Christian Lindner
Von Skandinavien lernen heißt weniger Bildungspolitik wagen
Die Bildungspolitik ist traditionell Schauplatz von ideologischen Auseinandersetzungen und Materialschlachten mit wissenschaftlichen Studien. Die Ergebnisse der internationalen Pisa-Untersuchung, die eigentlich niemanden hätten überraschen dürfen, haben der Bildungsdebatte nun einen neuen Bezugspunkt gestiftet: Skandinavien. Finnland und Schweden schnitten in den Untersuchungsfeldern Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Grundlagen überdurchschnittlich gut ab. Überdies sind die Leistungsunterschiede zwischen den stärksten und schwächsten Schülern sowie der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernergebnis geringer als hierzulande. Es gilt allerdings zu bedenken, dass Spitzenleistungen eher selten sind. Die skandinavischen Förderbemühungen bewirken gewissermaßen eine Nivellierung auf mittlerem Leistungsniveau.
Die Organisation sowohl des finnischen
als auch des schwedischen Bildungswesens
unterscheidet sich deutlich vom deutschen
Modell. Die Politik beschränkt sich auf
grundsätzliche Fragen, die zentrale Verwaltung
insgesamt auf die Evaluation und Beratung
von Bildungseinrichtungen:
In beiden Ländern können die Schulen
ein individuelles Profil mit eigenen curricularen
Schwerpunkten entwickeln. So sind
einzelne Schulen z. B. eher fremdsprachlich,
andere eher naturwissenschaftlich ausgerichtet.
Jede Schule erhält Personal- und Sachmittelbudgets
in Abhängigkeit von ihrer
Schülerzahl. Wandern Schüler aufgrund von
Qualitätsproblemen ab, erhält sie somit weniger
Haushaltsmittel.
Ob das Budget eines Jahres etwa für die
Lehrerfortbildung, die Individualisierung des
Unterrichts oder eine neue Küche verwendet
wird, entscheidet das Schulmanagement.
Autonomie und Evaluation …
Mit der gewährten Autonomie ist in beiden
Ländern eine zentrale Evaluation der
Leistung der einzelnen Schulen und ihrer
Schüler durch von der Politik unabhängige
Bildungsagenturen verbunden. Dabei werden
sowohl der Lernfortschritt der Schüler
als auch der Leistungsstand der Schule in
Relation zu Einrichtungen mit vergleichbaren
Rahmenbedingungen gemessen. Die Ergebnisse
der regelmäßigen Einzeluntersuchungen
diskutieren die Wissenschaftler der
Agentur mit den Lehrenden, damit diese mit
professioneller Unterstützung Maßnahmen
zur Leistungsverbesserung entwickeln können.
Zusammen mit einer Stellungnahme der
Schule werden die Befunde und die geplanten
Konsequenzen veröffentlicht. Bei der
nächsten Evaluation wird dann geprüft, ob
die eingeleiteten Schritte erfolgreich waren.
Im Ergebnis soll somit ein kontinuierlicher
Verbesserungsprozess begründet werden.
Zur individuellen Leistungsfeststellung dienen
entweder in Teilen (Schweden) oder
komplett (Finnland) zentral gestellte Tests.
... begünstigen individualisierte Förderung
Gerade die Befürworter der Gesamtschule
berufen sich gerne auf die skandinavischen
Erfolge, da in Finnland wie auch in
Schweden alle Schüler von der ersten bis
zur neunten Klasse in einer Schulform
unterrichtet werden. Erst danach wird entschieden,
ob der Einzelne auch noch die
leistungsabhängig zwei- bis vierjährige
Oberstufe absolviert. Ein schlichter Beleg für
die Überlegenheit heterogener Lerngruppen
ist diese Praxis aber nicht. Zudem verdeckt
der Strukturvergleich mehr als er offenbart:
Das Ideal des skandinavischen Bildungswesens
ist die Individualisierung der Bildungsprozesse
durch maßgeschneiderte
Fördermaßnahmen. Die scheinbar integrierte
Beschulung kann deshalb mitunter hochselektive
Züge haben. Allerdings dürfen sich
die Lordsiegelbewahrer des gegliederten
Schulsystems dadurch nicht bestätigt fühlen.
Im Gegenteil: Wenn die Möglichkeit besteht,
sich der zeitaufwändigen Förderung
eines schwierigen Einzelfalls durch Wiederholung
der Klasse oder Verweis auf eine andere
Schulform zu entziehen, wird sie nicht
selten auch genutzt.
Die überkommene Strukturdebatte lenkt
also von dem ab, was eigentlich zu tun ist.
Zum Beispiel müssen andere Professionen
eingebunden werden. So arbeiten immer sowohl
ein Schulpsychologe als auch ein
Schularzt für eine schwedische Schule. In
Finnland gibt es zudem pro Schule einen Kurator,
der Zwistigkeiten in den Klassen
schlichtet, und einen Speziallehrer, der gemeinsam
mit dem Lehrenden schwache
Schüler an das Lernziel heranführt. Die
psychologische und ärztliche „Grundversorgung“
führt im Ergebnis auch dazu, dass
sich die Lehrkräfte intensiver und besser auf
die Vermittlung von Wissen und Methoden
im Unterricht konzentrieren können. Die Anwesenheit
der Schüler in der Schule erstreckt
sich dafür über das gemeinsame Mittagessen
hinaus bis in den Nachmittag, der
allerdings weniger für Unterricht und mehr
für die Einzelfallförderung, fächerübergreifende
Projekte und freiwillige freizeitpädagogische
Angebote, vergleichbar der deutschen
Jugendhilfe, genutzt wird.
