstellungsmacher, zunächst bei den technischen. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es schon einen Unterschied machen kann, ob man eine Persönlichkeit in jugendlicher Schönheit oder altersreifer Weisheit abbildet. Manchmal lösen sich solche Probleme durch das vorhandene Material.

Das trifft aber dann nicht zu, wenn man zuviel Stoff hat, bzw. wenn es prinzipiell mehrere Möglichkeiten gibt anzusetzen. Hier ist dies zum Beispiel der Fall bei der Frage, wo man den Liberalismus beginnen lässt. Ich persönlich, Nachkomme einer Pfarrersfamilie mütterlicherseits, würde immer die Reformation und Martin Luther mit einbeziehen. Ich verweise in diesem Zusammenhang nur auf Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ oder auf den Bauernkrieg von 1525, der ja nichts anderes war als die erste nationale Erhebung geplagter Steuerzahler. Aber ein solcher Einsatz birgt zugegebenermaßen die Gefahr einer sehr deutschlandkonzentrierten Sichtweise. Läßt man dagegen – wie hier - den Liberalismus in der Aufklärung und in der sogenannten „Atlantischen Revolution“ starten, so bekommt man ein breiteres, gemeinhin westeuropäisch-atlantisches Bild von den Ursprüngen des deutschen Liberalismus, das z. B. erklärt, warum die Abneigung gegen den derzeitigen amerikanischen Präsidenten und seine Außenpolitik unter den Anhängern der FDP noch am geringsten verbreitet ist.

Mit einem solchen Beginn erweitert man m. E. auch unser Bild von der liberalen Geschichte als Ganzer: Dieses ist ja noch ziemlich durch die Schlagworte Einheit und Freiheit bestimmt, von den deutschen Liberalen als Vorkämpfern des nationalen Verfassungsstaates; was dabei häufig zu kurz kommt ist, dass dieser liberale Nationalstaat für viele Liberale im Gegensatz zu Bismarck eben kein Wanderer zwischen den Welten, zwischen Ost und West sein, sondern immer in fester Bindung zum Westen stehen sollte. Das gilt für 1848, wo man sehr enttäuscht war über die Ablehnung der Vorhaben in der Paulskirche durch die beiden europäischen Westmächte – die USA schickte damals einen Botschafter nach Frankfurt –, das gilt für den Krimkrieg, das gilt für die großen Hoffnungen, die viele Liberale auf den nach England verheirateten Kronprinzen und späteren 99-Tage-Kaiser setzten, das gilt in gewisser Weise auch für die frankophilen Neigungen eines Friedrich Naumann und Gustav Stresemann. Heutige Liberale fühlen sich zweifelsohne als Teil der westlichen Welt und haben deshalb große Schwierigkeiten mit Schlagworten wie das vom sogenannten „Deutschen Weg“.

Ein weiteres Problem für den Ausstellungsmacher ist: Wen soll man darstellen? Die liberale Bewegung in Deutschland hat eine Reihe von illustren, mitunter auch großen Persönlichkeiten aufzuweisen, so dass man zwangsweise auswählen muß. Dass die Namen Naumann, Stresemann, Heuss, Scheel und Genscher nicht fehlen dürfen, ist wohl unumstritten. Aber dann wird es schon schwierig: Geht man nach Bekanntheitsgrad, dann müssten wohl in erster Linie Persönlichkeiten der Gegenwart auftauchen. Von denen ist mitunter noch nicht ganz klar, wie wichtig sie für den Liberalismus sind. Nach dem Motto „de vivis nihil nisi bene“, also über lebende Liberale nur Gutes zu reden, verweise ich in diesem Zusammenhang auf einen tragischen Fall von vor knapp zwei Jahren: Hätte man den Betreffenden im Jahre 1990 dargestellt, dann hätte er sicherlich als aufsteigender Stern gegolten, fünf Jahre später hätte das schon wieder ganz anders ausgesehen, weitere fünf Jahre später, im Mai 2000, noch wieder anders. Und heute? Sie wissen sicherlich längst, wen ich meine.

Dagegen dürfte ein Name wie der Eugen Richters jetzt nur noch den wenigsten geläufig sein. Ende des 19. Jahrhunderts war dieser der mächtigste Mann des freisinnigen Liberalismus, obwohl er nie etwas anderes war als Parlamentarier und nicht einmal ein bei Wahlkämpfen besonders erfolgreicher. Deshalb kam er nach 1900 auch unter Linksliberalen in Verruf; gerade Friedrich Naumann war angetreten, Richters Position zu überwinden. Aber im Zuge der Debatte über unseren Wohlfahrtsstaat hat man Eugen Richter quasi wiederentdeckt, war er doch ein scharfer Kritiker Bismarcks, auch in Bezug auf dessen Sozialpolitik. Eugen Richter werden Sie also in der Ausstellung finden.

