Dass Menschen gerade in den neuen Bundesländern auch heute noch an den Sozialismus glaubten, habe wohl auch mit einer romantischen Sehnsucht zu tun, die gerade in schwierigen Übergangsphasen Wirkung entfalte: Man möchte irgendwann in einer geordneten Gesellschaft ankommen, in der sich alles günstig regele ohne Diskurs und heftigen Interessenausgleich und Konflikte. Und dieses tief verwurzelte Erlösungsbedürfnis vieler Menschen sei die Basis für populistische Propaganda, die das Sehnsuchtspotenzial der Menschen anspreche und daher so gefährlich sei. Man könne in Deutschland von einer „neuen Neigung zu einer alten Romantik“ sprechen. Darum müssten die Liberalen kämpfen und immer wieder Mut aufbringen: „Diese Freiheit versteht sich nicht von selbst.“
Gauck: Mentalität des Gehorsams
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| Bis auf den letzten Platz besetzt: Das Hambacher Schloss |
Aber auch im Westen, so Gauck weiter, sei eine – wenn auch da und dort anders gelagerte und motivierte – „Furcht vor der Freiheit“ nachweisbar. Auch hier pflegten Politiker vielfach ein paternalistisches Politikverständnis: „Wo das Wort Landesvater auftaucht, ist das Landeskind nicht weit.“ Vielen Westdeutschen, so sein Eindruck, wäre ein aufgeklärter Fürst, der alles für sie regele, wohl auch am liebsten. Darüber hinaus gebe es die Erfahrung, dass der Gewinn der Freiheit verbunden sei mit der Bedrohung von Unbehaustheit und Unsicherheit, oftmals begleitet von Angst. Denn zum Leben in Freiheit gehöre unzweifelhaft Mut. Und dieser Mut sei leider auch in der Politik Mangelware. Die Folge sei, dass man sich meist an den Ängsten der Menschen orientiere statt an ihren positiven Möglichkeiten von Verantwortung und Freiheit. Er habe nichts gegen Libertinage. Da wolle er nicht missverstanden werden: „Aber wir verfehlen doch unsere Lebensmöglichkeiten, wenn wir es dabei belassen.“ Wenn wir als aufgeklärte Bürger von Patriotismus sprechen, dann liefen wir nicht einem Wahn nach sondern erinnerten an die großen Errungenschaften der deutschen Demokratieentwicklung und darauf könnten wir stolz sein.
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