Vierzig Jahre Reformen in Deutschland
In Deutschland folgt seit vierzig Jahren
eine Bildungsreform der anderen. Es sind
ausnahmslos Reparaturen, die den Stempel
grüner Tische tragen. Ein modernes, attraktives
und sich mit der Gesellschaft wandelndes
Bildungssystem konnte sich so nicht
entwickeln. Der große, wissenschaftlich fundierte
und von allen mitgetragene Konsens
in der Bildungspolitik ist mehr denn je eine
Illusion. Die eigentliche Lektion aus den finnischen
und schwedischen Ergebnissen ist
deshalb, dass sich der Erfolg eben nicht
einer besseren Planung und Steuerung der
Bildung durch die Politik verdankt, sondern
der den Verantwortlichen vor Ort gewährten
Freiheit. Die durch Evaluation erreichte Leistungstransparenz
und die durch die Bereitstellung
hinreichender Ressourcen ermöglichte
individualisierte Förderung flankieren
diesen Ansatz.
In Deutschland maßen sich Bildungspolitiker
hingegen auch heute noch das Wissen
an, über pädagogische Methoden und
Schulformen politisch entscheiden zu können.
Der Paradigmenwechsel ist daher überfällig:
Wir müssen auf den Wettbewerb aller
Formen und Wege setzen, Menschen lebenslanges
Lernen und kulturelle Kompetenz zu lehren, damit sie in unserer Gesellschaft
die wechselnden An- und Herausforderungen
gestalten können. Dabei geht es
nicht um die blanke Ökonomisierung von Bildungsprozessen,
sondern um die Mobilisierung
des »in der Gesellschaft verstreuten
Wissens« durch den »Wettbewerb als Entdeckungsverfahren
«, um mit Friedrich-August
von Hayek zu sprechen. Eine zukunftsweisende
Bildungspolitik kann und sollte
insofern nicht mehr als Ordnungspolitik sein.
Eine liberale Vision für 2015
Deutschland 2015: Die Bundesländer bestimmen
nur noch über die gesellschaftspolitischen
Ziele des Bildungswesens und den
ordnungspolitischen Rahmen innerhalb dessen
staatliche und nichtstaatliche Einrichtungen
unter gleichen Bedingungen einen
inspirierenden Wettbewerb beginnen. Wenige
gesetzliche Vorgaben zu den grundlegenden
Lernzielen und zu den Qualitäten
der Lehrenden ersetzen den heutigen Regelungswust.
Zwischen den Landesgesetzgebern
herrscht ein heftiger Wettbewerb um
den besten Ordnungsrahmen, der Bund hat
hingegen alle Kompetenzen (inkl. Hochschulrahmenrecht!)
abgegeben. Bildung
wird konsequent da organisiert, wo sie den
konkreten Bedürfnissen am nächsten ist. Die
Schulen beispielsweise entscheiden über
ihre innere Ordnung von der Einstellung von
Lehrkräften über ihre Curricula, Lehrmethoden
und Unterrichtszeiten bis hin zu den Aufnahmebedingungen
für Schüler und der Verwendung
der öffentlichen Gelder in eigener
Verantwortung. Steht etwa für einen Kindergarten
die feministische Auflösung von Geschlechterrollen
im Zentrum seines Wirkens,
verständigt sich die Schulgemeinde eines
Gymnasiums auf die Auflösung aller Leistungskurse,
will eine Hochschule die
Fusion aller Fakultäten für einen Universalstudiengang,
dann werden die Bildungsnachfrager
in Verbindung mit unabhängigen
Evaluationsagenturen über Erfolg oder Misserfolg
entscheiden – und nicht wie früher die
Aufsichtsbehörden nach Aktenlage. Die Teilnahme
an Qualitätssicherungsmaßnahmen
und deren Publikation ist für alle Bildungseinrichtungen
gesetzlich vorgeschrieben.
Eltern und später die Schüler und Studenten
suchen sich das Angebot, das ihren
ethischen und pädagogischen Vorstellungen
am besten entspricht. Jedes Kind erhält
dafür ab dem 1. Lebensjahr unabhängig
vom sozialen Hintergrund in jedem Jahr
einen individuellen Bildungsgutschein. Der
Staat überweist seine Bildungsausgaben
damit nicht mehr an die Anbieter, sondern
an die Nachfrager. Besonderen Fördernotwendigkeiten
wird durch einen höheren
Gutscheinwert Rechnung getragen. Kindertagesstätten,
Schulen, Hochschulen, Fachhochschulen,
Weiterbildungseinrichtungen
sowie Institutionen der Erwachsenenbildung
rivalisieren um die Inhaber der Gutscheine
und konkurrieren damit um optimale Bildungsergebnisse.
Alle Abschlüsse erlangen
die Lernenden jeweils nach einem einrichtungsindividuellen
Prüfungsverfahren mit
zentral gestellten Komponenten in Kernbereichen
bzw. -fächern.
Wider den volkserzieherischen Anspruch
Diese Vision fordert von allen Beteiligten
die Bereitschaft, den Glauben an zentrale
Steuerung abzulegen und jeden „volkserzieherischen“
Anspruch aufzugeben, um paradoxerweise
durch weniger Bildungspolitik
mehr Bildungserfolg zu erzielen. Aber im
hier wie überall gilt, dass innerhalb einer
Ordnung eigenverantwortliche Individuen
mit ihrer Kreativität jeder staatlichen Bürokratie
überlegen sind.
Christian Lindner, Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, Düsseldorf.
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