Und neben ihm auffällig viele liberale Frauen. Deshalb sollten Sie nun aber nicht denken, dass die deutschen Liberalen die Emanzipation von Frauen besonders gefördert haben. Gut, sie taten dies sicherlich mehr als im konservativen Lager, aber tonangebend waren in den liberalen Parteien bis weit ins 20. Jahrhundert Männer. Bis heute hat es keine Vorsitzende der FDP gegeben, auch unter den Ministern und sonstigen Granden der Partei waren die Frauen immer in der Minderheit. Die Ausstellungsmacher wollten den liberalen Frauen also in gewisser Weise und sicher auch in guter Absicht Wiedergutmachung leisten, aber das sollte nicht zu dem Eindruck führen, die Bäumers, Hamm-Brüchers und Schwaetzers hätten die Grundlinien des organisierten Liberalismus bestimmt. Zumindest habe ich das in meiner Zeit nicht mitbekommen.

Was ich persönlich an der Ausstellung schätze, ist, dass sie die - populär gesprochen - Knackpunkte in der liberalen Geschichte nicht ausblendet: Ich nenne nur die Zustimmung zu den Bismarckschen Sozialistengesetzen 1878 und danach und die Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz 1933. Aber das sind sicherlich die auffälligsten, aber beileibe nicht die einzigen Fehlleistungen deutscher Liberaler. Auch die FDP ist wie jede andere Partei vor Fehlentscheidungen, siehe Finanzierung der deutschen Einheit, siehe Projekt 18, nicht gefeit. Das wird man ertragen müssen; wichtig ist vielmehr, wie man nachher, wenn der Fehler offensichtlich geworden ist, damit umgeht. Die Ausstellung zeigt für mich eine positive Möglichkeit.

An einer Stelle würde ich die Ausstellung, wenn ich sie denn jetzt machen dürfte, ergänzen: Man könnte meinen, zwischen 1933 und 1945 wären die Liberalen alle verschwunden gewesen. Das kann schon deshalb nicht stimmen, weil viele von denen, die nach 1945 liberale Politik gemacht haben, sich schon vor 1933 für den Liberalismus engagiert hatten. Waren diese also alle entweder im Exil oder in der inneren Emigration verstummt, oder schlimmer noch, haben sie bei der NS-Diktatur mitgemacht? Letzteres gab es auch, aber das war nicht die Mehrheit der Weimarer Liberalen. Diese hat sich eher unauffällig verhalten, was man ihr nicht verdenken kann. Aber anders als häufig behauptet wird, gab es auch so etwas wie liberalen Widerstand. Nicht besonders intensiv und effektiv, aber doch nennenswert. Zu denen, die offen oder verdeckt gegen das System opponierten, gehörten viele im Exil, meist jüdischen Glaubens, aber auch in Deutschland verbliebene wie Theodor Heuss, Thomas Dehler oder Hans Reif. Häufig wird auch übersehen, dass bekannte Männer des Widerstandes wie Hans von Dohnanyi, Klaus Bonhoeffer oder die Männer des Freiburger Kreises entweder zuvor bei den Weimarer Liberalen engagiert gewesen waren oder entschieden liberale Überzeugungen vertraten. Entgegen der marxistischen Geschichtsklitterung waren Liberalismus und Nationalsozialismus eben doch unvereinbar.

Ich will Sie jetzt aber nicht weiter mit meinen Assoziationen langweilen, die mir beim Wiederbetrachten der Ausstellung kommen. Ich will vielmehr anregen, sich selbst ein Bild davon zu machen und Ihre eigenen Gedanken über die liberale Tradition in Deutschland zu entwickeln. Dann werden Sie sicherlich wie ich zu der Auffassung kommen, dass diese Tradition doch schon recht bedeutend ist. Und so hoffe ich, werden Sie die einleitend vorgetragene Interpretation, Deutschland wäre kein Land des Liberalismus, in das Reich der Legenden verweisen. Der deutsche Liberalismus braucht sich mit seiner Tradition nicht zu verstecken, seine Leistungen sind schon anerkennenswert, auch wenn man sich vielleicht einen größeren Einfluß gewünscht hätte. Dies gilt nicht nur für die Tagespolitik, sondern auch für die liberale Ideenwelt, auf die hier kaum eingegangen werden konnte. Auf die großen Denker deutscher Sprache hatte ich schon anfangs hingewiesen. Aber auch später gibt es großartige Werke aus liberaler Feder, etwa Wilhelm von Humboldts „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ oder die liberale Bibel des Vormärz, das Staatslexikon von Rotteck und Welcker. Auch die Namenspatrone unserer Stiftung, Friedrich Naumann und Theodor Heuss, haben wichtige Werke hinterlassen. Im späten 20. Jahrhundert sind auf ihren Spuren Denker wie Werner Maihofer und Ralf Dahrendorf weitergegangen.

Allerdings sollte diese politische und geistige Tradition kein sanftes Ruhekissen sein, die liberale Mission ist gerade hierzulande noch längst nicht erfüllt. Im Gegenteil, der Liberalismus ist heute vielleicht wichtiger als jemals zuvor. Insofern sollten zumindest die Liberalen unter Ihnen diese Ausstellung nicht als selbstzufriedene Rückschau, sondern als Ansporn für Zukunft ansehen. Und diejenigen, die sich noch nicht als Liberale fühlen, sollten sich fragen, ob sie nicht vielleicht in einer falschen Traditionslinie bisher standen und ob sie das nicht ändern sollten. In diesem Sinne viel Spaß und Vergnügen bei der Betrachtung.

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